Roggen, Ingwer und Kölsch Singapur braut sich was zusammen

Hopfen und Malz, Orangenschale und Koriander - was in Singapur verbraut wird, lässt deutsche Bierkenner erschauern. In der Mikrobrauerei Archipelago jedoch ist das "Traveler Wheat" äußerst beliebt. Eine Verkostung asiatischer Bierkreationen.

Von Michael Lenz


"Saison Sayang" ist eindeutig mein Lieblingsbier. Es ist schön herb und durch Zutaten wie Koriander, chinesischem Sternanis und einem Hauch von Limone richtig erfrischend. Auch nicht schlecht ist das "Samui", dessen Mischung aus Pilsener Malz, Hopfen aus Deutschland und Calamansi Limone einen deftig-fruchtigen Geschmack ergibt. "Das Samui passt gut zu gegrilltem Fleisch, Pizza, Salaten und scharfen asiatischen Gerichten", erklärt Fal Allen.

Der Amerikaner Allen ist Braumeister der vor einem Jahr gegründeten Mikrobrauerei Archipelago in Singapur. Genau genommen ist Archipelago eine alte Biermarke, die 1931 in Singapur auf den Markt gekommen war. "Mein Boss wollte den Namen wiederbeleben und gleichzeitig die europäische Biertradition mit asiatischer Kochtradition verbinden", erzählt Allen und fügt hinzu: "So entstand die Idee zu Bier mit asiatischen Gewürzen."

Allen liebt es, zu experimentieren. Ein Bier mit scharfem Chili will er auf den Markt bringen. Wegen des zu hohen Ölgehalts von Kokosnüssen ist der Traum von Kokosnussbier allerdings schon ausgeträumt. Aus kulturellen Gründen ist auch Allens Idee, ein Bier mit dem Geschmack der asiatischen Stinkfrucht Durian zu brauen, hinfällig. "Durian und Bier gelten in der asiatischen Vorstellungswelt als ‚Hitze’ und die Kombination von verschiedenen ‚Hitzen’ bringt nach landläufiger Vorstellung den Tod."

Ehrliche Lagerbiere im Pumpenraum

Archipelago ist nur eine von schon vier Gasthausbrauereien in Singapur, das sich zu Südostasiens Biermetropole entwickelt. Mit jährlich 22,4 Liter Gerstensaft pro Kopf sind die vier Millionen Singapurer jedoch weit entfernt von den 109,9 Liter, die pro Jahr durch deutsche Kehlen fließen. Singapurs Gasthausbrauereien haben allerdings nur einen bescheidenen Marktanteil von einem Prozent. Den Löwenanteil teilen sich Heineken, Carlsberg sowie das Tiger Bier des heimischen Braugiganten Asia Pacific Breweries, der sich das Archipelago als kleine, aber feine Edelmarke leistet.

Neu dabei ist der "Pump Room". Seit einem halben Jahr braut die im Siebziger-Jahre-Retrolook gestylte Gaststätte ihr Bier vor den Augen der Zecher. Der Braumeister hier verzichtet auf Schnickschnack und braut ehrliche Lagerbiere. Was gerade im Sudkessel entsteht, verrät eine Tafel im Gastraum. "Pump Room Lager, ABV 4,5 %, IBV 25, Batch: 08" lese ich, während ich ein Pump-Room-Lager zische und denke "Ach, kann Recherche schön sein". Die Getränkekarte klärt über die Abkürzungen auf. ABV gibt das Alkoholvolumen an, und IBV steht für "International Bitterness Limit”.

Fast in Sichtweite des Pumpenraumes steht auf der anderen Seite des Singapur River das mächtige Brewerkz, die größte und älteste der Gasthausbrauereien Singapurs. Seit zehn Jahren schon braut hier der Kanadier Scott Robertson. Als studiertem Physiker liegt Robertson das Experimentieren im Blut. Leider, möchte man sagen. Gegen seine Lagerbiere ist nichts einzuwenden, außer dass sie vielleicht einen Touch zu viel Kohlensäure enthalten. Aber sein Kölsch? "Näää Jung", muss ich da als Rheinländer sagen, "en Kölsch, en lecker Kölsch, dat schmeck ävver anders."

Bier nach deutschem Reinheitsgebot

Alex Buchner hat sein Handwerk bei Paulaner in München und im bayerischen Bierhimmel Weihenstephan von der Pieke auf gelernt. Jetzt ist er als Braumeister für "Munich Lager" oder "Munich Dark" verantwortlich, die im Paulaner in Singapur direkt aus dem Sudkessel in die Gläser fließen. "Gebraut wird ausschließlich nach dem deutschen Reinheitsgebot", betont Buchner und fügt mit einem Seitenblick auf seine drei Kollegen hinzu: "Das macht unseren Wettbewerbsvorteil aus." In diesem Jahr ist den Bayern gar der Sprung in die Sphären des Fine Dining gelungen, wo man sonst nur edle Weine zu Abalone oder Trüffeln süffelt. Beim diesjährigen World Gourmet Summit in Singapur steuerte Paulaner ein extra gebrautes Roggen-Bier bei. "Das ist eine Bierspezialität, die es selbst im Bierland Deutschland kaum noch gibt", strahlt Buchner.

Das Ambiente des "Paulaner" im Millenia Walk ist "Bavaria light". Glas und Stahl bestimmen die Szene, Weißblaues blitzt nur hier und da diskret auf, wie zum Beispiel an der Knopfleiste der Poloshirts der Kellner. Für etwas mehr Lokalkolorit sorgen Schwarz-weiß-Fotos von Bilderbuchbayern mit rauschenden Bärten, qualmenden Pfeifen und strammen Lederhosen und im Restaurant im ersten Stock ein originalbayerischer Maibaum. Unten im "Paulaner"-Ausschank geht es jeden Abend hoch her. Auf einem kleinen Steg vor den kupfernbraunen glänzenden Sudkesseln mitten in der Kneipe spielt und singt ein Duo lautstark Popsongs.

Die Musik ist genauso wenig Musikantenstadl wie das "Paulaner" eine Tränke für heimgeplagte Deutsche ist, die der Beruf nach Singapur verschlagen hat. Wie auch in den anderen Mikrobrauereien besteht die Gästeschar des Paulaner zu gut 80 Prozent aus Asiaten, Chinesen, um genau zu sein. Buchner weiß von merkwürdigen Sitten so mancher Chinesen zu berichten: "Die essen und trinken, bis sie fast platzen. Dann verschwinden sie mal für 'ne Weile auf der Toilette zum 'Magen reinigen', und dann geht’s weiter." Auf der Karte steht natürlich Bayerisches wie Weißwürste und Bretzen, die von deutschen und österreichischen Metzgern und Bäckern in Singapur produziert werden.

Chili-Hot-Dogs oder gegrillter Barramundi

Das Brewerkz folgt dem Modell Großgaststätte mit einem Biergarten, besser gesagt einer Bierterrasse, mit einem Traumblick über den Singapur-Fluss hinüber zum Clark Quay, dem Amüsier- und Restaurantviertel von Singapur. Kulinarisch folgt die Küche der Bierschwemme mit Hamburgern und Chili-Hot-Dogs amerikanischen Traditionen. Der coole Pump Room am Clark Quay hingegen setzt auf moderne australische und neuseeländische Gerichte wie gegrillten Barramundi mit Buk-Choy-Gemüse und hat überdies eine exzellente Weinkarte zu bieten.

Das Archipelago ist nur zehn Minuten zu Fuß von Brewerkz und Pump Room entfernt am Boat Quay im Schatten der Hochhaustürme des Financial District zu Hause. Außer Erdnüssen zum Bier gibt es nichts zu essen, dafür ist die Atmosphäre des Lokals einzigartig. In bequemen Ledersesseln in den Arkaden sitzend, kann man sich bei einem "Samui" leicht vorstellen, wie zu der Zeit, als Boat Quay noch Singapurs Hafen war, Kulis schwere Säcke schleppten, Händler um den Preis ihrer Waren feilschten und Seeleute in den Spelunken und Bordellen ihre Heuer verjubelten.

Das populärste Bier der neuen alten Marke ist das "Travelers Wheat". Außer Hopfen und Malz gibt Allen drei Kilo Koriander, drei Kilo Blauen Ingwer, fünf Kilo Zitronengras (schwierig zu verarbeiten, weil es so faserig ist), drei Kilo chinesische Orangenschale und zehn Liter Tamarindensaft in den Sudkessel.

Na, denn Prost!



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