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Portugal: Weinpanscher auf die Galeere

Weinproben, Kellereibesuche und Ausflüge in das älteste geschützte Weinbaugebiet Europas - in der alten Seefahrer- und Handelsstadt  Porto dreht sich alles um den berühmten Portwein.

Porto - Ausgelassenes südländisches Flair wie am Mittelmeer dürfen Besucher nicht erwarten, wenn sie nach Porto kommen. Auch die sichtbare Lebensfreude von Lissabon fehlt der Stadt. Der Schriftsteller Gustav Faber fand hier die "kaufmännische Sachlichkeit", wie man sie in Deutschland in Hamburg antrifft - und das beherrschende Ziel des Geldverdienens. Porto versprüht einen herben Charme, die Menschen geben sich distanziert-liebenswürdig. Ein Besuch in der zweitgrößten Stadt Portugals und ihrem weiteren Umland lohnt sich aber immer - zum Beispiel für Kultur- und Weinfreunde.



Der Name Porto klingt in den Ohren von Weinliebhabern in aller Welt besonders. Denn von hier stammt der berühmte Portwein. Die international bekannten Kellereien liegen gegenüber der Stadt Porto am südlichen Ufer des Douro-Flusses in Vila Nova de Gaia, einer selbstständigen, durch fünf Brücken mit Porto verbundenen Kommune. Hierher kommt jeder Tourist, zu fast allen Stadtrundfahrten gehören Weinproben und Kellereiführungen. Der Portwein ist ein bedeutendes Exportprodukt, und die Unternehmen schlagen kräftig die Werbetrommel.

Wer sich allein auf den Weg macht und etwas Zeit mitbringt, erlebt beim Ausflug nach Vila Nova de Gaia beschauliche Stunden. Von den Weinschenken aus blickt man auf das Panorama der Altstadt Portos. Die Häuser, manchmal bis zu acht Stockwerke hoch, ziehen sich vom langen Kai aus am Hang eines Granithügels aufwärts. "Seit 1996 ist dieses Gebiet Unesco-Weltkulturerbe", sagt Maria de Souza mit Stolz in der Stimme. Sie studiert Chemie an der Universität und jobbt in einer Kellerei als Fremdenführerin.

Douro-Tal: Ältestes geschütztes Weinbaugebiet Europas

Am Südufer des träge dahin fließenden Douro liegen als Erinnerung an frühere Zeiten flache Holzboote, "barcos rabelos" genannt. Sie transportierten bis vor wenigen Jahren die Weinfässer aus den Anbaugebieten flussaufwärts zu den Kellereien. Heute besorgen Tanklastwagen das Geschäft. "Wirtschaftliche Gründe", erläutert Maria de Souza. "Auf dem Fluss gibt es zu viele Staustufen."

Das Douro-Tal wurde von der Unesco als Naturdenkmal eingestuft. Es ist seit dem 17. Jahrhundert das älteste geschützte und scharf begrenzte Weinbaugebiet Europas und erstreckt sich über etwa 100 Kilometer Länge. Wer gegen das örtliche "Reinheitsgebot" verstieß, den schickte die Obrigkeit früher an den Galgen oder auf die Galeere.

An den Kais von Porto fehlt längst die rege Betriebsamkeit früherer Jahrhunderte. Nur Ausflugsboote, kleine Schiffe für mehrtägige Fahrten ins Weinbaugebiet und für Fischer liegen hier. "Dabei war der Hafen einst ein Zentrum des Welthandels", erinnert fast wehmütig der Exportkaufmann Ricardo Abreu an die Geschichte. "Vom 13. bis 15. Jahrhundert gab es hier auch die bedeutendsten Werften des Landes". Die Portugiesen sind stolz auf ihre große Vergangenheit.

Handel und Wirtschaft hatten in Porto schon immer einen hohen Stellenwert. Davon zeugt zum Beispiel der Börsenpalast von 1842, den die Vereinigung der Geschäftsleute errichten ließ und in dem der prächtige "Arabische Saal" in 20 Jahre langer Arbeit entstand. Die Unternehmen sitzen heute eher am Stadtrand, die guten Wohnviertel und Einkaufspassagen befinden sich außerhalb der Altstadt. Im Zentrum konzentrieren sich die Geschäfte auf die Rua Santa Catarina, wo man gerne im historischen "Café Majestic" einkehrt.

Kutteln für die Seefahrer

In Porto erinnern Gesprächspartner oft daran, dass ein Königssohn aus der Stadt Portugal den Weg in die Welt wies: Prinz Heinrich, genannt "der Seefahrer", setzte das Zeichen. "Mit seiner Flotte segelte er 1415 los, um die maurische Stadt Ceuta, die heutige spanische Enklave in Marokko, zu erobern", erzählt Ricardo Abreu.

Das Lieblingsgericht der Bewohner geht auf den Seefahrer zurück: Kutteln. Er ließ als Proviant alle Rinder schlachten und pökeln. Den Menschen in Porto blieben die Innereien, die tripas. Der beste Teil des Kalbsmagens wird noch heute in dünnen Scheiben gekocht mit weißen Bohnen, Mohrrüben, Schweinsohren, Hühnerfleisch und Räucherwurst auf den Tisch gebracht.

"Eine Delikatesse", ruft Senhor Antonio beim Servieren. Er arbeitet als Kellner in einem Lokal an der Uferpromenade. Die andere Spezialität ist Bacalhão, getrockneter Kabeljau, der nicht zubereitet einen strengen Geruch verbreitet. "Es gibt für jeden Tag ein anderes Rezept", erzählt Senhor Antonio. "Leider schmecken diese Gerichte nicht allen Touristen."

Die Touren ins Douro-Tal führen bis zur spanischen Grenze. Berge schützen die Gegend vor dem kühl-feuchten Atlantikklima. Der Fluss hat ein tiefes Bett in Schiefer und Granit gegraben, an den Hängen wurden in harter Arbeit Terrassenkulturen mühsam bewirtschaftet. Im Winter kann es in Extremfällen kurzzeitig bis minus 15 Grad kalt werden, im Sommer steigt die Temperatur mittags manchmal auf 40 Grad.

Als Alternative zum Schiff bietet sich entlang des Douro eine Autofahrt an. Sie führt über kurvenreiche, aber gut ausgebaute Straßen, die sich an den Hängen entlang schlängeln. "Die schönste Zeit hier ist der Herbst", meint Fremdenführer Pedro Vieira.

Am besten zu Fuß durch Porto

Man kann aber auch mit der Bahn fahren, die gelegentlich historische Dampfzüge einsetzt. Die Regionalzüge starten im Bahnhof São Bento, der 1915 nach 25 Jahren Bauzeit in Betrieb genommen wurde. Die Station ist eine Sehenswürdigkeit für sich: "Die Kachelbilder zeigen Szenen aus der Geschichte", erläutert der Bahnbedienstete Francisco Gonçalves. "An der Strecke entlang des Douro finden Sie schöne Stationen, vor allem den kleinen Bahnhof Pinhão." Zweieinhalb Stunden braucht man laut Fahrplan pro Strecke.

In nur einer Stunde erreicht ist von Porto aus die Kleinstadt Guimarães. "Hier wurde Portugal gegründet", erzählt der Historiker Eduardo Margalho aus Lissabon, der nach Spuren des Ursprungs Portugals sucht. "Es war 1139 die erste Hauptstadt." Die sehenswerten Reste des Kastells aus dem 10. Jahrhundert gelten als die am besten erhaltene romanische Burganlage des Landes. Schön präsentieren sich die Gassen mit den restaurierten mittelalterlichen Häusern.

Porto erobert man am besten zu Fuß. Eine der ältesten Straßen ist die Rua das Flores, die vom Zentrum zur "Ribeira" genannten Unterstadt am Kai führt. Im 18. Jahrhundert verkauften hier Gold- und Silberschmiede ihre Waren. Hinter den schmucken Fassaden merkt der Besucher deutlich den Verfall. Die Renovierungen nach der Ernennung zur "Kulturhauptstadt Europa 2001" lassen sich nur noch erahnen.

Unten am Kai hat sich das Nachtleben etabliert. Restaurants mit Blick auf den Douro und Discos sorgen für lebhaften Betrieb. Ein zweites Vergnügungszentrum entstand an der Flussmündung in den Atlantik, am Foz do Douro, wo sich die Strände der Stadt erstrecken. Hier zeigen Portos Bewohner, dass auch sie zu feiern verstehen: Zur Sonnwendfeier, der "Festa de São João" im Juni, schlagen sie alle Rekorde und übertreffen sogar die Hauptstädter aus Lissabon. Am Tag darauf konzentrieren sich allerdings alle wieder auf die Arbeit.

Von Horst Heinz Grimm, gms

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