Raffles Hotel in Singapur Heute altehrwürdiger als einst

Hermann Hesse mochte die Rollschuhläufer nicht: Als "ungestüme Leute" soll sie der Literat bezeichnet haben, als er 1911 im Raffles Hotel in Singapur logierte und einige Gäste dort fröhlich ihre Runden drehten. Was damals für Unmut sorgte, wäre heute in der altehrwürdigen Herberge undenkbar.


Singapur - Sobald ein hoch gewachsener, indischer Portier die Eingangstüre öffnet, wird der Besucher durch Kronleuchter, dicke persische Teppiche und dunkle Teakholz-Täfelungen zu gedämpfter Stimmlage angehalten.

Hotel Raffles - jede Menge Kolonialkolorit
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Hotel Raffles - jede Menge Kolonialkolorit

Schriftsteller, Schauspieler und Staatschefs - wer es sich leisten kann, für den gibt es in Singapur meist nur die Adresse des 115 Jahre alten Hotels an der Beach Road. Zimmer werden nicht vergeben, nur Suiten, 103 an der Zahl.

Die Exklusivität hat ihren Preis: Unter 650 Singapur-Dollar (405 Euro) ist kein Quartier zu haben. Die Präsidentensuiten kosten 6000 Dollar pro Nacht. Zimmer, in denen sich einst berühmte Häupter wie der Schriftsteller William Somerset Maugham zur Ruhe begaben, liegen preislich dazwischen. Wer darüber hinaus noch Geld übrig hat, kann es in den 19 Restaurants und Bars oder 45 Geschäften und Boutiquen des Hotelkomplexes lassen.

Als Parade-Unterkunft gilt die "Sarkies-Suite", benannt nach jenen vier armenischen Brüdern, die das Haus 1887 eröffneten und ihm den Namen von Singapurs Gründer Sir Thomas Stamford Raffles (1781-1826) gaben: Neben zwei Schlafgemächern finden sich in dieser Suite auf 250 Quadratmetern drei Marmorbäder, im Esszimmer ein edler dunkler Holztisch mit zwölf Stühlen, Vitrinen mit altem Porzellan und Silber.

Der Boden ist aus Teakholz, die Sofabezüge sind seiden. Flügeltüren führen auf die Terrasse mit Blick auf den mit Palmen gesäumten Hof. Überall surren Ventilatoren in fünf Metern Höhe von den Decken. "Diskreten Luxus" nennt dies die Eigenwerbung. Michael Jackson habe einmal in dieser Suite gewohnt, berichtet Hotelsprecherin Carolyn Goh. Und wer noch? "Das ist vertraulich."

Die allgemeine Gästeliste ist beeindruckend genug. Charlie Chaplin schrieb sich 1933 ins Leder gebundene Gästebuch ein; Joseph Conrad und Rudyard Kipling gehörten zu den ersten Besuchern. Elisabeth Taylor und Ava Gardner verströmten Glamour in den fünfziger Jahren. Somerset Maugham war sogar drei Mal dort und schrieb auf: "Das Raffles steht für alle Sagen des exotischen Ostens."

Singapurs letzter Tiger soll zahlreichen Reiseführern zufolge 1902 unter dem Billardtisch des Raffles erschossen worden sein. Das sei nur fast richtig, korrigiert Leslie Danker, seit 30 Jahren in Diensten des Hauses. Tatsächlich habe es sich um einen ausgerissenen Zirkustiger gehandelt, den ein Jäger unter dem damals auf Stelzen gebauten Billardsaal mit drei Kugeln erlegte.

Die Anfänge des Raffles waren eher bescheiden. Die Sarkies-Brüder mieteten Ende 1887 eine Art Bungalow mit zehn Zimmern. Der lag damals noch am Meeresufer, bevor Singapurs Regierung Jahrzehnte später genau dort mit der Landgewinnung begann, so dass von der Strandpromenade nur der Straßenname blieb.

Stück für Stück wuchs der Hotelkomplex, bis er 1915 in etwa seine heutige Form annahm und einen kompletten Straßenblock füllte. Bereits 16 Jahre zuvor war das strahlend weiße Hauptgebäude im Renaissance- Stil eingeweiht worden. Die Jahrhundertwende markiert auch die erste Blütezeit des damals noch jungen Hauses, das als erstes Hotel in Singapur seinen Gästen elektrisches Licht, einen französischen Küchenchef und Ventilatoren bieten konnte.

45 Jahre später war das Raffles kaum wieder zu erkennen: Nach der Kapitulation der japanischen Besatzungsmacht wurde es kurzzeitig zum Durchgangslager für frei gelassene Kriegsgefangene. "Das Hotel war nur noch ein Schatten seines Selbst", notiert die Chronik.

Skyline von Singapur
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Skyline von Singapur

1989 schloss das Haus - für eine Totalrenovierung. Ziel war es, die Eleganz der zwanziger Jahre wieder zuschaffen. 50.000 Bäume, Sträucher und Blumen wurden bis zur Wiedereröffnung 1991 auf dem Gelände neu gepflanzt. Mehr als 100 der ursprünglichen Einrichtungsstücke wurden restauriert und wieder in den Suiten und Wandelgängen platziert.

"Wir wollen die Geschichte am Leben erhalten", sagt Michael Luible, aus Deutschland stammender Generalmanager des Raffles. "In all der Hektik suchen die Menschen nach der Romantik der Kolonialzeit." Die Gäste sind treu: Jeder Dritte, der kommt, war schon einmal da.



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