Prater-Bildband: Alpträume im Vergnügungspark

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Glühender Himmel überm Kettenkarussell, rostrote Wolken am Riesenrad: In einem neuen Bildband zeigt sich der Wiener Prater in einem anderen Licht. Ein österreichischer Fotograf besuchte den Vergnügungspark bei Nacht - und begab sich auf eine Achterbahnfahrt der Farben.

Kupferne Nächte: Wiener Prater bei Nacht Fotos
Helfried Valenta

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Die Suche nach dem verborgenen Detail, ein Blick aus einer neuen Perspektive: Durch die Kameralinse betrachtet, sieht die Welt oft anders aus. Märchenhafter, wenn man Hässliches ausspart. Witziger, wenn man das Absurde fokussiert. Einsamer, wenn man zu einem Zeitpunkt kommt, an dem die Menschen gegangen sind. Der Österreicher Helfried Valenta veröffentlichte in seinem jüngst erschienenen Bildband über den Wiener Prater ein paar Aufnahmen, die ein surrealistisches Bild von einem Rummelplatz zeichnen: "Es geht mir nicht darum, wie der Prater ist, sondern wie er sein könnte."

Über einen Zeitraum von drei Monaten hat sich der Fotograf in den Stunden nach Mitternacht zwischen den verrammelten Buden des Praters herumgetrieben. Mal lag eine dichte Wolkendecke über Wien, mal tauchte der Mond den Park in ein dramatisches Licht. Entstanden sind zauberhafte Aufnahmen von einer abgeschmackten Szenerie, die einer Phantasie, aber auch einem Alptraum entspringen könnte: Von der "Zombie"-Geisterbahn glotzt der Sensenmann herunter, der riesige orangerote Krake des "Octopus"-Karussells kringelt seine Tentakeln in den Nachthimmel, eine Meerjungfrau mit Muscheln vor den Brüsten rekelt sich vor der Wildwasserbahn.

Auf manchen Fotos schillert der Himmel kupfern, auf anderen fällt er grau und bleiern auf die Dächer, und in einem Bild leuchtet er pink hinter einer künstlichen Berglandschaft namens "Heiligenblut". Es wirkt, als hätte jemand Wasser in einen enormen Tuschkasten gegossen und die pigmentierten Fluten über Wiens berühmtem Amüsierpark ausgekippt. "Die Farben entstehen durch eine Multiplizierung des Lichtes bei Langzeitbelichtung", sagt Valenta, der beteuert, die Bilder nicht verfremdet zu haben: Die von ihm benutzten Photoshop-Werkzeuge entsprächen den Mitteln, die früher in der Dunkelkammer verwendet wurden.

"Wenn das Tageslicht abnimmt, wechselt nicht nur das Publikum, sondern wirft sich die Architektur der Vergnügungskultur einen neuen Umhang glitzernder Eleganz um", heißt es im Vorwort zu Valentas Buch "Prater. Kupferne Nächte" (Metroverlag). Flimmernde Schriftzüge und rotierende Scheinwerfer flackern dann am Nachthimmel. Irgendwann drehen die Karussells ihre letzten Runden, die Achterbahn stürzt sich ein letztes Mal in die Tiefe. Wenn die letzten ekstatischen Schreie verhallen, ändert sich die Stimmung auf dem Jahrmarkt schlagartig. "Dann verstummt die permanente Kakophonie aus hämmernder Disco-Animiermusik und monotonem Leierkastenwalzer."

Genau in einem solchen Moment hat sich Valenta zum Prater begeben, ausgerüstet mit seiner Digitalkamera. "Der Rummel tagsüber, die Menschenmassen, der Alkohol, der in Strömen fließt - das sind Dinge, die ich gewöhnlich meide", sagt der Wiener. "Nachts jedoch, wenn der Geschäftsbetrieb eingestellt ist, und der Ort in seiner Stille vom täglichen Wahnsinn Erholung findet, war mir der Prater sympathisch."

Das ist auch schon alles Positive, was Valenta über den Wiener Unterhaltungspark zu sagen hat. An sich war ihm der Prater bei seinen nächtlichen Fototouren nicht wichtig. "Ich hätte mein Projekt auch an einem anderen Ort realisieren können." Dann hätte er dort gezeigt, wie die Nacht Erholung vom täglichen Wahnsinn bringt.

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