Shopping-Tour durch Wien Jede Menge guter Stoff

Röcke aus Socken, Ketten aus Neopren, Ringe aus Papier: Wer eine Shopping-Tour durch Wiens Ateliers und Modeläden bucht, kann über die verrückten Ideen der Designer nur staunen. Eine Amerikanerin führt zu den Geheimtipps der Stadt, die Touristen sonst garantiert übersehen würden.

Von Ulrike Schäfer


Man muss ein stabiles Selbstbewusstsein haben, um mit Lucie Lamster-Thury durch die Wiener Innenstadt zu laufen. Denn an der Seite der New Yorkerin zieht man viel Aufmerksamkeit auf sich: Passanten starren, Tischnachbarn im Café lauschen, Ladenbesitzer stürmen herbei, wenn Lucie mit fröhlichem "Hello!" in ihr Geschäft kommt.

Die ehemalige Stylistin bietet geführte Shopping-Touren durch die Modeszene der österreichischen Hauptstadt an. Entsprechend extravagant ist ihr eigener Kleidungsstil: Ein Hauch von Carrie Bradshaw, der Heldin aus "Sex and the City", weht durch Wien, wenn Lucie die Szenerie betritt. Trotz des strömenden Regens am Tag der Führung trägt sie einen weißen Trenchcoat und einen hellblau gestreiften Hemdkragen, die Hemdsärmel als Schal um den Hals geschlungen. Lucie spricht viel und mit hoher Stimme, nach jedem Satz lacht sie laut auf, so als müsste überschüssige Energie aus ihr heraus.

Sie ist durch und durch New Yorkerin, aufgewachsen in der Nähe von Queens. Einen Wegzug aus dem Big Apple hatte sie eigentlich immer ausgeschlossen. Als Stylistin für Modemagazine und Fernsehen (unter anderem für die CBS-Sitcom "Die Nanny") konnte sie ihre beruflichen Träume verwirklichen, der Job machte ihr großen Spaß. Bis ihr ein charmanter Österreicher über den Weg lief, dem sie 2004 in seine Heimat folgte. Denn für den Wiener, inzwischen ihr Ehemann, kam ein Umzug noch weniger in Frage als für sie.

Bürokratie auf Wienerisch

Lucies neue Heimat ist nicht gerade als Modestadt bekannt. Schon bald nach ihrer Ankunft fällt der Umsiedlerin die Decke auf den Kopf: Als Stylistin kann sie nicht Fuß fassen und von der Wiener Kreativszene fühlt sie sich wenig inspiriert. Die Erlösung bringt 2006 ein Besuch der Verkaufsmesse "Modepalast" im Museumsquartier: Lucie staunt über die Entwürfe der österreichischen Designer, die ihr bislang verborgen geblieben waren.

Mit neuem Elan macht sie sich auf, die versteckten Perlen Wiens zu entdecken. Sie entwickelt verschiedene Shopping-Touren, je nach Interesse ihrer Kunden mit dem Schwerpunkt auf österreichischer Mode, Accessoires oder Schmuck. Vorher muss sie noch einige bürokratische Hürden nehmen, bis sie ihre Lizenz bekommt. Die Stadt legt ihr eher Steine in den Weg, als sie zu unterstützen. "Es war keine Begeisterung für meine Pläne zu spüren, sondern nur Zweifel", erzählt die Amerikanerin, noch immer sichtlich genervt.

Doch sie setzt sich durch: Seit 2008 gibt es "Shopping with Lucie". 25 Euro pro Person kosten die Touren - dazu gibt es für die Teilnehmer in den Geschäften Rabatt. Das zahlt sich auch für die Ladenbesitzer aus, denn viele der Kunden kommen wieder. Der englischen Sprache sollte man jedoch mächtig sein, denn auf Deutsch traut sich Lucie ihre Touren noch nicht zu.

Durch den 1. und 7. Bezirk, also durch Stadtzentrum und Spittelberg-Viertel, führt die Amerikanerin ihre Gäste. Dabei wandelt sie nicht auf den bekannten Trampelpfaden rund um Stephansdom oder Mariahilfer Straße. Sie hat Läden und Ateliers aufgespürt, die Touristen leicht übersehen. So etwa das Goldschmiede-Atelier "Stoss im Himmel" (Stoss im Himmel 3/1, 1010 Wien). Selbst wenn Touristen zufällig daran vorbei gehen, werden sich die meisten kaum trauen, den großzügigen Altbau zu betreten. Denn der Laden ist gleichzeitig Werkstatt und wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Geschäft.

Doch Lucie stürmt ohne zu Zögern den Verkaufsraum: Sechs Schmuckdesigner haben sich hier zusammen getan und präsentieren auf großen Tischen und in zahlreichen Schubladenschränken außergewöhnliche Schmuckstücke, etwa die kunstvoll geformten schwarzen Ringe aus Blei und japanischem Papier von Michelle Kraemer oder die Preziosen von Viktoria Münzker, die nach ätherischen Ölen duften.. Während Lucie Lade für Lade öffnet und ihren Gästen die neuen Kreationen zeigt, können die den Künstlern beim Werkeln zusehen.

Vom Pflaster zum Silberring

Noch mehr phantasievollen Schmuck gibt es ein paar Ecken weiter in der Galerie Moha (Köllnerhofgasse 3, 1010 Wien) - weiche Ketten aus Neopren etwa oder den Pflasterring von Kay Eppi Nölke: Wer ihn haben will, muss mehrere Tage ein Pflaster tragen, das dem Designer anschließend als Vorlage für einen - garantiert individuellen - Silberring dient. Lucie lässt ihren Teilnehmern genug Zeit, sich umzuschauen und anzuprobieren. Sie schwatzt niemandem etwas auf, zeigt aber gerne ihre persönlichen Lieblingsstücke. Nicht selten lernt man auf ihrer Shopping-Tour auch gleich den kreativen Kopf hinter den Läden und Ateliers kennen, bekommt einen Tee oder Sekt angeboten und kann Fragen stellen.

So etwa bei Werkprunk, der Ateliergemeinschaft von Jasmine und Silvia König (Kirchengasse 7/11, 1070 Wien). Jasmine ist Gold- und Silberschmiedin und stellt unter anderem große Ringe und Kettenanhänger in Form von Bullterriern, her. Ihre Schwester Silvia ist Schuhmacherin und bietet schräge Schuhe und Gürtel an, die man garantiert nicht woanders findet: Clogs aus knallgelbem Leder oder rote Schnürschuhe mit dem geheimnisvollen Namen "funny to go cambodia". Eine der beiden Schwestern trifft man fast immer im Laden an, den sie seit 2003 betreiben.

Auch Sandra Gilles, die in ihrer "La Petite Boutique" (Lindengasse 25, 1070 Wien) pastellfarbene Dessous und Nachtwäsche verkauft, steht - trotz fortgeschrittener Schwangerschaft - persönlich hinter dem Verkaufstresen.

Viele Talente, wenig Publicity

"Das ist das Einzigartige an der Wiener Modeszene, dass man die Sachen hier oft direkt vom Designer kauft. So etwas gibt es in New York nicht in dem Maße", sagt Lucie. Um Wien wieder zur Modemetropole zu machen, müsste die Stadt aber aktiver werden, davon ist die Amerikanerin überzeugt. "All die jungen Designer hier bräuchten mehr Marketing von Seiten der Stadt. Sie machen tolle Sachen, aber viele Leute wissen das gar nicht." Auch Events wie der Modepalast seien längst nicht so bekannt wie die Branchenmessen in Berlin oder Barcelona.

Lucies Lieblingsdesignerin aus Österreich ist Gina Drewes von Lila Pix (Lindengasse 5, 1070 Wien). Sie trifft mit ihren gewagten Haute Couture- und Ready-to-wear-Entwürfen genau Lucies Geschmack. Asymmetrische Schnitte, üppige Fransen und bunte Textildrucke spielen bei Drewes derzeit die Hauptrolle. Auch Anita Steinwidder gehört zu ihren Favoriten: Sie stellt unter anderem Kleider und Röcke aus Socken her (u. a. bei Das Studio, Kirchengasse 17, 1070 Wien). "Die beiden Designerinnen unterscheiden sich sehr voneinander - aber sie sind beide leidenschaftlich und extrem innovativ", sagt Lucie.

Die New Yorkerin mag es ein bisschen verrückt - darum bietet sie hin und wieder Spezialführungen an, wie die Carrie-Tour aus Anlass des "Sex and the City"-Filmstarts. Gerade bereitet sie eine Führung durch die Wiener "Skate- und Street Gear"-Shops vor. Demnächst wird sie auch Home Decoration ins Programm aufnehmen - je nach Geschmack der Teilnehmer eher mit moderner oder antiker Ausrichtung. "Mit Lieferservice ins Ausland", betont die geschäftstüchtige Neu-Wienerin.



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