Spanische Hofreitschule Zwei Madln machen Revolution

Eine der letzten Männerbastionen ist gefallen. Erstmals in ihrer mehr als 430-jährigen Geschichte bildet die weltberühmte Spanische Hofreitschule in Wien junge Frauen aus. Doch aller Anfang ist schwer - statt Dressuren vorzuführen müssen die beiden erst mal Mist schaufeln.

Von Marion Kraske, Wien


Die Augen strahlen, die Wangen sind gerötet, ab und zu bricht sich ein schüchternes Kichern Bahn. Habe die Ehre: Hannah Zeitlhofer und Sojourner Morell, zwei junge Frauen mit bravem Dutt im aschblonden Haar. Sie sind die neue Attraktion der berühmten Spanischen Hofreitschule in Wien.

Es ist fast Mittag. Die Mädchen sitzen im Stall auf einer Bank, an der Wand sind die Sättel fein säuberlich aufgereiht. Der Boden ist so sauber, dass man von ihm essen könnte. Beide sehen müde aus, schließlich haben sie den ganzen Morgen schon gearbeitet. Die langen Beine baumeln nach unten, ein wenig erinnern sie an Hanni und Nanni, wie Zwillinge auf Abenteuertour.

Dass Zeitlhofer und Morell sich hier tummeln, nur wenige Meter von der Hofburg entfernt, in ihrer grauen Arbeitskluft mit den aufgenähten Wappen der traditionsreichen Reitschule - das ist tatsächlich so etwas wie ein Abenteuer. Ein historisches wohlgemerkt. Denn ihre Aufnahme als Elevinnen in den Club der edlen Reiter markiert eine Zeitenwende. Die beiden sind die ersten Frauen in der prominenten Ausbildungsstätte.

436 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung hat die Reitschule, einst von Kaiser Ferdinand I. gegründet, nun auch eine weibliche Seite. Eine der letzten reinen Männerbastionen ist gefallen.

Die feinen Wiener Philharmoniker hatten diesen Schritt auf mächtigen öffentlichen Druck hin schon 1997 vollzogen. Auch das verschnarchte Staatsopernorchester brach in jenem Jahr mit der männlichen Alleinherrschaft.

Ein Traum, der in Erfüllung ging

Die Emanzipation ist eine beschwerliche Sache. In Deutschland wurde das Gesetz über die Gleichstellung 1957 verabschiedet. 1972, so spät wie keine andere westliche Demokratie, ließen die betulichen Schweizer Frauen an die Wahlurnen. Und jetzt, im Jahr 2008, macht eine der wohl berühmtesten Institutionen ernst mit den Ideen von Gleichberechtigung und Chancengleichheit: das weltberühmte Zentrum der Reiterei.

"Ich war sehr überrascht, als ich zum Bewerbungsgespräch gebeten wurde", sagt Zeitlhofer und grinst. "Das hat es vorher ja noch nie gegeben." Als Vorreiterin für die Sache der Frauen sieht sie sich nicht. In ihrer niederösterreichischen Heimat hat die 21-Jährige Pferdewissenschaften studiert, mit ihrem Haflinger Joker auf Dressurturnieren ihre Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Jetzt, sagt sie, sei sie einfach nur stolz, dabei sein zu dürfen: "Hier lernt man die hohe Schule des Reitens."

Auch für Sojourner Morell übte die legendäre Riege schon immer eine Faszination aus, selbst aus der Ferne. Die 17-Jährige mit den meerblauen Augen lebte bislang mit ihren Eltern in Saratoga Springs im US-Bundesstaat New York. Sie sagt, für sie sei ein Traum in Erfüllung gegangen.

Morell geht in die Box ihres Pflegepferdes, Siglavy Narenta. Siglavy stehe für die Linie des Vaters, erklärt Morell - die Hengste sind der ganze Stolz der Schule, nur sie werden bei den Vorführungen präsentiert. Der zweite Name sei jener der Mutter. Dann schnappt sie sich eine Mistgabel, nimmt einen ordentlichen Hub und trägt den Mist nach draußen. Noch ein liebevoller Klaps, dann schließt sie die Boxentür.

Kein Mucks, kein Lächeln

Alle fünf Jahre nimmt die Reitschule vier neue Eleven auf. Sie müssen hart arbeiten. Der Tag beginnt morgens um 6 Uhr mit dem Füttern der Pferde. Um 7 Uhr gibt es eine Stunde Reitunterricht an der Longe. Da wird penibel am Sitz gefeilt, an Haltung und Zügelführung. Anschließend werden die Pferde geputzt, auch Stall und Hof müssen blitzblank werden. Um 14 Uhr ist Feierabend. Sechs Tage die Woche geht das so. Dafür erhalten die Lehrlinge 700 Euro im Monat.

Drei bis vier Jahre müssen sie im Stall schuften, dann erst werden die Eleven feierlich zu Bereiter-Anwärtern gekürt. Bis sie schließlich aufsteigen in die noble Riege der 16 Bereiter, können gut zehn bis 15 Jahre vergehen.

Disziplin ist wichtig in der Hofreitschule. Selbst beim morgendlichen Training der edlen Lippizaner gelten strenge Regeln: Immer sechs Pferde gleichzeitig werden in den Saal mit den prachtvollen Kronleuchtern geführt; selbst hier präsentieren sich die Reiter, bei den Vorstellungen vom Publikum wie kleine Könige gefeiert, majestätisch in ihren Empire-Uniformen samt kaffeebraunem Frack. Dazu tragen sie hohe Lackstiefel.

Gegrüßt wird formvollendet in der Mitte der Halle, unter Zücken des Zweispitzes. Ansonsten kein Mucks. Kein Lächeln. Das würde sich mit der "Würde des Hauses" nicht vertragen, sagt Oberbereiter Andreas Hausberger, 43, ein freundlicher Herr mit offenem Blick.

Dass seine elitäre Truppe neuerdings auch weiblichen Zulauf hat, findet Hausberger großartig. "Gott sei Dank", sagt er wie erleichtert. "Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter."

Eine Begeisterung, die freilich nicht alle von Anbeginn teilten. Es habe schon den einen oder anderen Bereiter gegeben, der unwillig gegrummelt habe, sagt Hausberger belustigt. "Aber wir haben sie überzeugt", sagt er und zwinkert mit den Augen.

"Traditionen dürfen nicht statisch sein"

Der Traditionsbruch an der Reitschule ist einer Frau zu verdanken. Seit einem Jahr ist die umtriebige Society-Lady Elisabeth Gürtler Generaldirektorin, die auch das feine Hotel Sacher vis á vis der Staatsoper managt. Sie sitzt in ihrem lachsfarbenen Büro, trägt expressive Ohrgehänge und eine akkurate Föhnfrisur, an den Wänden hängen überdimensionale Pferdegemälde. "Ich liebe Traditionen", sagt sie, die Ringe an ihrer Hand funkeln. "Aber sie dürfen nicht statisch sein."

Niemand habe die männliche Vorherrschaft in der Reitschule hinterfragt, sagt Gürtler. "Es wurde einfach so hingenommen."

Doch sie ist Geschäftsfrau, durch und durch, sie weiß, was modernes Marketing ist: "Wir können nicht stehen bleiben." Die finanziell angeschlagene Reitschule müsse sich für das nächste Jahrtausend rüsten. Dazu gehöre es eben auch, "sich zu öffnen".

Die beiden Elevinnen müssen sich nun jeden Tag aufs Neue beweisen. Im Stall sei es lustig, erzählen die Mädchen, bei der Reitschule selbst gehe es spürbar ernster zu. Ein wenig Angst, etwas falsch zu machen, haben sie mitunter schon.

Gibt es denn etwas, was sie von ihren männlichen Kollegen unterscheidet?

Ja, sagen beide und nicken. Das Aufsteigen ohne Steigbügel sei ganz schön schwierig. In den Oberarmen fehle einfach die Kraft. Manchmal brauchen sie dann Hilfe von Kollegen. "Das ärgert schon", sagt Zeitlhofer. "Schließlich gucken alle zu."



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