Republik Uzupis Ein Recht auf Glück

Uzupis ist ein typisch osteuropäisches Altstadtviertel in Vilnius - und Uzupis hat sich unabhängig erklärt, von Vilnius und von Litauen. Hier hat laut Verfassung jeder das Recht, glücklich zu sein. Und Artikel 17 gewährt das Recht, unglücklich zu sein. Die Botschafter sind in der Welt verstreut, einer ist der Dalai Lama.

Von Alva Gehrmann


Außenminister Chepaitis und Präsident Lileikis: Er wachte auf und fühlte sich wie ein Präsident
Alva Gehrmann

Außenminister Chepaitis und Präsident Lileikis: Er wachte auf und fühlte sich wie ein Präsident

Eines Morgens wachte Romas Lileikis auf und fühlte sich wie ein Präsident. Seitdem ist er es. Und solange ihn die Bürger auf der Straße so nennen und er sich danach fühlt, will er es auch bleiben. Lileikis ist Präsident der Republik Uzupis, einer kleinen Gemeinschaft mitten in Vilnius, die sich vor sieben Jahren unabhängig erklärt hat: von Vilnius - und von Litauen.

In der kleinen Republik werden die normalen Regeln auf den Kopf gestellt, beziehungsweise einfach neue postuliert. Immerhin 41 Artikel hat ihre eigene Verfassung, die außen am Parlamentsgebäude - dem Café "Uzupis Kavine" - auf einer Bronzetafel verewigt ist. Die erste Regel lautet: "Jeder hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht an jedem vorbei zu fließen."

Die Brücke über die Vilnia muss der Besucher auch überqueren, um nach Uzupis zu gelangen. Uzupis bedeutet "jenseits des Flusses" und ist der Name eines historischen Stadtviertels in Vilnius, unweit der Altstadt mit ihren gotischen und spätbarocken Kirchen.

Das erste Haus hinter der Brücke ist das Café, der heutige Regierungssitz und beliebter Künstler-Treffpunkt. "Es passierte einfach", beschreibt Romas Lileikis, in Litauen ein bekannter Filmemacher und Musiker, die Anfänge der eigenen Republik. Hier hat laut Verfassung jeder das Recht, einzigartig zu sein. Und Artikel 21 berechtigt jeden, für seine Unbedeutsamkeit dankbar zu sein.

Keiner hatte Angst vor der Armee

Der 44-jährige Lileikis sitzt in seinem Parlament, trinkt Kaffee. "Im Wesentlichen soll sich jeder frei fühlen, das zu tun, wozu er Lust hat", erklärt er die Uzupis-Philosophie. Jeder könne Bewohner der Republik werden. "Wir haben Platz für alle." Und das, obwohl das Stadtviertel sehr klein ist. 7000 Menschen leben hier, neben Künstlern auch zunehmend wohlhabende Litauer. Zum Beispiel der Bürgermeister von Vilnius.

Republik Uzupis: Ein Stempel auf die Hand, schon ist man berechtigt einzureisen
Alva Gehrmann

Republik Uzupis: Ein Stempel auf die Hand, schon ist man berechtigt einzureisen

Nicht alle Bewohner von Uzupis sind auch Mitglieder der jungen Republik. So wurde einst zur Sicherheit eine Armee gegründet: mit zwölf Soldaten. "Doch keiner hatte Angst vor uns", sagt Lileikis. Also wurde die Armee wieder abgeschafft.

Wie viele Anhänger sie genau haben, weiß der Präsident nicht, schließlich kann jeder Bewohner von Uzupis sein. Von überall aus - von Berlin, von Peking oder vom Himmel. "Es ist alles in Ihrem Kopf." Hört sich nach Hippie-Zeit, spiritueller Gemeinschaft, Karnevalsgag oder Künstleraktion an. Es ist wohl ein bisschen von allem.

Die Republik Uzupis wurde schon als zweiter "Freistaat Christiania" bezeichnet, doch der Vergleich mit der dänischen Hippie-Siedlung trifft nicht zu, findet Lileikis. Auch nicht die mit dem Pariser Künstlerviertel Montmartre und der kubanischen Hauptstadt Havanna. Trotzdem locken diese Vergleiche Menschen aus der ganzen Welt in den "Kleinstaat". Selbst Hollywood hat das Viertel schon als Filmkulisse entdeckt.

Viertel der Armen, Viertel der Künstler

Uzupis ist ein typisch osteuropäisches Altstadtviertel: mit schönen alten Häusern, schmucken Hinterhöfen und kleinen engen Gassen. Kunstgalerien, Antiquitätenläden und Liebhabergeschäfte finden sich hier. Die meisten Gebäude sind noch nicht saniert, von den Wänden blättert der Putz ab.

Im 15. Jahrhundert entstanden, war Uzupis zunächst das Viertel der Armen. Handwerker lebten hier, ebenso Nonnen des Bernhardinerinnen-Ordens. Später kamen Prostituierte und Banditen, sie brachten den Bezirk in Verruf. So hieß die Uzupis-Straße lange Zeit die "Straße des Todes".

Gasse mit Flagge der Republik: Ein typisches osteuropäisches Altstadtviertel
Alva Gehrmann

Gasse mit Flagge der Republik: Ein typisches osteuropäisches Altstadtviertel

Schon während der Sowjetzeit zogen etliche Künstler in den Bezirk. Seit 1991, der Unabhängigkeit Litauens, entwickelte sich nach und nach der heutige Charme. Wände wurden bemalt, auf dem Hauptplatz eine goldene Engelskulptur aufgestellt. Es heißt, Skulpturenbauer Romas Vilchiauskas sei im Traum ein Engel erschienen, der ihm sagte, dass genau an diesem Platz eine solche Skulptur stehen solle. Der Engel, der durch ein Horn bläst, verkünde die Renaissance von Uzupis, aber auch von ganz Osteuropa.

Während Romas Lileikis erzählt, dass es ihm vor allem um die Kommunikation untereinander geht, kommt ein Mann im Trenchcoat, mit buschigem Bart und dunkler Sonnenbrille ins Café. Es ist Thomas Chepaitis, der Außenminister. Er begrüßt mich mit Handkuss, dann setzt er sich dazu.

Sein Job ist es, die Botschafter der Republik zu küren. Über 80 gibt es bisher - einer von ihnen ist der Dalai Lama. Der war 2001 in Vilnius, besuchte auch die Uzupier. Man entdeckte Gemeinsamkeiten. Eine Regel des tibetischen Buddhismus lautet: "Jeder hat das Recht, glücklich zu sein." Das entspricht Artikel 16 der Uzupis-Verfassung. Nummer 17 gewährt zusätzlich das Recht, unglücklich zu sein.

Botschafter des Windes

Die Botschafter sind in der ganzen Welt verstreut: in Moskau, in Tokio oder in Berlin. "Doch es gibt nicht nur Botschafter für geografische Plätze. Wir haben auch Botschafter des Windes und der Poesie", erklärt Chepaitis und rückt seine Sonnenbrille zurecht. Wenn er mal nicht gerade als Außenminister unterwegs ist, arbeitet er als Journalist und Poet.

Alle zehn Minuten klingelt Lileikis' Handy. Ein Fest steht an, da gibt es noch viel zu organisieren. In Uzupis feiert man gerne und oft: den "Tag des Windes", den "Tag des Flusses" und morgen den "Tag des Fisches". Das meiste wird improvisiert, denn Geld haben sie kaum. Die Kostüme für die Parade etwa leihen sie sich beim Zirkus aus. Romas Lileikis wirkt nervös. Er lächelt verlegen, streift sich durch das Haar. Für einen Präsidenten ist er sehr normal, fast gewöhnlich.

Befreiung der Fische: Auch Fische haben ein Recht zu leben
Alva Gehrmann

Befreiung der Fische: Auch Fische haben ein Recht zu leben

Am nächsten Tag, es ist 16 Uhr, tummeln sich etwa hundert Menschen an der "Grenze" zwischen Vilnius und Uzupis. Die Grenze erkennt man am Ortsschild: "Uzupio Respublika" steht darauf, darunter vier Symbole - zum Beispiel ein Smiley und ein Tempolimit-Symbol. Es fasst die Philosophie zusammen: Keep smiling, geht langsam, bleibt rätselhaft sowie: geht raus und spaziert.

Das Schild hängt immer dort. Das Besondere an diesem Tag sind die Grenzposten an der Brücke. Wer sie überqueren will, muss zuerst ein Visum beantragen. Das geht ganz schnell. Ein Stempel auf die Hand, schon ist man berechtigt einzureisen.

Plötzlich taucht Romas Lileikis auf, er trägt eine leuchtend rote Zirkuschef-Jacke. Schon ist er wieder weg, denn kurz darauf beginnt die Parade. Sie wird von einem glänzenden Oldtimer angeführt. Es folgen ein paar Tänzerinnen, eine Musikkapelle und Kinder, die stolz ihre bunten Pappmaché-Fische präsentieren. Einige Teenager tragen lebendige Fische in kleinen Wasserbehältern durch die Straßen, andere schwenken ihre Flaggen.

Uzupier genießen es, anders zu sein

15 Minuten später ist der Ministaat durchschritten, die Parade endet am Fluss Vilnia, direkt vor dem Parlamentsgebäude. Das Café hat eine große Terrasse, dort tummeln sich inzwischen rund 200 Zuschauer. Während der Präsident eine energische Rede hält, werden die Fische freigelassen. "Denn auch die haben ein Recht zu leben", so Lileikis. Dann geht die Feier in der "Uzupis Kavine" weiter: Bis in die Nacht hinein spielen Bands, tanzen Jung und Alt.

Parade für den "Tag des Fisches": Die Kostüme leihen sich die Uzupier beim Zirkus
Alva Gehrmann

Parade für den "Tag des Fisches": Die Kostüme leihen sich die Uzupier beim Zirkus

Nun ist Lileikis entspannt, alles ist gut gelaufen. Fleißig war auch Thomas Chepaitis. Der Außenminister hat drei neue Botschafter ernannt: Einen für Rockmusik, eine Botschafterin für den schwedischen Ort Skona und einen für die Seven Seas und Costa Rica. Das Ritual ist ganz einfach: Der oder die AnwärterIn muss sich auf eine Art Holzpferdchen setzen und bekommt einen Hut auf.

Den Hut hat Chepaitis an diesem Tag vergessen, also wird es ohne gemacht. Egal. Die Regeln sind da nicht so streng. Geändert werden sie ohnehin ständig. Nur kein Stillstand, das wäre langweilig.

"Die Menschen der Republik Uzupis genießen es, anders zu sein", sagt Ramunas Katilius. "Und das wird hier respektiert." Katilius ist einer der Botschafter, er lebt in Vilnius. Kennt er die Verfassung auswendig? Nicht direkt, gesteht er, aber im Herzen schon. "Mein Hund kennt die Regeln auch." Artikel 12 lautet: "Ein Hund hat das Recht, ein Hund zu sein."

Eine weitere ist: "Jeder kann unabhängig sein." Die ersten Uzupier nahmen das wörtlich und gründen ihre eigene Republik - ganz für sich allein.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.