Schwuler Tourismus in Kapstadt Federboas für die Cops

In Afrika hält Kapstadt die Regenbogen-Fahne hoch. An der Südspitze des Kontinents hat sich eine lebendige schwule Theater- und Barszene entwickelt. Tausende Touristen aus aller Welt reisen an, wenn alle zwei Monate auf den Straßen die Boas geschwungen werden.

imago

Von Elian Ehrenreich


Das Bronx bebte. Die Jungs hinter dem Tresen groovten synchron mit freiem Oberkörper zu dröhnender Musik und mixten dabei Drinks. Die Bar im Kapstadter Stadtteil Green Point war der erste schwule Club der Stadt, der in der Nach-Apartheid-Ära öffnete. Zusammen mit dem Angels und dem Detour bildete er das magische Dreieck des schwulen Nachtlebens am Südzipfel Afrikas.

Hier feierten weiße und schwarze Schwule und Lesben Mitte der neunziger Jahre ihren ganz eigenen Sieg über das Apartheidsystem, das nicht nur rassistisch war, sondern auch sittenstreng. Und hier feierten sie eine der liberalste Verfassungen der Welt, die die gleichgeschlechtliche Liebe endlich legalisierte. In Afrika, dem Kontinent, in dem Homophobie zum Alltag gehört, war und ist dies etwas Besonderes: In Teilen Nigerias, im Sudan, in Uganda drohen Schwulen und Lesben Todesstrafen, in anderen Ländern Gefängnis.

Als der Apartheidkritiker und Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu den Begriff "Rainbow-Nation" als Synonym für das neue Südafrika prägte, dachte er garantiert nicht an die schwul-lesbische Regenbogenfahne. Dennoch wurde Südafrikas zum weltweit ersten Land, das 1996 Gesetze gegen Diskriminierung auf Grund von Rasse, Geschlecht und sexueller Orientierung verabschiedete. Seit 2005 gibt es im Land die Homo-Ehe, inklusive Zuzugsrecht für ausländische Partner.

Pinke Paraden alle zwei Monate

"Kapstadt ist Afrikas schwule Hauptstadt und bewegt sich auf Augenhöhe mit San Francisco oder Tel Aviv", sagt Nicolas van Ryk, ein deutscher Fotograf, der seit Jahrzehnten Kapstadt seine zweite Heimat nennt. Während Hamburg und Berlin sich ihrer Toleranz rühmen, weil sie alljährlich Christopher Street Days veranstalten, feiert Kapstadt solche Events im Zwei-Monats-Rhythmus: Neben dem "Cape Town Pride" gibt es "Moby Dick", "Jungle Fever" und die "Mother City Queer Party". Selbst Streckenposten der Polizei feiern mit. Sie werfen sich eine Federboa um, "verhaften" ungezogene Partybesucher und legen sie in Handschellen - für unvergessliche Schnappschüsse, inklusive Knüppel schwingendem Cop.

"In Kapstadt verkriecht sich die Schwulen- und Lesbenszene nicht in Nischen, sondern ist Teil des öffentlichen Lebens", sagt Alexander Valentin, ein schwuler Anwalt, Vermögensberater und Hotelbesitzer. Und das ist vor allem Politikern wie Helen Zille zu verdanken. Die Premierministerin der Provinz Western Cape und ehemalige Bürgermeisterin der Metropole leistete Pionierarbeit in Sachen schwule/lesbische Akzeptanz, ebenso wie ihre Nachfolgerin Patricia de Lille.

"Pink tourism" wird gezielt gefördert, bei der Tourismuszentrale gibt es dafür eine eigene Abteilung. Heute sind die Strände von Sandy Bay und Clifton 3 fest in schwuler Hand. Auch Nacktsein, im puritanischen Südafrika eigentlich verpönt, ist hier erlaubt. Kapstadts Toleranz ist zum Wirtschaftsfaktor geworden. Schätzungsweise zehn Prozent aller Gäste sind homosexuell.

Schwulenhochzeit im Zulu-Outfit

Der Anwalt Valentin kaufte 1998 das Hotel Romney Park direkt an der Waterfront. Zunächst zielte er vorrangig auf "pink money", Einnahmen durch schwulen Tourismus. Doch es gibt auch mitunter Probleme. "So brachten Gäste in ihrer Suite direkt über dem Bett einen Schwerlastdübel inklusive Haken an", beschreibt er einen Vorfall, bei dem Gäste ihre sexuellen Vorlieben ausleben wollten. Romney Park gibt sich noch immer schwulenfreundlich - zielt jetzt aber vorrangig auf "Mainstream"-Touristen, die das Wellness- und Spa-Vergnügen suchen.

Auf bis zu 15 Prozent schätzt Nils Heckscher, Chef der direkt am Strand gelegenen Winchester Mansions, den Anteil seiner schwulen Gäste. Seit 1991 lebt der Sohn von "Mr. ZDF-Hitparade" Dieter Thomas Heck am Kap. "Gleichgeschlechtliche Paare sind für uns ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Zudem wissen sie genau, was Luxus bedeutet", sagt er. "Das Gros von ihnen sind keine Szenegänger, sondern wollen einfach relaxen", so sein Fazit.

Der britische "Guardian" lobte 2011 Kapstadt als eine der zehn beliebtesten Homo-Destinationen. Das hat einen Nachahmeffekt in Südafrika: So veranstaltete Johannesburg, wo die Szene geschlossener ist, 2012 erstmals die "Mr. Gay World"-Wahl, die ein 32-jähriger Deutscher gewann. Und an der Ostküste erregten Tshepo Cameron Modisane und Thoba Calvin Sithole im April weltweites Aufsehen: Die jungen Männer heirateten im traditionellen Outfit der Zulu.

Gay Village hinter der Waterfront

Jenseits der Großstädte prägen jedoch meist Prüderie, Tradition und Religiosität das tägliche Leben. Den homosexuellen Sprösslingen aus Burenfamilien oder aus den Dörfern bleibt oft nur der Weg ins städtische Exil. Traditionelles Machogehabe bei den Schwarzen, calvinistische Sittenstrenge bei den Buren und der Glaube muslimischer Südafrikaner führen dazu, dass die revolutionäre Verfassung des Landes in der Provinz noch immer auf wenig Verständnis stößt. In den Townships kommt es immer wieder vor, dass lesbische Frauen durch "erzieherische Vergewaltigungen" von ihren angeblich falschen Neigungen "geheilt" werden sollen.

2012 versuchte das "National House of Traditional Leaders", eine Art Häuptlingsrat, das Parlament zur Rücknahme der liberalen Homo-Gesetze zu bewegen - sie seien "unafrikanisch". Der Antrag scheiterte und sorgte für Protest. Kapstadt hält mit "pink power" dagegen. Seit den Tagen von The Bronx, Angels und Detour hat sich eine bemerkenswerte schwule Theater-, Varieté- und Bar-Szene entwickelt. Sie konzentriert sich vor allem im Stadtteil De Waterkant, auch "Gay Village" genannt, das mit seinen kopfsteingepflasterten Straßen und bunten Häusern zwischen der Victoria & Alfred Waterfront und dem Signal Hill liegt.

"Die schwul-lesbische Partyszene ist nach Johannesburg weitergezogen. Die dortige Homo-Szene ist - anders als in Kapstadt - viel afrikanischer", sagt Alexander Valentin. Und dennoch: Im Crew, im Café Manhattan, der Amsterdam Action Bar, der Bubbles Bar, der Bar Code oder im Venue wird sieben Tage die Woche gefeiert. Das Bronx allerdings hat nach dem Tod des Eigentümers im vergangenen Jahr endgültig dicht gemacht.

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fatherted98 17.05.2013
1. Aber wirklich...
...nur in Kapstadt. Es sollte sich kein bekennender Schwuler offen in eine andere Gegend Süd Afrikas verirren...das könnte sehr schnell tödlich enden.
billy pilgrim 17.05.2013
2. es ist ein
Paradigmenwechsel, der langsam aber sicher stattfindet. Vor ein paar Jahren noch haben in Namibia Politiker den Tod für Homosexuelle gefordert. Heute sind - in der Hauptstadt - homosexuelle Paare oder Transsexuelle ein Anblick, der mehr und mehr normal wird. Es gibt die entsprechenden Clubs, in denen Menschen aller Couleur zusammenfeiern können. Homosexualität ist zwar immer noch illegal, wird aber nicht verfolgt. Illegal übrigens nur für Männer. Das 'Sodomie'-Gesetz ist ein Relikt der Apartheidgesetzgebung und illegalisiert interessanterweise nur Sex zwischen Männern - vermutlich haben sich die prüden Gesetzgeber nicht vorstellen können, dass es lesbische Frauen gibt. Auch sind bestimmte Sprachgruppen in Namibia recht tolerant gegenüber Homosexuellen, so dass es auch auf den Dörfern - vor allem im Süden und Westen - möglich ist, offen homosexuell zu sein. Es gibt immer noch viele Ressentiments und Hetzerei aus bestimmten politischen Kreisen, aber insgesamt scheint mir Namibia ein Land zu sein, in dem man relativ ungestört homosexuell sein und leben kann - für afrikanische Verhältnisse, wohlgemerkt.
Oskar ist der Beste 17.05.2013
3.
Zitat von fatherted98...nur in Kapstadt. Es sollte sich kein bekennender Schwuler offen in eine andere Gegend Süd Afrikas verirren...das könnte sehr schnell tödlich enden.
nun ja, das ist sicherlich etwas übertrieben, aber in der afrikanischen Kultur ist Homosexualität nun einmal nicht besonders positiv bestetzt. Und ob es richtig ist, daß ausgerechnet wir Europäer mal wieder die Afrikaner mit unseren Lebensvorstellungen beglücken, halte ich für zweifelhaft. Ich kenne schwule Captonians in den schwarzen Townships und sie sind dort leidlich akzeptiert. (was wichtig ist und auch weiterhin unterstützt werden muß). Andererseits erschließt sich mir nicht, warum Leute 10.000km fliegen wollen, nur um vor der Kulisse des Tafelberges ihren sexuellen Vorlieben zu frönen in dem Bewußtsein, daß diese Lebensart eben nicht so akzeptiert ist wie in Europa. Bei der Akzepetanz von Homosexuellen geht es im übrigen um weit mehr als Paraden, Night Life und having fun. Der Alltag ist es, auf den es ankommt und da stellen diese Partyevents per für viele Afrikaner zunächst einmal eine Provokation dar.
testthewest 17.05.2013
4.
Zitat von sysopimago In Afrika hält Kapstadt die Regenbogen-Fahne hoch. An der Südspitze des Kontinents hat sich eine lebendige schwule Theater- und Barszene entwickelt. Tausende Touristen aus aller Welt reisen an, wenn alle zwei Monate auf den Straßen die Boas geschwungen werden. http://www.spiegel.de/reise/staedte/schwuler-tourismus-in-suedafrika-kapstadt-in-pink-a-899135.html
"In Afrika, dem Kontinent, in dem Homophobie zum Alltag gehört, war und ist dies etwas Besonderes: In Teilen Nigerias, im Sudan, in Uganda drohen Schwulen und Lesben Todesstrafen, in anderen Ländern Gefängnis. " Und später noch: Es ist vor allem Helen Zille zu verdanken. Auch die Bilder: Fast ausschliesslich Weisse, obwohl die in Südafrika nur einen Bevölkerungsanteil von 9% haben. Die Toleranz ist einzig dem großen weissen Bevölkerungsanteil in Kapstadt zu verdanken. Es wäre auch mal schön, wenn dies so gesagt wird, denn diese Bevölkerungsgruppe hat durchaus ein direktes Lob verdient. Es wäre auch schön zu schreiben, welcher Partei Helen Zille vorsteht, dass ist nämlich nicht der ANC.
BlogBlab 17.05.2013
5. Homophobie in Afrika
Zitat von Oskar ist der Bestenun ja, das ist sicherlich etwas übertrieben, aber in der afrikanischen Kultur ist Homosexualität nun einmal nicht besonders positiv bestetzt. Und ob es richtig ist, daß ausgerechnet wir Europäer mal wieder die Afrikaner mit unseren Lebensvorstellungen beglücken, halte ich für zweifelhaft. Ich kenne schwule Captonians in den schwarzen Townships und sie sind dort leidlich akzeptiert. (was wichtig ist und auch weiterhin unterstützt werden muß). Andererseits erschließt sich mir nicht, warum Leute 10.000km fliegen wollen, nur um vor der Kulisse des Tafelberges ihren sexuellen Vorlieben zu frönen in dem Bewußtsein, daß diese Lebensart eben nicht so akzeptiert ist wie in Europa. Bei der Akzepetanz von Homosexuellen geht es im übrigen um weit mehr als Paraden, Night Life und having fun. Der Alltag ist es, auf den es ankommt und da stellen diese Partyevents per für viele Afrikaner zunächst einmal eine Provokation dar.
Mit dem gleichen Argument könnte man Rassenhass auf Schwarze in Europa oder Amerika rechtfertigen. Afrikaner waren in unserer Kultur eben nicht besonders positiv besetzt, deshalb hatte man keine Skrupel, sie als Sklaven in unsere Länder und Kolonien zu verschleppen und jahrhundertelang zu diskriminieren. Homosexualität ist doch keine europäische "Lebensvorstellung", sondern gibt es bei allen Völkern, die Afrikaner sind nur besonders intolerant, sodass sich Homosexuelle dort mehr verstecken. Diese afrikanische Intoleranz gegenüber Minderheiten betrifft z. B. auch die Pygmäen, die von der mehrheitlichen Bantu-Bevölkerung als primitiv betrachtet und diskriminiert werden, genauso wie die San (Buschmänner) im südlichen Afrika, oder Albinos, die sogar oft von anderen Dorfbewohnern getötet werden, weil sie anders aussehen. Die extreme Homophobie ist in Afrika also nur auf deren kulturelle oder zivilsatorische Rückständigkeit zurückzuführen, wie sie sie bei uns in Europa ja auch gab und in manchen Ländern noch gibt.
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