Seattle per Amphibienfahrzeug Schlechtes Wetter? Falsche Kleidung!

Wer denkt, in Deutschland regnet es ziemlich viel, sollte mal nach Seattle reisen. Denn die US-Großstadt hat wirklich einen fürchterlichen Ruf, wenn es ums Wetter geht. Das beste Fortbewegungsmittel für die Stadttour ist deshalb ein Amphibienfahrzeug.

TMN

Seattle - Die Spitze der Space Needle fädelt Wolkenfetzen auf. Flink stichelt sich Seattles Wahrzeichenturm eine ordentliche Decke zusammen, dicht und grau. Es regnet. Na endlich. Sonst kriegte man ja auch einen ganz falschen Eindruck von der Rain City, hier oben an der US-amerikanischen Westküste, am windigen Ufer des launigen Pazifiks.

Wenn eifrige Lokalpatrioten auch gern und oft beteuern, dass es drüben in Cleveland öfter tröpfelt und in Miami viel mehr schüttet, wuchern Moose und Immergrün in Seattle wohl nicht ohne Grund. Fast ein Meter Niederschlag fällt hier pro Jahr. Feucht von oben, links und rechts: Ohne Wasser wäre Seattle nicht, was es ist. Wer schlau ist, packt sogar für einen Besuch im Hochsommer den Friesennerz ein.

Kapitän Lou Scannon knöpft seinen gerade zu. Inzwischen ist der feine Niesel- einem richtigen Platzregen gewichen. Aber für einen waschechten Seattleite gibt es kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung. Nass macht Spaß. Um Lous Hals baumelt eine quietschgelbe Entenschnabel-Plastiktröte. Auf dem Kopf trägt er einen Fahrradhelm. Die "Duck", sein rollendes Tour-Mobil hat sechs Räder, Kulleraugen-Scheinwerfer und eine Schiffschnauze. So ein umgebautes Amphibienfahrzeug, das beim US-Militär noch DUKW hieß und im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde, ist vielleicht das beste Vehikel, um Seattles Seele zu erkunden.

Probleme mit dem Alki

Seattle ist offiziell nach Chief Sealth benannt, dem großen Suquamish-Häuptling. Regen war schon für die Indianer ein Segen. Die buschigen Riesen-Lebensbäume gediehen großartig und waren eine Grundlage ihrer Kultur.

Im Tillicum-Museumsdorf auf Blake Island, 45 Minuten südwestlich von Seattle, sind typische Holzplankenhäuser und bunt bemalte Totempfähle mit grimmigen Tierköpfen zu sehen, wie die Ureinwohner sie einst aus den hölzernen Giganten schnitzten. Aus Baumstämmen wurden Kanus, aus geschredderter Rinde Körbe und Kleider, die damals sogar schon wasserabweisend waren.

Die weißen Siedler waren nicht so erfinderisch. Ihr erstes Bauwerk, eine wohl mit Recht unvollendet gebliebene Blockhütte ohne Dach, zimmerten anglo-amerikanische Pioniere 1851 auf matschiges Wattland, planten aber drumherum gleich ein gewaltiges Straßennetz für künftige Häuserblöcke.

"New York Alki" tauften sie ihr Hirngespinst. Mit zu viel Branntwein hatte das wenig zu tun, sondern mit der lokalen Pidgin-Handelssprache. Darin bedeutet "alki" so viel wie "nach und nach". Als nach und nach die Wintersturmfluten stiegen, beschlossen die Siedler den Umzug von der erst viel später trockengelegten Alki-Halbinsel - heute der ruhige Stadtteil West Seattle mit Einfamilienhäuschen, Strand und Kajakvermietung.

Kapitän Lou zuckelt jetzt am Pioneer Square vorbei, dem zweiten Siedlungsversuch. Der hübsche dreieckige Platz mit Bäumen und Wandelgang unter gusseiserner Pergola ist von imposanten neoromanischen Backsteinbauten umgeben.

Trübe Aussichten vom Fernsehturm

Die erste aus Holz errichtete Version brannte im großen Feuer von 1889 komplett ab. Weil das Meer auch hier über die Ufer trat, wurden die neuen Häuser auf erhaltene Fundamente gesetzt. So wuchs alles ein Stockwerk höher. Später wurden auch die Bürgersteige angeglichen, und die Leute mussten nicht mehr über Leitern in ihre Häuser klettern.

Ein architektonisches Prunkstück ist der Smith Tower aus hellem Granit und Terrakottakacheln auf dem Pionier-Platz. 1914 gebaut, war er mit stolzen 159 Metern damals das vierthöchste Gebäude der Welt. Heute ist er neben dem Columbia Center mit knapp 286 Metern, der auch die wie ein Ufo auf Stelzen aussehende Space Needle (184 Meter) aussticht, eher ein Knirps. Wer den Messingaufzug zum Balkon in die 35. Etage nach oben fährt, sieht bei schönem Wetter trotzdem die schneeweißen Spitzen der Kaskaden-Bergkette mit dem Mount Rainier am Horizont. Heute nicht.

"Starbucks auf Steuerbord!", ruft Lou plötzlich und reißt den rechten Arm hoch. "Grande!", johlt seine Mannschaft, wie vor Tourbeginn bei jeder Filial-Sichtung abgemacht. Seattle ist immerhin Heimatstadt der Kaffeekette. Tausende von Läden gibt es weltweit, 80 sollen es in Seattle sein. Hier meint "Grande" übrigens die mittlere Bechergröße. Klein heißt "tall" (groß). Bei Dauerregen wie heute empfiehlt sich wohl "Venti", die Dreiviertelliterversion.

Die Duck rumpelt über das Kopfsteinpflaster des Pike Place Market. Hier gibt es gratis Plastiktüten - extralang, aber schmal - für nasse Schirme und ansonsten allerlei Obst- und Feinkosthändlern inklusive fotogener Fischverkäufer, die ihre glitschige Ware zum Kollegen an der Waagschale werfen. Was angeblich schneller geht, aber nicht immer funktioniert. In seinen elf Jahren als Fish Thrower versenkte Chris Bell - tätowiert und in orangefarbenen Gummihosen - auch schon mal einen im Kinderwagen.

Matrosenhut statt Fahrradhelm

Der Name von Skipper Lou Scannon klingt schnell gesprochen so wie "Lose Cannon", was umgangssprachlich einen vollkommen unberechenbaren Chaot bezeichnet. Natürlich ist das ein Spitzname für den Spaßvogel am Steuer, den wahren rückt er nicht heraus. Jetzt nimmt er Kurs auf Lake Union, den innerstädtischen Gletschersee zwischen Puget Sound und Lake Washington. Und es ist hoffentlich kein Witz, dass die Duck seetüchtig ist. Bevor sie sich die Bootsrampe in den See hinabstürzt, tauscht Lou den Radhelm noch fix gegen eine Art Matrosenhütchen.

Sein Amphibien-Fahrzeug schwimmt wirklich. Möwen schaukeln auf den Bugwellen. Der Regen malt hübsche Ringmuster aufs Wasser. Eine Riege junger Mädchen im Ruderachter gleitet kichernd vorbei, von Kopf bis Fuß in Ölzeug gehüllt.

Von einem Hausboot winkt ein alter Mann mit Kapuze. 500 von diesen schicken, schwimmenden Wohnungen gibt es in Seattle, die meisten auf Lake Union. Auf dem spitzgiebeligen grauen dort drüben, mit Veranda, dunkelgrünen Markisen und Blumenampeln, wurde der Film "Schlaflos in Seattle" mit Tom Hanks gedreht. Für 2,5 Millionen Dollar (rund 1,92 Millionen Euro) soll es neulich verkauft worden sein.

Käpt'n Lou kramt nach dem Fahrradhelm. Mit Vollgas und einem Ruck die Bootsrampe hinauf hat die Straße seine Duck samt Insassen wieder und rollt zurück Richtung Space Needle. Hier gibt es zum Abschied einen feuchten Händedruck und einen Versprecher: "Das Wetter, äh, das Wasser war doch gar nicht so schlecht!"

Heike Schmidt/dpa/sto



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insgesamt 8 Beiträge
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sinistro 28.05.2013
1. Seattle Rain Festival
Irgend etwas muss sich am Klima geändert haben: Als ich vor 20 Jahren in Seattle war, dauerte das Seattle Rain Festival von Oktober bis Juni. Inzwischen wird auf den einschlägigen T-Shirts Januar bis Dezember angegeben... Am interessantesten fand ich einen Besuch bei den Boeing-Werken. Mit einem Shuttle-Bus kann man sich nach Everett fahren lassen und dort den Zusammenbau der großen Flugzeuge besichtigen.
tutnet 28.05.2013
2. 1m Niederschlag pro Jahr gibt es auch in vielen Orten in Deutschland
Ich war mehrfach in Seattle, einmal für volle 4 Tage und hatte wunderbares Wetter.
dotter101 28.05.2013
3. ja
Ich hatte das Glück 5 JAhre in dieser wunderschönen Stadt zu leben, und ja Herbst, Winter Frühling sind recht nass aber der Sommer ist atemberaubend. Es gibt meiner Meinung nach nichts schöneres als Seatlle und umgebung im Sommer
jazzland-arcadia 28.05.2013
4.
Zitat von sysopTMNWer denkt, in Deutschland regnet es ziemlich viel, sollte mal nach Seattle reisen. Denn die US-Großstadt hat wirklich einen fürchterlichen Ruf, wenn es ums Wetter geht. Das beste Fortbewegungsmittel für die Stadttour ist deshalb ein Amphibienfahrzeug. http://www.spiegel.de/reise/staedte/seattle-stadttour-mit-der-duck-a-902337.html
Ich war vor einigen Jahren fuer ca. eine Woche im Sommer in Seattle. Das Wetter war wunderbar und geregnet hat es fast gar nicht. Mich wuerde nicht wundern wenn es im "sonnigen" Muenchen mehr regnet als in Seattle... Die Stadt ist ausgesprochen schoen, von der Umgebung ganz zu schweigen. Das nahe Vancouver, BC uebertrifft das allerdings nochmals. Tipp: besonders beeindruckend ist die Anreise mit dem Victoria Clipper (Tragfluegelboot) von Victoria auf Vancouver Island!
SPARC 28.05.2013
5. Eine Woche ohne Regen
und täglich strahender Somenschein. So ist Seattle in meiner Erinnerung eine der schönsten Städte der Welt. Man sollte auch die Fontäne auf dem Uni-Campus nicht verpassen. Ein atembréraubendes Bild mit dem Mt. Rainier im Hintergrund.
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