Städtetrip San Diego Verdammt entspannt

Was es mit einem macht, wenn fast das ganze Jahr die Sonne scheint und man übers Meer ins Büro paddeln kann? Es bringt einen ziemlich gut drauf. Von Südkaliforniern kann man in Sachen Lebensqualität einiges lernen.

Getty Images/EyeEm

Sasha Gershunov hat eine der schönsten Pendelstrecken der Welt. Statt Staus sieht er Fischschwärme, statt Abgase atmet er Ozeanluft, und statt mit Glatteis muss er auf dem Weg in die Arbeit schon mal mit Wellen kämpfen. Gershunov, 51, ist Klimaforscher an der Scripps Institution of Oceanography nahe San Diego, dem führenden Institut für Meereskunde.

Statt sich über Stadtautobahnen zu quälen, paddelt Gershunov mit dem zusammenklappbaren Kajak sieben Kilometer über den Pazifik zur Arbeit. San Diego ist ein Magnet für Leute wie Gershunov - für Lebenskünstler, Sportler, Andersdenker, Winterflüchtlinge, Genussmenschen. Trotzdem ist die mit 1,3 Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt Kaliforniens ein unbekannter Superstar.

Laid-back sind sie hier. Die Bürger sind überzeugt davon, am besten Ort der Welt zu leben: 300 Sonnentage im Jahr, fantastische Strände, spektakuläre Sehenswürdigkeiten. Dazu kommen niedrige Kriminalitätsraten, gut bezahlte Jobs, erträglicher Verkehr. Als der Fernsehsender National Geographic die "smartesten" Städte der Welt kürte, war als einzige US-Stadt San Diego unter den Gewinnern.

Surfer Brad Arroyo, 24: "Wissen, wofür du leben willst"

Auch Brad Arroyo passt gut hierher. Muskulös, sonnengebräunt, mit Dauergrinsen und Sonnenbrille im Gesicht sitzt der 24-Jährige im Sand des Pacific Beach. Eigentlich ist er Solaranlagenmonteur. Aber wenn man ihn fragt, was er so macht, antwortet er wie die meisten hier und nennt als Erstes sein Hobby: Surfen. Dann erzählt er von einem Deal, den er mit seinem Chef geschlossen hat. Denn: Arroyos Leidenschaft und sein Job sind schwer miteinander vereinbar.

Solaranlagenbauer steigen früh morgens auf die Dächer, um die Mittagshitze zu meiden. Am Morgen sind aber auch die Wellen am besten. Ein Problem, das auch Arroyos Chef verstand. Er erlaubt ihm, morgens erst einmal aufs Board zu steigen, dafür arbeitet er dann auf den Dächern, wenn die anderen aus seinem Team pausieren. "You gotta know what you are living for", sagt Arroyo. Es ist ein Satz, den man in San Diego öfter hört: Du musst wissen, wofür du leben willst.

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San Diego: Das gute Leben

Wer hier lebt, weiß, wofür er lebt. San Diego hat das angenehmste Klima der USA. Kühl ist es selten, meist liegen die Temperaturen um die 25 Grad - ideal für den Strand. Black's Beach mit dem Blick auf die Steilküste im Norden zum Beispiel: drei Kilometer lang, tolle Aussichten, gut zum Schwimmen. Die kleine Bucht Children's Pool, perfekt zum Seerobbenbeobachten. Völlig anders die Coronado Beaches: breit, schier endlos, strahlend weiß, ziemlich perfekt. In der Ferne sieht man die Coronado-Inseln, die schon zu Mexiko gehören. La Jolla Cove dann, klein, von Felsen eingefasst, aber mit der hübscheste Strand und Magnet für Fotografen und Hobbymaler. Von hier aus erstreckt sich ein Unterwasserschutzgebiet 15 Kilometer Richtung Norden.

Ranger David Richards, 47: "Ein magischer Ort"

Ein paar Kilometer weiter südlich liegt das Torrey Pines State Natural Reserve. Der wilde Naturpark mit Marschland, Canyons, Klippen und Kiefernwäldchen ist nur acht Quadratkilometer groß. Wächter über das Naturkleinod ist Ranger David Richards. "Es ist ein magischer Ort", sagt der 47-Jährige. "Hier gibt es keine Mountainbikes oder Quads." Die Leute dürften sich nur zu Fuß bewegen, sagt er, das mache sie demütig: "Stress und Sorgen streifen sie ab wie eine Uniform."

Für viele San Diegans ist die nördliche Metropole Los Angeles eine Art Horrorvision, ein schlechtes Beispiel dafür, wie ihre Stadt nie werden darf. So beherrscht der grundentspannte Lifestyle auch die größte Grünanlage der Stadt, den Balboa Park. 15 Museen gibt es hier, Jogger, Mütter mit Kinderwagen, Frisbeespieler und Yoga-Fans nutzen die Gärten zwischen den Gebäuden.

Skater Slomo, 74: "Wie in einer anderen Welt"

Ein paar Kilometer meerwärts, am Mission Beach und Pacific Beach, leben viele jüngere Kalifornier ihren Traum: Sie wohnen entlang der drei Kilometer langen Promenade, dem Boardwalk, in winzigen Häuschen und schlafen mit ihren Surfbrettern neben ihren Betten. Surfshops wechseln sich ab mit schrägen Boutiquen und originellen kleinen Cafés.

Mindestens einmal am Tag flitzt "Slomo" an den Café-Besuchern vorbei. Der 74-jährige Ex-Neurologe gab vor 20 Jahren sein Luxusleben mit Ferrari, Villa und Pool auf, um sich seinem Hobby zu widmen: dem Inlineskaten. Wie er erzählt, hatte er eines Nachts, nach einem 15-Stunden-Tag in der Praxis, gemerkt, dass ihm eigentlich nur das Inlineskaten Spaß und Erfüllung gab.

"Ich war zynisch, unglücklich, geldfixiert. Ein Arschloch", sagt er heute. "Mir ist aufgegangen, dass ich mich beim Skaten in einer anderen Welt befand. Ich war ganz bei mir, alles war ganz einfach." Er gab die Praxis auf, verkaufte alles und zog in ein Mini-Apartment an den Strand.

Und da fährt er jetzt, in seinem eigenen Stil: auf einem Bein, mit vornüber geneigtem Rumpf und seitlich ausgestreckten Armen.

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Actionscript 20.04.2018
1. Der Schein trügt.
Habe selbst in San Diego gewohnt und gearbeitet. Es gibt dort eine Reihe von Instituten, Biotech Firmen und natürlich UC San Diego. Die Arbeitsatmosphäre ist "cut throat" und extrem competitve. Auch die allgemeine Atmosphäre ist ziemlich oberflächlich, was typischer für Süd- verglichen mit Nordkalifornien ist. Es ist ganz ok, wenn man jung ist, dort für kurze Zeit zu wohnen. Doch um alt zu werden, da gibt es lebenswertere Orte in Kalifornien.
rohde.p 20.04.2018
2. Ziemlich grobes Bild
Ich habe acht Jahre dort gelebt. Mit der Zeit sind 300 Sonnentage langweilig. Dennoch ist San Diego mein Favorit unter den US Städten. Das mit dem geringen Verkehr ist nonsense. Zwischen Carlsbad und San Diego ist die I 5 zweimal täglich ein großer Parkplatz trotz bis zu 6 Spuren in jeder Richtung. Vergessenen hat der Autor den Zoo, einen der schönsten der Welt, Balboa Park, Niki der Saint-Phalle, das Hafenviertel und vieles mehr! San Diego ist ein Geheimtipp und vielen Amerikanern unbekannt.
jelse 20.04.2018
3. Stimmt
Schöner Artikel, ich war gerade da und kann das nur bestätigen, eine perfekte Stadt, die übrigens auch über ein gut ausgebautes öffentliches Nahverkehrssystem verfügt.
schwerpunkt 20.04.2018
4.
Auf meinen Reisen kreuz und quer durch die USA war San Diego eines der städtischen Highlights. Ein weites Highlight der etwas anderen Art war am Nordende der US-Pazifikküste: Seattle. Wo bei ich dort bisher immer Glück hatte: diese als "Rainy City" berüchtigte Stadt, hatte ich bisher immer bei vollem Sonnenschein erlebt (nicht eine Wolke).
wincel 20.04.2018
5.
Sorry, aber der Autor ist extrem uniformiert. Ja, das Wetter in San Diego ist klasse. Aber der Verkehr ist ziemlich bescheiden mittlerweile und wird ständig schlimmer, für eine kleine 60qm Wohnung zahlt man zwischen 1200 und 1900 Dollar kalt und es ist kaum was los. Torrey Pines ist total überlaufen. La Jolla überteuert und langweilig, auch kulinarisch. Zum Riesenfeiertag 4. Juli kann man ins historische Mini-Zentrum eine Freiwilligenparade einmal um den kleinen Platz sehen oder Schweinerennen auf dem Fairground ("Volksfest", leider wenig "Fest"). Selbst zu Weihnachten ist kaum was los, auch nicht zum mexikanischen Dios de la Muerte. Balboa ist theoretisch klasse - aber die Museen sind winzig und teuer und haben nur sehr selten neue Ausstellungen, wiederholter Besuch lohnt leider nicht. Wir sind da ziemlich bald wieder weggezogen...
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