Lissabon während der Krise: Filipe und das Wort mit F

Von Katharina Finke

Schlangen vorm Arbeitsamt, Trinkgelage auf der Straße: Filipe Duarte hat nur noch Augen für die triste Seite von Lissabon. Der arbeitslose Portugiese zeigt Touristen, was die Krise aus seinem Land gemacht hat, echauffiert sich - und bahnt sich zu Fuß seinen Weg in die Zukunft.

Lissabon mit einem Local: Krise mit Aussicht Fotos
Katharina Finke

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Fado, Fátima, Fußball. Es braucht nur drei F-Wörter, um ein klischeehaftes Bild von Portugal im Kopf entstehen zu lassen. Doch wenn Filipe Duarte an sein Land denkt, kommen ihm nicht zuerst melancholische Musiklokale in den Sinn, der unverwüstliche Glaube an Wunder oder Sportler mit Stollen und rot-grünen Trikots. Ihm fallen andere F-Wörter ein. Finanzkrise. Frust. Flexibel sein.

Filipe Duarte ist seit zwei Jahren arbeitslos, seinen Job verlor er mitten in Portugals Wirtschaftskrise. Im Sommer hielt er das Nichtstun, tagein tagaus, nicht mehr aus. Er gründete ein Kleinunternehmen und führt seitdem Touristen durch Lissabon. Es sind keine gewöhnlichen Rundgänge, bei denen Kirchen die Hauptrolle spielen oder historische Bauten. Bei Duartes Touren lernen Urlauber eine andere Seite von Lissabon kennen. Sie ist nicht so zauberhaft wie der Blick von der Burgruine von São Jorge. Sie riecht nicht nach deftigem Fischeintopf. Sie schmeckt nicht so süß wie Natas, die berühmten portugiesischen Vanilletörtchen.

Wer mit Duarte Lissabon erkundet, muss sein Schimpfen auf Politiker ertragen, seinen besorgten Blick, wenn er sich eine Zigarette anzündet, seine Sehnsucht nach der Leichtigkeit, die früher in den Gassen Alfamas herrschte.

Doch hier im Garten von São Pedro de Alcântara, wo der Spaziergang beginnt, liegt ein Lächeln auf dem Gesicht des 38-jährigen Stadtführers. In der Ferne fahren Boote den Tejo runter, in der Nähe des Ufers ragen die zwei Türme der Kathedrale Sé in den Himmel. Es ist gerade mal halb neun Uhr, die zauberhafte Stimmung einer Stadt, die gerade erwacht, liegt zwischen Eschen, Rosenbüschen und den grünen Geländern des Aussichtsplatzes. "Besonders schön ist dieser Park jetzt, wenn die Sonne aufgeht", sagt Duarte und setzt sich auf eine Bank.

Es ist ein friedlicher Ort. Ein Ort für jedermann. "Hier kann man auch ohne Geld eine schöne Zeit haben." Das sei auch die ursprüngliche Idee gewesen, als die Grünflächen im 19. Jahrhundert angelegt wurden, sagt Duarte. Dann nimmt er sich seine Sonnenbrille vom Kopf, setzt sie sich auf die Nase und spaziert los.

Troika als Sündenbock

Schon nach einigen Metern bergauf in Principe Real hält Duarte vor ein paar leerstehenden Häusern an. Die Fenster sind mit Graffiti besprüht. "Guck dir diese heruntergekommenen Häuser an", sagt Duarte. "Das hier ist eine der teuersten Wohngegenden von Lissabon, und trotzdem haben die Leute kein Geld zum Renovieren."

In den engen Gassen des Altstadtviertels Bairro Alto zeigt der Guide auf Geschäfte, die Wein und Bier zum Mitnehmen anpreisen. "In den Bars wird immer weniger getrunken, weil das den Menschen zu teuer ist." Dafür gibt es immer mehr Botellóns auf den Straßen, Trinkgelage an öffentlichen Plätzen. Den Ausdruck, der von dem spanischen Wort für Flasche stammt, haben die Portugiesen von ihren Nachbarn übernommen.

Über weißes Kopfsteinpflaster geht es weiter bergab, in Richtung Tejo-Ufer zum Praça do Comércio. Im 19. Jahrhundert wurde er als Empfangsstätte für König Carlos I. genutzt, seit dem 20. Jahrhundert sind in den gelben Gebäuden Ministerien der portugiesischen Regierung untergebracht, und heute finden hier die Troika-Treffen statt. "Für die Portugiesen ist die Troika ein Sündenbock, den sie brauchen", sagt Duarte. Er selbst macht vor allem die Regierung für die Krise verantwortlich: "Anstatt für ihr Volk zu verhandeln, nimmt sie alle Forderungen von der Europäischen Union hin, kehrt Traditionen den Rücken und verkauft ihr Land an Angola und China."

Hinterm Triumphbogen liegt die Rua Augusta. "Hier löst Kommerz immer mehr Historie ab", sagt Duarte und zeigt auf die Geschäfte. Immerhin: In einer H&M-Filiale, unter einem Kleiderständer mit Pepita-Hosen und korallfarbenen Blusen, blitzt noch ein bisschen Stadtgeschichte durch - in Form von Ruinen unter einem transparenten Stück Fußboden. An der Praça da Figueira, am Rossio und an der Praça dos Restauradores erwähnt Duarte zwar einige historische Details, doch erst am Bürgeramt, dem Loja do Cidadão, scheinen ihn die Fakten wirklich zu interessieren. "Die Schlange wird jeden Morgen länger, weil immer mehr Menschen ihren Job verlieren und Hilfe benötigen", sagt Duarte. Auch er stand hier noch vor kurzem. "Es ist ein frustrierender Ort."

"Das Beste daraus machen"

Was ihn rettete, war nicht der Staat, sondern seine Erfahrung. Duarte hat viele Jahre als freischaffender Übersetzer und Journalist gearbeitet. "Dadurch weiß ich, wie es ist, auf sich alleine gestellt zu sein." Inzwischen muss er nur noch alle zwei Wochen zur Vereinigung für Kleinunternehmer gehen, um sich bestätigen zu lassen, dass er auf Arbeitssuche ist. Nachdem er vor einem Jahr noch 1200 Euro Arbeitslosengeld monatlich bekam, haben sich die Bedingungen aufgrund der Krise extrem verschlechtert. Heute muss Duarte von 335 Euro im Monat leben. "Das ist nicht genug", sagt er und spielt an seinem Ohrring. "Ich weiß selbst nicht, wie ich jeden Monat über die Runden komme."

Am Verkehrsknotenpunkt Marquês de Pombal am Ende der Avenida da Liberdade befindet sich derzeit eine große Baustelle. Die Stadt will den Verkehrsfluss verbessern und die Luftverschmutzung reduzieren - mit Hilfe von zwei neuen Kreiseln. "Ich verstehe nicht, warum während der Krise so viel Geld dafür ausgeben wird", echauffiert sich Duarte.

"Die Politiker sollten sich schämen, sie treffen Entscheidungen, ohne die Bevölkerung zu fragen." Wehren tut sich kaum einer, gibt er zu. "Die Portugiesen sind es gewohnt, dass ihnen jemand sagt, was sie machen sollen. Sie haben nie gelernt, politisch aktiv zu sein" - eine Folge von fast 50 Jahren Diktatur. Doch das Ende der Trägheit ist in Sicht, über die Praça de Luís de Camões ist ein Plakat gespannt, ein Aufruf zu einer Demonstration. "Die Leute sind sauer und wachen auf", sagt Duarte, "selbst wenn sie nicht politisch organisiert sind, wollen sie ihre Unzufriedenheit kundtun."

Auch Filipe Duarte ist besorgt. Er glaubt, dass die Portugiesen in den nächsten 20 Jahren kein gutes Leben führen werden - gerade hat die Regierung für 2013 Steuererhöhungen und die drastische Kürzung von Sozialleistungen bekanntgegeben. "Aber in der Krise steckt auch eine Chance", sagt er auf der letzten Station seines Stadtrundgangs - es ist ein Garten, ein Ort für jedermann. "Hier, am Campo Santa Clara, kann ich in Ruhe über alles nachdenken", sagt er. Über eine andere Lebensart, die weniger auf Wachstum und Konsum ausgerichtet ist. Über mehr Mäßigkeit. "Leider sind viele nicht bereit für eine solche Veränderung", sagt Duarte. "Die Leute beklagen sich lieber über die Krise. Dabei müssen wir das Beste daraus machen."

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1.
dr.ponnonner 17.10.2012
Zitat von sysopSchlangen vorm Arbeitsamt, Trinkgelage auf der Straße: Filipe Duarte hat nur noch Augen für die triste Seite von Lissabon. Der arbeitslose Portugiese zeigt Touristen, was die Krise aus seinem Land gemacht hat, echauffiert sich - und bahnt sich zu Fuß seinen Weg in die Zukunft. Spaziergang durch Lissabon mit einem arbeitslosen Portugiesen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/staedte/spaziergang-durch-lissabon-mit-einem-arbeitslosen-portugiesen-a-861592.html)
Portugal, das Drogen-Mekka der EU.
2. Na bravo..........
habnichviel 17.10.2012
von Euro 1200 auf 350. Haben wir schon hinter uns. Hinter den Portugiesen müssen ja phantastische Zeiten liegen. Jetzt kommt Melancholie auf, wenn man daran denkt. Und hoffentlich macht sich Flexibilität breit, wie hier im Bericht angedeutet wurde.
3. Ganz schwierig...
mb2012 17.10.2012
Daß jemand 1200 Euro Arbeitslosengeld in Portugal erhält, ist schon an sich eine Ausnahme. Es gibt mehr als genug Leute, die nicht annähernd so viel Gehalt für eine Vollzeitstelle am Ende des Monats mit nach Hause nehmen. Es ist natürlich leicht, immer auf die Troika oder andere zu schimpfen. Fakt ist, daß die Lage Portugals sehr schwierig ist. Die meisten Probleme sind hausgemacht, und hängen auch mit der südländischen Mentalität zusammen. Die Steuererhöhungen/Lohnkürzungen sind in der Tat brutal und treffen die Kleinsten am härtesten. Es gibt Menschen, die arbeiten für 500 Euro 6 Tage die Woche, wenn hier das Gehalt gekürzt wird ist das mehr als schmerzhaft. Arbeitsstellen sind knapp und schlecht bezahlt. Kein Wunder, daß viele, v.a. die gut gebildeten, das Land verlassen und woanders ihr Glück versuchen. Es wird lange dauern, bis sich Portugal von dieser Krise erholt. Der tiefste Punkt ist noch immer nicht erreicht. Und ich bin leider froh, rechtzeitig von dort gegangen zu sein.
4.
abrigal 17.10.2012
Zitat von habnichvielvon Euro 1200 auf 350. Haben wir schon hinter uns. Hinter den Portugiesen müssen ja phantastische Zeiten liegen. Jetzt kommt Melancholie auf, wenn man daran denkt. Und hoffentlich macht sich Flexibilität breit, wie hier im Bericht angedeutet wurde.
Irrtum , die Krise liegt noch vor Euch Nach den tendenziösen Berichten in den deutschen Medien und diesen typischen , falschen und überheblichen Kommentaren verzichte ich in Zukunft auf deutsche Produkte . Mein alter Polo war bestimmt das letzte deutsche Auto das ich hier in Portugal gekauft habe und viele Europaere denken nicht anders.
5.
somkiat 17.10.2012
Zitat von abrigalMein alter Polo war bestimmt das letzte deutsche Auto das ich hier in Portugal gekauft habe
Dann kaufen sie sich eben jetzt einen alten Fiat
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  • Mittwoch, 17.10.2012 – 06:35 Uhr
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Rundgang durch Lissabon
Wer sich von Filipe Duarte Lissabon zeigen lassen will, kann ihn auf seiner Facebook-Seite oder per E-Mail kontaktieren: friendinlisbon@gmail.com. Die Touren kosten zwischen 15 und 30 Euro pro Person.