Restaurant Day in Helsinki Karneval mit Streetfood

Der Restaurant Day feiert weltweit Erfolge - auch am Samstag wieder. Einer der Gründer ist der Finne Timo Santala, ein kreatives Multitalent, der das kunterbunte Event aus Protest gegen die Bürokratie startete. Ein Rundgang in Helsinki.

Von Alva Gehrmann

Jari Lam / Restaurant Day

Timo Santala und seine Freunde betreten am frühen Nachmittag den Friseursalon Kaipaamo im Norden Helsinkis. Wo sonst Kunden mit Blick auf eine Pferdetapete ihre Haare geschnitten oder den Bart getrimmt bekommen, serviert Laura Pehkonen nun veganen Möhrenkuchen und Sandwiches mit Pesto aus selbst gepflückten Brennnesseln - in ihrem Pop-up-Restaurant für einen Tag. Da die Sonne scheint, picknicken ihre Gäste auf der Wiese im Hinterhof, auch Santala.

Der 33-jährige Santala ist Mitbegründer und Organisator des Restaurant Day und seine Heimat Helsinki die Hauptstadt des kulinarischen Happenings. Die Regeln sind einfach: Viermal im Jahr kann jeder für einen Tag sein eigenes Restaurant, Café oder eine Bar aufbauen - zu Hause, an der Straßenecke, am Strand oder wo auch immer er gerade Lust hat. Das nächste Mal am Samstag, den 15. November.

"Wir wollen die Menschen dazu ermutigen, verrückte Ideen auszuleben und öffentliche Plätze zu erobern", sagt Santala. Er lächelt und rückt seinen Hut zurecht. Der Finne trägt einen Trenchcoat, darunter ein T-Shirt und Leggins mit Tigermuster. Wenn er nicht gerade ehrenamtlich den Restaurant Day betreut, arbeitet Santala als Eventmanager, DJ, Fotograf und Journalist.

Gründer Antti Tuomola (l.) und Timo Santala (r.): Mobile Schnapsbar
Heini-Tuuli Onnela

Gründer Antti Tuomola (l.) und Timo Santala (r.): Mobile Schnapsbar

"Der Staat und seine umfangreiche Bürokratie verhindern, dass gute Dinge entstehen können", sagt Santala. "Wenn sie zu überbordend werden, denken die Menschen, dass alles Neue 'nicht erlaubt' oder 'zu schwierig' sei und zensieren sich selber." Eines Tages wollte er eine Fahrradbar eröffnen - und tat es aufgrund der hinderlichen Vorschriften einfach illegal: Im Mai 2011 bauten Timo Santala und sein Freund Antti Tuomola die Bar auf Rädern, dazu boten sie Tapas an und ermutigten andere, sich anzuschließen.

45 Hobbyküchen nahmen am ersten Restaurant Day in Finnland teil. Aus der kleinen Protestaktion ist längst ein weltweites Phänomen geworden, das bisher in 64 verschiedenen Ländern stattfand: in Kasachstan, Nepal, China, Mosambik und Südafrika ebenso wie in Deutschland, Venezuela, Neuseeland und den USA. 2724 Pop-up-Restaurants haben sich für das Event im Sommer online registriert, 750 davon alleine in Helsinki.

Lakritzwodka aus dem Manteltaschenrestaurant

"Unser Bürgermeister sagte zu mir: 'Wenn Sie vorher nach einer Genehmigung gefragt hätten, hätten wir das erste Event sicherlich nicht erlaubt'", so Santala. "Jetzt sei er aber froh, dass es den Restaurant Day gibt." In "Monocle" sagte Helsinkis Bürgermeister Jussi Pajunen auch: "Der Restaurant Day hat die Bevölkerung der Stadt inspiriert, in Frage zu stellen, wie die Dinge laufen, und zu experimentieren. Und die Bürger hatten neue Ideen, wie das tägliche Leben in der Zukunft verbessert werden kann."

Das Happening ist eine Art Karneval, der nebenbei das Gemeinschaftsgefühl in der Stadt stärkt. Überall in Helsinki verteilt stehen Stände mit Köstlichkeiten, in den kleinen Parks tummeln sich wie bei einer Kirmes meist gleich 50 verschiedene - neben karelischen Piroggen gibt es amerikanische Burger, thailändische Reispfannen oder quietschbunte Muffins. Damit hat Timo Santala, der viel gereist ist, auch Streetffood in seine Heimat gebracht - bis dahin hier nicht üblich.

Santala denkt sich bei jedem Ravintolapäivä, wie das Event auf Finnisch heißt, etwas Neues aus. Heute sind er und Mitbegründer Antti Tuomola selbst ihr mobiles Restaurant und haben Hochprozentiges im Angebot: Aus den Manteltaschen ziehen sie Jaloviina, finnischen Schnaps, und Salmiakkikossu, Lakritzwodka. Sie schenken ihn in mitgebrachten Gläsern ein. "Kippis", ruft Tuomola und prostet den anderen zu. Dann geht es weiter mit der Trenchcoat-Bar.

Nur ein paar Straßen vom Friseursalon entfernt, im benachbarten Viertel Kallio, verkauft Santalas Schwester Olga auf dem Bürgersteig selbst gebackenen Kuchen, starken Kaffee und eisgekühlte Saftschorlen. Obwohl es gerade mal 14.30 Uhr ist, ist Olgas Buffet schon fast leer. Ihre Gäste sitzen auf der braunen Couch, die Olga samt leuchtendgelbem Tisch aus ihrer Wohnung heruntergetragen hat. Die Tram rauscht vorbei, nur 100 Meter nebenan dreht sich ein ganzes Schwein am Spieß.

Queen-Songs nach Bratwurst und Chili

Noch auf der Couch kann man sich durch eine App anzeigen lassen, wo die nächsten Pop-up-Restaurants liegen. Das von Leila Eskola befindet sich in der ruhigen Seitenstraße Castréninkatu. "4 € Hot Wings" steht auf dem Laken, das in der dritten Etage des Wohnblocks hängt.

Sobald man ruft, schaut die zierliche 63-Jährige, die ein rot-weiß gestreiftes Oberteil trägt, über den Balkonrand. Nur wenige Minuten später seilt Eskola dann in einem geflochtenen Korb die frisch frittierten Chicken Wings samt Pommes, gestückelten Möhren und Sellerie sowie Dip-Sauce herab. Weil ihre marinierten Wings vergangenes Jahr so schnell weg waren, hat sie gleich 300 Hühnerflügel besorgt.

Leila Eskola: 300 Hühnerflügel für die Restaurant-Day-Gäste
Heini-Tuuli Onnela

Leila Eskola: 300 Hühnerflügel für die Restaurant-Day-Gäste

Die meisten Locations kann jeder spontan besuchen. Abends gibt es außerdem zahlreiche Dinner in Privatwohnungen, für die man sich online anmelden muss - zum Beispiel bei Mårten Knuts im Viertel Kruununhaka. Das Fünf-Gänge-Menü für 24 Gäste wird eine Hommage an den verstorbenen Queen-Sänger Freddie Mercury. "Jeder Gang ist einer Station und einem Wohnort in Mercurys Leben gewidmet - von Sansibar bis in die Schweiz", erzählt der 37-jährige Knuts, ein Juraprofessor, der heute Jeans und T-Shirt trägt.

In der Küche stehen Architekt Juho Pietarila und Bloggerin Jonna Vormala, die das Menü zusammengestellt haben. Sie schnippeln Petersilie und Chilischoten, in der Pfanne brutzeln hausgemachte Bratwürste. Die lange Tafel im Esszimmer ist mit Kerzen eingedeckt, Weinflaschen dienen als Vasen für die frischen Blumen. Um 20 Uhr beginnt das Dinner. Nach jedem Gang gibt es ein live gesungenes Mercury-Lied von einem professionellen Musical-Sänger. An der Gitarre sitzt Gastgeber Knuts. Der lange, köstliche und vor allem kalorienreiche Tag endet nachts mit "These Are The Days Of Our Lives".

Am 15. November findet der Restaurant Day zum 15. Mal statt - auch in Deutschland. Die nächsten Termine sind 15. Februar und 16. Mai 2015.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Der Patrick 13.11.2014
1. ...auch in Deutschland :-)
Den Restaurant Day gibt's längst hier. Wie man easy selbst mitmacht oder Futterstätten findet steht auf der Website. Nächste Termine: 15. Februar, 16. Mai. "Hyvää ruokahalua" - guten Appetit!
atheltic-dept. 13.11.2014
2. Weil es Pop up heisst ist es cool
Veganer Möhrenkuchen? Zum Kotzen...So unendlich kreativ. Da sitzt man auf einer gilblichen Couch und kann per app das nächste Pop Up lokalisieren. Gut, als Teilnehmer brauche ich wahrscheinlich eine skinny Jeans, Hut und die korrekte politische Einstellung. Wo steckt der Reiz bei völlig fremden Hobbyköchen zu essen? Am Preis? Am event an sich? Ich vermute die Tatsache, dass man sich online zum essen anmelden muss reizt den Hipster.
kopp 13.11.2014
3. War vor Jahren mal über eine Woche in Helsinki ...
... die Küche hat mich nicht überzeugt und bestätigte meinen Eindruck, dass je weiter man nach Norden geht diese immer ungenießbarer und einfallsloser wird. Auch eine Ausweichung auf eine Pizzeria war nicht hilfreich. Das gilt auch schon im kleinen Maßstab: Auch in Deutschland gilt der Norden als kulinarische Wüste und man fragt sich, warum die Bevölkerung nicht längst in Richtung Süddeutschland ausgewandert ist.
kliffa 16.11.2014
4. Vor Jahren..
Klasse Komentar von kopp.. da sieht man mal wie Vorurteile entstehen... Es scheint so das der Verzehr von Weiswurst Geschmack und Hirnzellen absterben lassen. Geschmäcker sind verschieden.. Wer schon mal im Norden der Republik war und auch in Finnland der sieht es mit anders. Da ich in Helsinki gewohnt, und seit einigen Jahren im Norden wohne habe ich eine völlig andere Meinung. Mahlzeit und Hyvää Ruoka halua Pohjoista
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