Roms Altstadt Meister ihres Handwerks

Carlo Marinis Schuhe sind Kunstwerke, Ado Fefe bindet wertvollste Bücher aus aller Welt, Giuliana Pettini kennt sich aus mit Parmigiano und Pecorino: Roms Altstadt wäre ärmer ohne die artigiani - Handwerker und Händler mit Stil, Charme und gutem Geschmack. Drei Porträts.

Von Eva Kallinger


Porträt 1: Der Star der Stiefel

Spanische Treppe: Handwerkskunst in der ewigen Stadt
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Spanische Treppe: Handwerkskunst in der ewigen Stadt

Marcello Mastroianni fuhr im Fiat 500 vor. Aber mit Chauffeur, versteht sich. Der Schauspieler kam ins Atelier von Carlo Marini in der Via Francesco Crispi nahe der Via Veneto, um seine bestellten neuen Schuhe anzuprobieren, gefertigt von einem 1,90 Meter großen Schuster-Hünen, der unter einem Firmament von hölzernen Füßen seinen berühmten Kunden begrüßte und ihm das von Hand geschnittene und genähte Paar präsentierte. Mastroianni trug die Schuhe später im Film "Ginger und Fred".

Der 53-jährige Marini kennt die Füße der Prominenz in allen Details. Mehr als 1000 hölzerne Leisten hat er so exakt geschnitzt, dass seine Schuhe später eine exakte Passform garantieren. Etwa 50 Stunden Arbeit pro Paar rechnet der Meister, der sein Metier von Vater und Großvater erlernt hat, für Mokassins, Reitstiefel oder klassische Halbschuhe, ehe er ihnen in Gold das Monogramm des Kunden auf die Sohle prägt. Wer bei Marini seinen Fußabdruck lässt, kann sicher sein, dass der Meister penibel jeden noch so kleinen Defekt an Zehen oder Ferse berücksichtigt, wenn er die passenden Leisten schnitzt. "Oft sind die Beine nicht gleich lang. Dann mache ich eben den einen Absatz etwas höher", sagt der Meister.

Seine Schuhe sind Kunstwerke. Die Passform muss perfekt sein, die Proportionen müssen stimmen. "Sehen Sie sich das Modell an, Größe 45, und es sieht aus wie 43." Der glückliche Träger muss schließlich bella figura machen. Das galt einst auch für König Hassan II. von Marokko, für Anthony Quinn oder Gregory Peck. Als sich Hassan II. einmal als Geschenk für die englische Königin ein Paar Reitstiefel ausdachte, bestellte er sie in der Via Crispi.

Meistens fertigt Marini Traditionsmodelle für Herren, aber auch zeitlose Formen für die Dame. Seine Geschäftsreisen führen ihn inzwischen bis nach Asien, aus Tokio kam er neulich mit den Maßen von 20 Managerfüßen in kleineren Größen zurück. Zu den besten Auftraggebern der römischen Gesellschaft gehören heute die rampolli, Erben italienischer Großindustrieller wie Giovanni Agnelli, und Aristokraten mit jahrhundertelangen Ahnenreihen. Genauso gerne arbeitet Marini aber auch für Kunden ohne großen Namen und mit schmaler Börse, die sich einmal im Leben den Luxus handgefertigter Schuhe oder Stiefel leisten wollen - für mindestens 1200 Euro das Paar.

Porträt 2: Der Buchkünstler

Vorsichtig wie eine Schachtel mit rohen Eiern trägt der rundliche Mann den schweren Packen Papier vor sich her. Aldo Fefe legt die exakt geschichteten Zeitungen auf den großen Marmortisch, pinselt behutsam Kleister auf den Rücken des Stapels, unterbricht, gießt ein wenig Wasser nach in den Joghurtbecher, damit die sämige Pampe ja keine Klumpen bildet. "Sonst fange ich wieder von vorne an", grantelt er.

Das Kolosseum in Rom: "Alles und noch was drauf"
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Der 63-jährige Fefe ist Buchbinder und Restaurator alter Folianten. In seinem Geschäft nahe beim italienischen Parlament türmen sich die wertvollsten Bücher in verschiedenen Sprachen. Bei einer Ausgabe von Dantes "Divina Commedia" von 1871 soll Fefe die abgestoßenen Ecken erneuern, eine alte Bibel braucht einen neuen festen Lederdeckel; dem Leinenband über die Petersbasilika soll der Meister den ramponierten Rücken ersetzen. Hunderte von Papierrollen lagern in den Regalen von Fefes 40 Quadratmeter kleinem Laden, runde und eckige Schachteln liegen rechts vom Eingang, Fotorahmen, Notizbücher in lila, grün, blau oder verziert zarten Mustern, außerdem Siegel mit Initialen, Sternzeichen oder Herzen für Hochzeitseinladungen oder Liebesbriefe.

Wie viele römische artigiani, Handwerker, hat auch Aldo Fefe sein Angebot erweitert. "Mit der Buchbinderei allein kann ich nicht überleben", sagt er. Ehefrau Chiarina klebt weißes Papier mit lila Blumen und gelben Mimosen in eine Hutschachtel. Die Flaute im Geschäft begann Anfang der neunziger Jahre, als die finanza allegra, die ungehemmte Spendierwut der Politiker ihr Ende fand. Korruptionsermittler rückten auf einmal Fefes Auftraggebern, den Parteien und öffentlichen Ämtern, auf die Pelle. Die Gelder wurden knapper, und die Kunden aus Politik und Wirtschaft beglichen ihre Rechnungen oft erst nach Monaten oder überhaupt nicht. "Jetzt kommen kaum mehr Politiker, aber das ist uns auch lieber so. Die wollen immer tutto e di più (alles und noch was drauf) und das am liebsten umsonst", meint Chiarina Fefe.

Ihr Mann hantiert derweil mit einem 230 Jahre alten Atlas, einer "Geographia Antiqua" mit lateinischen Texten. Er dreht die Schwarte nach allen Richtungen, untersucht Rücken und Einband, schiebt die Brille auf den kahlen Schädel und legt sie dann zufrieden auf den Marmortisch neben das grüne Leder, das er für den Rücken ausgewählt hat.

"Hier haben wir als Kinder gegessen", sagt Aldo Fefe, "meine Mutter hatte ihre vier Kleinen bei der Arbeit immer dabei." In einer Ecke steht noch die Eisenstange, mit der Aldos Eltern den Ladeneingang versperrten, vor dem früher direkt die Tram vorbeirumpelte. Mamma nähte auch schon auf der Singer-Maschine aus den zwanziger Jahren, an der Chiarina gerade die Kinderbeilage zusammenheftet, mit der die Mailänder Zeitung Corriere della Sera ihre jungen Leser beglückt. Die schwere Schneidemaschine hinten im Geschäft könnte gut als Museumsstück durchgehen. Auch im Ausland werde seine Arbeit geschätzt, sagt Fefe. Ein bibliophiler Geistlicher aus München kommt jedes Jahr zu ihm. Mal hat er ein Messbuch dabei, mal einen Erbauungstraktat. "Er sagt, bei mir koste es immer noch ein Drittel weniger als in Deutschland."

3. Porträt: Käse mit Charakter

Keiner kann wie sie über die frugalen Dinge dieser Welt diskutieren. Käse aller Arten und Geschmäcker, von der Kuh, der Büffelin, der Ziege oder vom Schaf. Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihrem "wuuunderbaaarsten Käse" erzählt, dem Caciocavallo Podolico. "Podolico-Rinder sind halb wilde Tiere, die niemals im Stall stehen, sondern immer laufen müssen und nur frische Gräser fressen", erklärt Giuliana Pettini. Die eigensinnigen Wiederkäuer, die einst die Barbaren im fünften Jahrhundert aus Osteuropa ins römische Imperium trieben, geben noch dazu verdammt wenig Milch. Das hat seinen Preis: 69 Euro das Kilo Käse. Aber glückliche Kühe, glückliche Kunden.

Die Marktbude von Signora Pettini gilt als Topadresse für Käseliebhaber. Der Schinken, der über dem Tresen hängt, kommt aus dem umbrischen Norcia und trägt das Gütesiegel DOP, di origine protetta. Das garantiert, dass die Ingredienzen auch wirklich aus Umbrien stammen und nicht nur dort verarbeitet wurden, wie es angeblich manchem nordischen Schweinehintern in der Region Parma widerfahren sein soll. Die Spaghetti, Rigatoni und Kekse aus feinstem Hartweizenmehl bezieht Giuliana aus dem apulischen Altamura. Schließlich pflegt jede Region Italiens noch ihre Spezialitäten.

Innenstadt von Rom: "Voll und laut - drinnen wie draußen"
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Innenstadt von Rom: "Voll und laut - drinnen wie draußen"

"Mit zwölf bin ich raus aus der Schule und fing bei meinem Vater an zu arbeiten", erzählt die 64-Jährige. Fünf Käsesorten, ein wenig Wurst und Speck, das war alles, was Papa im Angebot hatte. Damals, vor 50 Jahren sah das Leben in Trastevere anders aus. "Viel praller und bunter." Eingekauft wurde ganz früh am Morgen, die Arbeit am Markt begann um halb sechs, danach wuschen die Frauen Berge von Wäsche am Brunnen auf dem Gianicolo, dem Hausberg von Trastevere. Pünktlich um halb elf erschallte eine "Sinfonie auf der Piazza", erzählt Giuliana, "keine Musiker, nein, alle Frauen und Mädchen klapperten und hantierten in der Küche, hackten Speck und Gewürze am Brett".

Giuliana kam viel herum, denn sie lieferte ins Haus. Oft ließen die Frauen vom Fenster aus den Korb an einer Schnur hinunter, und Giuliana packte Parmigiano, Pecorino und Mortadella hinein. "Es war voll und laut - drinnen wie draußen", sagt Giuliana, "früher lebten oft fünf Leute in einem Zimmer, nicht wie heute ein oder zwei Personen in fünf Räumen".

Damals ahnte Giuliana nicht, wie viele Käsesorten es allein im Bel Paese gibt, erst Sohn Fabio hat sie auf den Geschmack gebracht. Der Filius studierte die Kunst des Käsemachens, und als vor gut 15 Jahren die Supermärkte die kleinen Händler zu erdrücken drohten, setzte der Sohn auf Bio-Produkte und beste Qualität, von allem nur die erste Sahne. "Das ist die Zukunft", erkannte Mamma Giuliana.

Seit 40 Jahren arbeitet sie Schulter an Schulter mit ihrem Mann Giancarlo. "Es gab Hochs und Tiefs", sagt Giuliana "aber ich möchte ihn nicht missen." Was die Heirat betraf, hat ihr Vater einst die Sache beschleunigt. "Wenn du bei mir arbeitest, zahl ich dir zwei Lire mehr, als du als Schmied verdienst," sagte der Patriarch zum Schwiegersohn in spe. Ein Angebot, das Giancarlo nicht ausschlagen konnte. Der Alte war froh, dass Giuliana unter die Haube kam. "Ich war stolze 26", sagt sie strahlend, "Papa dachte, er kriegt mich nie mehr los."

Aus "Merian"-Heft "Rom", August 2004



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