Shinjuku-Station in Tokio: Bahnhof der verlorenen Träume

Von Heike Sonnberger

Millionen Passagiere schieben sich täglich durch Japans größten Bahnhof Shinjuku. Umgeben von Spielhöllen, Shopping-Malls und Losbuden lässt sich mitten in Tokio gutes Geld mit den Hoffnungen der Menschen machen. Manche, die in und um die Station arbeiten, haben ihre Träume längst aufgegeben.

Bahnhof Shinjuku in Tokio: Maronen, Lose und Porno-DVDs im Angebot Fotos
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Wenn der größte Bahnhof Japans ein Monster wäre, säße Reiko Inoue, 70, fast genau vor dem rechten Nasenloch. Ihre Lottobude scheint auf dem Bürgersteig festgewachsen, zwischen Laternenpfahl und Ampel neben dem Südeingang. Hier macht Inoue seit drei Jahrzehnten Geschäfte mit den Hoffnungen der Menschen, die der Bahnhof Shinjuku in Tokio einsaugt und ausspuckt.

Die Lottoverkäuferin verdient nicht viel mit ihren Rubbellosen. Eins kostet 200 Yen, etwas mehr als eine gefüllte Reisecke, und den größten Teil davon bekommt die Lottofirma. Doch es reicht, um die Miete zu bezahlen. In den Achtzigern, als die Wirtschaft richtig boomte, standen die Leute vor der Bude sogar Schlange. Inoue machte oft Urlaub und spielte Golf. Wie viele Menschen jetzt noch anhalten und Rubellose kaufen, will sie nicht sagen, das sei deprimierend. Sie nimmt sich nur noch frei, wenn es regnet.

Heute regnet es, und die zierliche Dame ist trotzdem da. Hat ihr Büdchen morgens wie immer mit dem Wagenheber hochgepumpt. Hat sich geärgert, dass die alten Klebestreifen für die Papierkranichgirlanden und die Plastikkirschblütenzweige nicht mehr halten. Ist durch die Öffnung geschlüpft wie ein Tier in seine Höhle. Hat acht winkende Katzenfiguren vor sich aufgereiht, damit sie das Glück herbeiwinken. Hat sich eine Wolldecke um die Beine gewickelt und wartet auf Kundschaft.

Schnurstracks in eine Glitzerwelt

Am Bahnhof Shinjuku steigen jeden Tag mehr als drei Millionen Menschen ein und aus, die meisten sind es auf den Linien der Transportgesellschaft Japan Railway. Es schicken aber auch noch andere Firmen ihre Züge durch Shinjuku: Odakyu Dentetsu, Keio, Seibu Tetsudo, Tokyo Metro. Shinjuku gilt als der Bahnhof mit dem höchsten Passagieraufkommen der Welt.

Mit gesenkten Köpfen strömen Menschenmassen durch das Labyrinth aus Tunneln, Treppen, Schildern und Barrieren. Wer nicht mitgerissen werden will, drückt sich an eine Säule oder an einen Kiosk. Wer auf einen Ausgang stößt, läuft schnurstracks in die Konsumwelt des Vergnügungsviertels Shinjuku, das seinen Besuchern Träume vorgaukelt, um an ihr Geld zu kommen.

Vor einer Spielhölle wackelt ein Plüschhase auf und ab, drinnen scheppern die Glücksautomaten, aus Fassadenbildschirmen dudelt Reklame. An den Hauswänden stapeln sich Werbeschilder wie Tetris-Würfel. Karaoke? Yakitori? Pachinko? Manga? Nudelsuppe? Hübsche Mädchen? Alles ist billig, bunt und hohl. Wenn die Ampeln auf Grün springen, zwitschern von einem Tonband die Stimmen von Vögeln, die hier nicht mehr in den Zweigen sitzen.

Halterungen nicht erlaubt

Katsutoshi Hayashi, 42, ist nur ein weiteres Geräusch, ein weiterer Farbklecks. Er steht vor dem Südosteingang, seine linke Hand hält eine Werbetafel. Vormittags "180 Minuten nur 1000 Yen, jeder Raum schalldicht und mit Blu-ray, 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr!" Den Videoladen, den das Schild bewirbt, dürfen nur Männer betreten, erklärt Hayashi höflich.

Früher machte es ihn heiser, stundenlang die ermäßigten Raten für Wichskabinen in einen roten Plastiktrichter zu rufen. Doch nun macht er den Job schon seit vier Jahren fast jeden Tag. "Man gewöhnt sich dran", sagt er. Genau wie ans Stehen. Und an die Peinlichkeit. "Ich brauche das Geld."

Man möchte Hayashi eine Halterung bauen für das Schild, damit er sich mal strecken kann. Doch Schilder in Halterungen sind hier nicht erlaubt. Man möchte den Holzstab an der Tafel abrunden, damit Hayashi ihn bequemer greifen kann. Doch ein menschlicher Reklamehalter darf sich nicht über vier Kanten beschweren.

Hayashi weiß nie, wann seine Arbeitgeber vom Videoladen um die Ecke schauen, ob er schwänzt. "Manchmal gar nicht, manchmal oft", sagt er. Und so steht er da und schaut und denkt und ruft, während Menschen mit gesenkten Köpfen vorbeieilen.

Er könnte auch vor sich hinträumen, aber von was? "Früher habe ich davon geträumt, Programmierer zu werden", sagt Hayashi. Doch der Traum verlor seinen Glanz, als er in Erfüllung ging: Hayashi arbeitet nach Feierabend als selbständiger Programmierer, bis morgens um zwei oder drei sitzt er vor dem Bildschirm, in der beinahe teuersten Stadt der Welt. Das Programmieren sei doch nicht so spannend wie gedacht, sagt er - und weil das Geld sonst nicht reichen würde, hält er tagsüber Reklame.

Kastanien in einer Glasvitrine

Zwei Stockwerke unter seinen Füßen muss auch Emi Tsubota, 22, die ganze Zeit stehen. Wenn der Bahnhof Shinjuku ein Monster wäre, stünde die Jurastudentin irgendwo zwischen Bauchnabel und Wirbelsäule. Dort, wo kein Tageslicht hinfällt, verkauft sie geröstete Maronen, die dunkelblaue Bluse bis zum Hals geknöpft, das Haar unter einem Kopftuch verborgen.

Der Stand ist kaum größer als eine Besenkammer, einen Hocker gibt es nicht. "Ich darf nicht müde werden - aber mein Rücken tut weh", sagt Tsubota. Vor ihr strahlen zwei Glühbirnen einen Flechtkorb mit Kastanien an, der Korb steht in einer Vitrine. Einmal hat jemand sechs Kilo gekauft, für umgerechnet 180 Euro, erzählt Tsubota und staunt noch immer. Sie hat noch nie selbst Kastanien gesammelt, und wenn sie mit der Arbeit fertig ist, geht sie shoppen.

"Äh, mein Traum?", Tsubota zieht irritiert die Nase kraus. "Sollte man nicht die Gegenwart schätzen?" Im Kindergarten wollte sie Ärztin werden. Dass das nicht geklappt hat, findet die Studentin nicht schlimm. Jura sei spannender, als viele denken. Außerdem gehe es ihren Eltern und Freunden gut. "Ich bin glücklich", sagt Tsubota. Und bevor sie vergessen kann, warum sie hier ist, preist sie noch einmal laut die Maronen an. Der Menschenstrom fließt achtlos vorüber.

Draußen sitzt noch immer die Lottoverkäuferin und wartet auf Kundschaft. Ein hagerer Geschäftsmann hat ihr gerade ein paar Rubbellose abgekauft. "Früher wollte ich Fernsehschauspielerin werden", sagt Reiko Inoue. Doch dann kam ihre Tochter zur Welt. Von ihrem Traum ist nur das Gel im Pony geblieben und der türkisfarbene Lidschatten. Doch Inoue hat ihre Arbeit mögen gelernt. Seit fast 30 Jahren verkauft sie an dieser Kreuzung. Die Lottobude gehöre ihr, sagt sie stolz.

An manchen Tagen genehmigt sich Inoue eine kleine Träumerei und rubbelt eins ihrer Lose frei. "Schon neunmal hat ein Los von meinem Stand den Hauptgewinn von 100 Millionen Yen enthalten", sagt sie und lächelt. Fast eine Million Euro. Mit so viel Geld könnte sie endlich ihren Bruder in Vietnam besuchen. Und wieder ein bisschen öfter Golf spielen.

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1. naja....
narita_s 09.05.2012
...einseitiger und schlechter kann man ein land und seine leute nicht beschreiben....sorry, aber solche artikel häufen sich.....könnte der spiegel bitte mal eine fotsetzung schreiben.....während des erdbebens gab es einen artikel mit drei zukunftsszenarien für japan....eines davon war: japan wird verstrahlt und muss evakuiert werden...wohin mit 130 mio menschen??.....depressiven endzeit-schreibern empfehle ich lichttherapie, hehe
2. Die Pinkelgasse
AKI CHIBA 09.05.2012
Shinjuku ist der Größte! Es gibt noch jede Menge anderer Großer! Und viele Kleine haben weit mehr Passagieraufkommen als unsere Großen. Dafür lunger in unsren Bahnhöfen jede Menge zweifelhafter Subjekte herum. Des Öfteren voll wie eine Strandhaubitze. Zugegeben, ich begegne in Shinjuku Menschenmassen - pausenlo! Die leben wenigstens. Wie Hayashi-san und das Maronenmädchen. Nicht weit vom Bahnhof ist die Pinkelgasse. Ein Traduitionsviertel fast wie vor 100 Jahren. Heute psst man nicht mehr in die Rinne vor der Kneipe. Dort sitzt der Boss neben dem Pekeo-Peko-Mann und knabbert am Yakitori. Das jap. Bier ist immer eine Wohltat. Seien Sie nicht so deprimiert - sehen Sie die Japaner in einem anderen Licht. Zum Beispiel in meinem.
3.
xRGBx 09.05.2012
Zitat von narita_s...einseitiger und schlechter kann man ein land und seine leute nicht beschreiben....sorry, aber solche artikel häufen sich.....könnte der spiegel bitte mal eine fotsetzung schreiben.....während des erdbebens gab es einen artikel mit drei zukunftsszenarien für japan....eines davon war: japan wird verstrahlt und muss evakuiert werden...wohin mit 130 mio menschen??.....depressiven endzeit-schreibern empfehle ich lichttherapie, hehe
Es geht ja auch nicht um das Land, sondern um den Bahnhof.
4. ...
mindmonkey 09.05.2012
ich war 2010 das erste und bisher leider letzte mal in Tokyo. Mein Hotel war in der nähe des Bahnhofs Shinjuku. und wenn man sowas nicht gewohnt ist, wundert es mich nicht, dass dieser Komplex als Monster wahrgenommen wird. Auch meine halbjapanische Freundin war ungern in Shinjuku und empfand den Bahnhof als Unort. ich habe mich mehrmals verlaufen aber als Hobbyfotograf ist das gar nicht sonderlich schlimm, da man so auf viele schrecklich schöne Ecken trifft. Ich finde dieser Artikel trifft die Emotionen, die in einem aufkommen ganz gut. Sicherlich einseitig aus der Sicht eines Europäers, trotzdem mit einem romantischen Unterton, der eine Eigenschaft der Japaner zeigt, Demut. Statt immer nur zu meckern, versuchen sie das Beste aus der Situation zu machen. Man kann praktisch an jeden Ort der Welt gehen, überall wird man Menschen finden, die mal ganz andere Träume hatten.
5. Hochgradig deprimierend !
postmaterialist2011 09.05.2012
Zitat von AKI CHIBAShinjuku ist der Größte! Es gibt noch jede Menge anderer Großer! Und viele Kleine haben weit mehr Passagieraufkommen als unsere Großen. Dafür lunger in unsren Bahnhöfen jede Menge zweifelhafter Subjekte herum. Des Öfteren voll wie eine Strandhaubitze. Zugegeben, ich begegne in Shinjuku Menschenmassen - pausenlo! Die leben wenigstens. Wie Hayashi-san und das Maronenmädchen. Nicht weit vom Bahnhof ist die Pinkelgasse. Ein Traduitionsviertel fast wie vor 100 Jahren. Heute psst man nicht mehr in die Rinne vor der Kneipe. Dort sitzt der Boss neben dem Pekeo-Peko-Mann und knabbert am Yakitori. Das jap. Bier ist immer eine Wohltat. Seien Sie nicht so deprimiert - sehen Sie die Japaner in einem anderen Licht. Zum Beispiel in meinem.
Ich habe lange Jahre in Japan gelebt und war vor ein paar Wochen wieder einmal in Shinjuku. Das ganze Land und auch der Bahnhof sind hochgradig deprimierend. Keiner glaubt mehr an die Zukunft und die vielen Obdachlosen die es immer in und um Shinjuku gab, sind nicht komplett verschwunden, sondern sie wurden einfach an weniger frequentierte Orte verfrachtet. Die ausdruckslosen Gesichter der Salarymen und OL´s plus der komplett Hoffnungslosen bezeichnen Sie als Leben ?? Sorry aber Städte wie Shanghai oder Seoul haben Tokyo schon lange den Rang abgelaufen, bei den Japanern hat man immer das Gefühl, dass die Zeit vor 20 Jahren stehengeblieben ist, notwendige Veränderungen werden komplett ignoriert, man fühlt sich aber noch immer allen anderen überlegen.
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