Petersdom im Vatikan Zwölf Stunden Trubel

Das pompöseste Gotteshaus des Abendlandes ist St. Peter. Der Dom im Vatikan zieht zu Tausenden Pilger aus aller Welt an. Sie betreten ein Theatrum Sacrum, stehen sich auf den Füßen, staunen knipsend und kaugummikauend und kehren beseelt zurück ans Tageslicht.


Frühmorgens, wenn die Espressomaschinen noch kalt sind und auf dem Petersplatz nur das Rauschen der Brunnen zu hören ist, wenn die Obdachlosen in den Kolonnaden sich aus ihren Pappen schälen, wenn im Borgo jede Gasse noch dunkel, der Himmel mit der möwenumkreischten Kuppel mittendrin aber schon hell und vielversprechend ist - frühmorgens also, so um halb sieben, kreisen im Petersdom zwei kleine kompakte Putzmaschinen über den Marmor.

Auf ihnen hocken, wie verschlafene Kutscher, zwei Angestellte der Domverwaltung, denen gegeben ist, was in zwei Meter hohen Lettern auf Goldgrund in der Kuppel steht: CLAVES, die Schlüssel, wenn nicht zum Himmel, so zumindest zur Pforte des Zentraldoms der Christenheit. Aber die bleibt noch zu. Erst wird gewischt. In der Sakristei zieht sich eine Gruppe von Schwarzen um, Bischöfe aus Benin beim Ad-limina-Besuch zwecks Berichterstattung aus den Bistümern, der alle fünf Jahre fällig ist. Die märtyrerblutroten Messgewänder hängen noch unschuldig an einer Kleiderstange.

"Ha-a-leh-luu-ja ..." Das kommt von draußen. Vorm Gitter stehen die Ersten, die Reinen, die Guten. Eine hagere Schwester in Sandalen und mit Rucksack eilt die Stufen hinauf, zu ihrer Besuchergruppe aus den USA. Hinter ihr ein Priester, von Rasierwasser umwölkt und mit seinem Brevier in der Hand. "Oremus", steht darauf. Lasset uns beten. Die Amerikaner haben schon mal angefangen und singen in die jetzt hinter dem Tivoli über die Gennaro-Berge steigende Sonne hinein. Ein Dominikaner wartet und ein asketischer, ein dünnes Stäbchen rauchender Bärtiger, der aussieht, als habe er die Nacht draußen verbracht.

Am Kiosk des Osservatore Romano werden die neuesten Nachrichten ausgehängt: "Good news: God is merciful love!" So steht es heute auf der englischen Ausgabe. Hinter dem Gitter hantiert nun ein Herr in hellem Anzug umständlich mit dem handtellergroßen Vorhängeschloss. Dann, beim ersten von sieben Glockenschlägen, sind die Tore geöffnet, das Dutzend Frühbesucher eilt, hastig wie beim Schlussverkauf, durch die Vorhalle und zu den von übergewichtigen Putten gehaltenen Weihwasserbecken.

Schon werden Hostien umhergetragen, aus der Sakristei erscheinen Priester und balancieren wie eilige Kellner Tabletts vor sich her, mit Altarzubehör, Kelch, Hostienschale, Korporale. An den Beichtstühlen werden die Lampen angeschaltet, einer wurde kürzlich mit einem schlichten Zettel nachgerüstet: "Chinesisch".

Ein junger italienischer Priester steht bestens gelaunt und ausgeschlafen am Grab von Johannes XXIII.: "Nach dem polnischen Papst schickte der heilige Geist Benedikt XVI., und es wurde wieder etwas leiser, wie im Chorgebet der Mönche." Zwei Dutzend Ältere mit gelben Halstüchern nicken, Johannes XXIII., il Papa buono, behält sein wächsernes Lächeln.

Warten auf Einlass in die Unterwelt

Die Sonne steht nun über Tivoli und wirft ihre ersten Strahlen direkt durch die Dompforte, flach über den Marmor auf den letzten Putzwagen, der hinter Berninis Baldachin kreuzt, 186 Meter weit zum leeren Thron Petri und dann auf St. Ambrosius, den Westkirchenvater, wo sie liegen bleiben. Wer jetzt, mit diesem Licht im Rücken, die Basilika betritt, den umgibt, egal ob Pilger oder Ketzer, eine goldene Aura, und er wirft seinen Schatten bis zum Allerheiligsten. 7.05 zeigt die Uhr, und schöner wird es lange nicht mehr werden.

Hinter einer Säule, gegenüber den hübschen Engelhintern am Grabmal Jakobs III., sitzen im Funzellicht zwei Angestellte und reden über Dienstpläne, Fußball und andere Ungerechtigkeiten der Welt. Am Longinus-Pfeiler wartet die amerikanische Pilgertruppe auf den Einlass in die Unterwelt, das Grottengewölbe, wo die Päpste bis zur Auferstehung zwischengelagert werden. Von unten herauf, durch die Bodenöffnung überm Grab von Pius XII., sind schon Stimmen zu hören, Murmeln, dann etwas Gregorianisches. Da unten ist um diese frühe Stunde mehr Betrieb als oben in der Basilika.

Am Petrusgrab, dem heiligsten Fleck Roms, stehen die Bischöfe aus Benin und feiern die Eucharistie. Einen Altar weiter knien die Pilger aus Polen, Spanisch ist zu hören, Italienisch, Deutsch und nochmals Polnisch. Etwas entfernt sitzt ein Wärter an einer einfachen Grabplatte, in Begleitung zweier sich regelmäßig von links nach rechts und zurück drehender Ventilatoren. Eine Rose, in Stanniol gewickelt, liegt einsam auf dem Stein. Morgens nach sieben ist der einzige Moment, Johannes Paul II. ganz für sich allein zu haben.

Das bronzene Licht hat sich oben im Mittelschiff inzwischen stark versilbert. Eine erste Gruppe Pilgertouristen kommt auf ihren Sneakers herangequietscht, die Frauen etwas zu blond und zu eng die Dreiviertelhosen, die Männer fleischig, mit praktischen Essbeuteln behängt und in alle Richtungen blitzend. Pilger aus den neuen EU-Beitrittsgebieten und deswegen doppelt fromm. "Cattedra? - Avanti! - Da ist jetzt die Polengruppe", quäkt das Walkie-Talkie.

Lizenz zum Palmzweig-Verkauf

Oben auf dem Zwischendeck zur Kuppel faucht nun auch die Kaffeemaschine der kleinen Cafeteria. Am Fuße der Treppe zur Kuppel steht derweil ein Herr und entwertet mit einer Schaffnerzange die Biglietti, zwei Kollegen sitzen im Kassenhäuschen. Vielleicht hätte es auch einer getan, aber die Jobs in St. Peter sind begehrt, weil krisenfest. Wer im Vatikan auf der Lohnliste steht, ist laut Lateranverträgen von aller Steuerlast befreit. Und außerdem berechtigt, im Supermarkt Biomilch aus den päpstlichen Stallungen in Castel Gandolfo zu kaufen.

In manchen römischen Familien werden daher St.-Petrus-Ämter ebenso weitergereicht wie Kardinalstitel in anderen. Die Nachkommen jenes Seemanns namens Bresca, der im Jahr 1586 beim Aufstellen des Obelisken trotz Schweigegebots ausrief: "Wasser auf die Seile!" und damit eine Katastrophe verhinderte, diese Nachkommen haben bis zum heutigen Tage das päpstliche Privileg, am Palmsonntag Palmzweige zu verkaufen.

"Eltere Besucher und Herzkranke" werden aufgefordert, den Lift hinauf zur Kuppel zu nehmen. Vom Kuppelkranz ist zu sehen, wie sich tief unten auf dem Petersplatz die Schlange bildet, innerhalb weniger Minuten ist sie von dem nördlichen Pilgerbrunnen die Kolonnaden entlanggewachsen, und schon steht ihr Ende an der gegenüberliegenden Kolonnade.

Jetzt kommen sie. Pilgergruppen aus Manfredonia, das Jugendpastoral aus Linz, die "Musikgesellschaft Oberrüti", Schwestern des hl. Joseph von Cluny, Mitglieder und Gäste der katholischen Studentenverbindung "Capitolina". Dennoch dauert es nur 25 Minuten bis zu den zwei Sicherheitsschranken. Denn wenn die dort postierten Polizisten auch alttestamentlich streng sein sollten und strafend, so sind es doch Römer. Und also nachsichtig, gütig und verzeihend wie der Nazarener: Lasst es ruhig piepen im Detektor.



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