Von Sebastian Poliwoda
Das Telefon klingelt, die Jungs wuseln. Richardo stammt aus Matanzas, Kuba. Seit 1965 hat er die doppelte Staatsbürgerschaft. Der kurzrasierte Mann trägt ein blaues Longsleeve unter dem weißen Hemd, das die muskulösen Arme bedeckt.
Seit vier Jahren lebt er in New York, nur alle fünf Jahre schafft er es mal nach Hause. "New York ist Stress!", sagt er. Dann werden seine großen braunen Augen ganz müde. "In zwei Jahren bin ich raus hier. Bei dem Stress kriege ich graue Haare. Kein Wunder, dass hier überall Kerle mit Glatze rumrennen. Das ist die Stadt."
Das Eisenberg's ist ein kleiner Laden mit einer großen Karte: sieben Suppen, 42 Sandwiches, diverse Burger, elf Eiergerichte, zehn kalte Platten und Salate, sieben Hauptgerichte, vom Hackbraten bis zur koscheren "Knockwurst" mit Bohnen. Kuchen, Donuts, Pfannkuchen, Puddings. Bevorzugt sind Sandwiches mit Pastrami, Thunfischsalat oder Matzo-Ball-Soup. Abnehmen kann man woanders.
An der Kasse sitzt Josh Konecky. Der 55-Jährige führt die Geschäfte. Ein Einbauschrank von einem Mann mit basedowschem Dackelblick und dunklem Pferdeschwanz. Er trägt ein Riesenhemd mit Figuren drauf, Geige spielende Katzen und Gänse mit Briefen im Schnabel. Es erinnert an ein Kinderschlafzelt. Die ersten drei Knöpfe am Zelt stehen offen, am vierten steckt seine Lesebrille.
Model-Fotos an der Wand
Hinter Josh hängen Bilder prominenter Gäste, von Schauspielern und Models und solchen, die einmal welche werden wollen. "Das mache ich denen zuliebe", sagt Josh. "Hier kommen so viele wichtige Leute vorbei, vielleicht gefällt einem eines der Gesichter."
Caroline Eckman ist eins der Gesichter. Sie ist 24, hat in zwei Web-Seifenopern mitgespielt und ihr Ziel ist es, "wenn es das Konto erlaubt", in einem Jahr einen eigenen Agenten zu haben. "Ich bin an 'nem miesen Tag ins Eisenberg's gekommen und fühlte mich augenblicklich besser." Also fing sie als Bedienung an. Manchmal arbeitet sie fünf Tage am Stück, manchmal alle zwei Wochen. "Manchmal komme ich auch nur so rein auf 'nen Kaffee." Für sie ist der Laden ein zweites Zuhause geworden. "Selbst wenn ich einmal berühmt bin, werde ich das Eisenberg's nicht verlassen."
Josh Konecky macht das hier seit 2006. "Vorher war der Laden 35 Jahre lang strikt industriell und nüchtern geführt worden. Es gab hier nur Fabriken und Büros. Und mittendrin das Eisenberg's." Ende der sechziger Jahre übernahm ein polnisches Paar den Laden, dann ein Koreaner. "Dann kam ich."
Zum Jubiläum fallen in diesem Jahr Wirtschaftskrise und Geburtstag erneut zusammen, wie damals vor 80 Jahren. Zum "Depression to depression anniversary" gibt es den Kaffee für fünf Cent. Und schwarze T-Shirts für die Köche, mit der Aufschrift: "Eisenberg's. Raising New York's cholesterol since 1929."
Altertümlicher Stil, moderner Service
"OJ for the house!" Eusebio schaut nicht auf, schenkt einen Orangensaft ein und lässt ihn über die Theke gleiten bis vor einen der Hocker. Dann stemmt er sich auf den Sandwich-Maker. Darin eingezwängt ein Corned-Beef-Sandwich, das ins Freie drängt. Verständlich, bei gut fünf Zentimeter Corned Beef plus Butter plus Zwiebeln plus Münsterkäse, die zwischen je einem Zentimeter Brot keinen Platz finden wollen.
Ein Auslieferer im schwarzen Overall und abgeschnittenen Handschuhen stürzt in den Laden, greift sich vier Papiertüten, zahlt und rennt wieder raus. Die Laufkundschaft sind das eine, die Stammgäste das andere. Bill etwa, mit Nickelhornbrille, Blazer und gestärktem Hemd. Der Anwalt hat seine Kanzlei sechs Blocks weiter und kommt an vier von fünf Tagen. "Ich bin abhängig von dem Laden", sagt er.
Über seinem Reuben-Sandwich liest er die New York Times, trinkt sein Dr. Brown Cream Soda und findet das Eisenberg's "fancy", irgendwie schick. "Die Atmosphäre ist einfach gut. Weil es altertümlich ist, aber mit frischem Service. Und die Jungs sind wunderbar, sie arbeiten hart und mögen es trotzdem."
"Scrambled two, bacon, homefries!", ruft Richardo Severiano zu, dem Eiermogul, der das schimmernde Metall seiner verbeulten Metallpfanne hütet. Mit mexikanischer Gelassenheit ruckelt er sie Stunde um Stunde über den Flammenkranz der Gasplatte. Vorab das immer gleiche Ritual: Mit einer Hand schlägt er ein Ei auf, klemmt es auseinander, lässt es in eine Aluschale gleiten, die Schalen pfeffert er in eine Tonne, verquirlt es, befördert es in die Pfanne. In exakt 9,3 Sekunden. "Danach hab ich immer noch trockene Finger." Er lächelt stolz.
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