Polen Die goldene Jugend Krakaus

Sie studieren, sie feiern, sie haben mehrere Jobs, und sie halten sich immer alles offen. Jede Begegnung wirkt so intensiv, als müssten sie gleich Abschied nehmen. Nichts ist sicher und schon gar nicht für immer. Nur die Sehnsucht bleibt. Autorin Jana Simon begegnet Polens Jugend.


Wo bleiben sie denn? Auf dem Marktplatz von Krakau warten drei Frauen auf Freunde
Marcus Höhn / laif

Wo bleiben sie denn? Auf dem Marktplatz von Krakau warten drei Frauen auf Freunde

Vor zwei Jahren erschien in der größten polnischen Tageszeitung ein Artikel des Punkrockers Kuba Wandachowicz. Darin beschrieb er die Generation der Mittzwanziger als eine "Generation Nichts" - desillusioniert, ohne Perspektiven, in der Leere der Konsumgesellschaft gestrandet.

Pawel sitzt im Café Pauza in der Florianska und nuckelt an seinem Caipiroska, stützt den Kopf auf die Hände. Er kann mit dieser Charakterisierung nicht viel anfangen. Sein Lebensgefühl und sein Terminkalender entsprechen eher einer "Generation Alles". "Es gibt viele, die traurig sein wollen", sagt er. Die in Melancholie schwelgen und alles furchtbar finden. "Ich versuche, so viel wie möglich zu machen."

Pawel ist vor fünf Jahren aus dem oberschlesischen Sosnowiec nach Krakau gezogen. Er hat ein Jahr in Wuppertal gelebt, spricht Deutsch nahezu perfekt, sein Englisch ist gut. Er studiert Journalistik und Public Relations. Für seinen "exzessiven Lebensstil", wie er ihn beschreibt, braucht er circa 500 Euro im Monat. Seine Eltern unterstützen ihn. Die Mutter ist Designerin, entwirft Kleider für eine französische Firma, der Vater Grafiker. Pawel arbeitet nebenbei, organisiert für deutsche Theaterprojekte locations und übersetzt. Er kennt Berlin und Paris, trägt G-Star und Puma, schwärmt für "Lola rennt"-Regisseur Tom Tykwer und hat sich in Pina Bauschs Tanztheater "verliebt".

Kanonenfutter des polnischen Kapitalismus

Pawel blickt sich um. Zeit zu verschwinden. Ein Kneipenwechsel am Abend ist Pflicht. Pawel erreicht sein Ziel, das "Piekny Pies", eine Bar in einer Seitenstraße vom Markt. Drinnen ist es voll, die Wände schimmern gelblich, der Rauch treibt Tränen in die Augen. Pawel bestellt Tatanka: Wodka mit Apfelsaft, ein süßliches Gemisch, das lustig macht und später schwermütig. Weiter hinten, wo der Rauchnebel die Menschen wie Geister umhüllt, sitzt Anne aus Berlin. Pawels beste Freundin und heimlicher Schwarm. Pawel hockt sich neben sie. Es gäbe auch ein Buch über seine Generation, sagt er noch. Es heißt: "Frustracja". "Ist mir aber zu depri." Dann beugt er sich zu Anne, fingert die nächste Lucky Strike aus der Schachtel. Schon zwei Uhr früh. Egal. Es wird eine lange Nacht.

Einer der Autoren von "Frustracja", Jan Sowa, sitzt nicht weit von Pawel entfernt im Café des "Bunkier Sztuki", einer Galerie für Moderne Kunst, die von außen wie ein Bunker aussieht, grau und fensterlos. Jan ist Kurator, organisiert Diskussionen, Konzerte und Lesungen. Er hat Psychologie studiert, 55 Länder bereist, spricht drei Sprachen und sein Handy klingelt fordernd.

Jan Sowa ist 28. "Wir sind das Kanonenfutter des polnischen Kapitalismus", sagt er in die Stille und lauscht dem Klang nach. Früher haben alle vereint gegen den Sozialismus gekämpft. Er erinnere sich noch an die Sirenen der nahen Polizeiwache in den Nächten des Kriegsrechts der 1980er Jahre; und daran, wie sein Großvater abends das Haus mit einem Schlafsack verließ, um vor der Metzgerei zu nächtigen. Falls es am nächsten Morgen Fleisch geben sollte.

Von mono auf stereo

Der politischen Wende folgte die Euphorie, die die Generation der heute 40-Jährigen empor jagte. Jan hat gehört, dass Anfang der 1990er Jahre Menschen in Anzügen durch die Krakauer Uni liefen und Mitarbeiter für das Außenministerium suchten. In diesem Leben schien alles möglich. Jan vergleicht das damalige Gefühl mit einem Walkman, der immer mono spielt und von einem Augenblick auf den anderen auf stereo umschaltet. Das bedeutete Glück und Überforderung zugleich.

Bis Mitte der 1990er Jahre habe der süße Taumel der neuen Freiheit angehalten, sagt Jan. Dann folgte der Absturz in die Wirklichkeit. Seine Generation sei mit dem Gefühl aufgewachsen, nicht gebraucht zu werden. Die Arbeitslosigkeit der unter 25-Jährigen liegt bei rund 40 Prozent. "Wir waren zu jung, um an der Wende aktiv mitzuwirken und zu jung, um vom Wachstum der ersten Jahre zu profitieren." Eine Zwischengeneration. Zur Resignation neigend, aber auch zu besonderem Eifer.

Die Cola ist alle. Ihm selbst gehe es nicht schlecht, sagt Jan. Er hat einen Job, diesen Sommer wird er nach Indonesien fahren. Vielleicht. Im Gegensatz zu Pawel meidet er die Krakauer Bars und Cafés. Zu kommerziell. Er geht manchmal in ein altes Restaurant, "U Stasi". Essen gibt es da, solange der Vorrat reicht - zu trinken nur Kompott oder Buttermilch. "Da hat sich seit meiner Kindheit nichts verändert", sagt Jan Sowa. Es klingt wehmütig.

Pawel kennt das Lokal, er ist selten dort. "Polnische Küche ist out", sagt er. Zu fett. Er bevorzugt italienische. Es ist elf Uhr früh, Pawel sitzt im "Vis a Vis", dem Traditionscafé der Krakauer Intellektuellen am Markt. In Pawels Mundwinkel brennt die Morgenzigarette, seine Augen sind rot wie Bratäpfel. Sieht er sich als Osteuropäer? Er breitet die Arme aus. Ein Weltbürger sei er, aber eher Richtung Westen orientiert, Osten bedeute arm zu sein.



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