Neuer Sarjadje-Park in Moskau Putins Gartenschau

Auf Russlands teuerstem Baugrund hat Wladimir Putin einen spektakulären Landschaftspark für die Moskauer errichten lassen - gleich neben dem Kreml. Eine ebenso schöne wie umstrittene Anlage.

AFP

Von , Moskau


Die Russen haben einen schonungslosen Blick auf sich selbst. "Uns darf man nichts Kostbares anvertrauen, wir machen's ja eh kaputt" - diese Klage hört man immer wieder, wenn es um öffentliches Eigentum und den Umgang damit geht. Gerade gibt es in Moskau einen neuen Anlass, sie anzustimmen: Die Stadt hat ihren Einwohnern ein ausgesprochen kostbares Geschenk gemacht, und die Moskauer haben es - so jedenfalls heißt es - roh und mutwillig zerstört.

Gleich neben dem Kreml, wo zu Sowjetzeiten das gigantische Hotel Rossija stand, hat Präsident Wladimir Putin diesen Monat einen neuen Park eingeweiht. 13 Hektar ist er groß und bepflanzt mit geschützten Bäumen, Sträuchern und Blumen, die in Moskau gar nicht vorkommen.

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Sarjadje-Park in Moskau: Russland in Klein

Das Konzept eines New Yorker Architekturbüros sieht nämlich vor, ganz Russland gewissermaßen in Klein zu reproduzieren, mit vier Vegetationszonen von der Tundra im Norden bis zur Steppe im Süden. Außerdem sind auf dem Gelände eine Philharmonie mit Glasdach, ein unterirdisches Florarium, eine Permafrosthöhle und ein Kino untergebracht, dazu eine zart geschwungene Aussichtsplattform hinaus über den Moskau-Fluss. Kosten: 200 Millionen Euro.

Es gäbe also viel kaputt zu machen. Kaum war der Park eröffnet, klagte das Personal auch schon über lieblose Besucher. Sie hätten in vier Tagen 10.000 Pflanzen zerstört, die Tundramoose zertrampelt und sogar Sumpfdotterblumen ausgebuddelt und fortgetragen. Die Besuchszeiten wurden deshalb verkürzt.

Erholungsraum statt Baugrund

Und so stimmten die Russen wieder das alte Lied vom wilden Volk an, das für die zerbrechlichen Errungenschaften des Westens nicht reif sei: "Sumpfdotterblumen pflanzen heißt, die Leute provozieren", scherzte bitter die Kommentatorin der Zeitung "Moskowski Komsomolez". Besser hätte man bloß Brennnesseln angepflanzt oder den Bauschutt des abgerissenen Hotels Rossija gar nicht erst weggeräumt. Den teuren Umweg über den Park hätte man sich sparen können.

In Wahrheit ist der Moskauer von heute ein achtsamer und im öffentlichen Raum gesetzestreuer Mensch. Der 90 Jahre alte Gorki-Park mit seinen zarten Holzkiosken und Rabatten steht ja auch noch. Tatsächlich sind wohl nicht die Besucher schuld an den Schäden, sondern die Bauarbeiter, die die letzten Arbeiten in allzu großer Hast ausgeführt haben.

Wahr bleibt: Der neue Sarjadje-Park ist ein kostbares Geschenk, das die Stadt verändert. Auf einen Schlag wurde aus dem teuersten Baugrund des Landes öffentlicher Erholungsraum. Jetzt kann man durch Birkenstämme hindurch die Kreml-Mauern sehen, wo zuvor der Blick versperrt war. Auch die alten Kirchen an der Warwarka-Straße und das letzte Stück Stadtmauer zeigen sich von einer neuen Seite.

Mehr als ein paar Kirchen sind von der Bebauung des einstigen jüdischen Handwerkerviertels Sarjadje auch nicht geblieben, seit Stalin hier einen seiner Wolkenkratzer errichten wollte. Gebaut wurde der nie, auf seinem Fundament entstand in den Sechzigerjahren das damals größte Hotel der Welt, ein Klotz mit 3182 Zimmern.

Stand-ups vor idyllischer Kulisse

Dass an diesem historischen Ort ein Park entstand und keine Neubauten, ist Putins Verdienst. Schade nur, dass die New Yorker Architekten von Diller Scofidio + Renfro kein bisschen auf die reiche Vorgeschichte eingehen. Sogar das Landschaftsrelief haben sie vollkommen verändert und neue Hügel aufgeschüttet.

Die Moskauer Denkmalschutzorganisation Archnadsor hat das kritisiert. Tundra und Steppe, Wald und Sumpf hätte man an jedem beliebigen Ort nachstellen können. So ist eine hochverdichtete Bundesgartenschau entstanden, ohne Bezug zum historischen Stadtkern. Aber ein Fortschritt für Moskau ist das allemal.

Der prominente Blogger Ilja Warlamow prophezeit sogar, dass der neue Park nicht bloß die Stadt, sondern Russlands Bild in der Welt verändern wird. Schließlich hätten ausländische Fernsehteams nun eine idyllische Perspektive, um ihre Stand-ups vor dem Kreml aufzunehmen. Er schreibt begeistert: "Aus einer feierlich kalten, granitschweren Stadt wird sich Moskau in eine leichte, offene, junge verwandeln. Eine Stadt, wo man den Rasen nicht nur betreten darf, sondern geradezu betreten muss."

Hoffentlich hält der Rasen das aus.

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