Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sport-Event: Londons Miethaie spekulieren auf Olympia-Reibach

Von , London

Die ersten olympischen Rekorde werden in London schon jetzt erzielt - auf dem Wohnungsmarkt. Immobilien-Eigentümer verlangen für die beiden Wettkampfwochen im Sommer bis zu 400 Prozent mehr Miete. Wer nicht zahlt, muss für Touristen Platz machen. Der Wucher könnte nach hinten losgehen.

London: Vorolympische Preiserhöhungen Fotos
TMN

Londoner Vermieter sind für ihren Geschäftssinn berüchtigt. Weil die Nachfrage nach Wohnraum in der Metropole weit über dem Angebot liegt, haben Hausbesitzer seit Jahren leichtes Spiel. Sie können ihren Mietern fast jede Bedingung in den Vertrag schreiben, jährliche Mieterhöhungen von fünf Prozent oder mehr sind die Regel. Wer nicht zahlen will, muss sich eben was anderes suchen.

Nun wittern erfahrene Miethaie eine neue Einnahmequelle: Sie wollen die Olympischen Sommerspiele vom 27. Juli bis 12. August nutzen, um ihren Profit zu maximieren. So, wie viele Hoteliers ihre Zimmerpreise für die zwei Wochen vervielfacht haben, schießen auch die ohnehin astronomischen Mietpreise in neue Höhen.

"Unsere Vermieter verlangen durchschnittlich 400 Prozent mehr Miete als in normalen Zeiten", sagt Adam Duffell vom Maklerbüro Draker. Seine Firma bietet Wohnungen in den noblen Vierteln der westlichen Innenstadt an. Gerade hat er eine Zweizimmerwohnung für die drei Sommermonate vermittelt. Die Wochenmiete liegt bei 800 Pfund, in den beiden Olympia-Wochen verdreifacht sie sich mal eben auf 2500 Pfund.

Mieter und Wohnungssuchende klagen über die grassierende Geschäftemacherei. "Die Vermieter spekulieren auf das große Olympia-Geschäft", sagt die Künstlerin Olivia Martinez (Name von der Red. geändert). Die 35-Jährige ist vor kurzem bei ihrem Freund ausgezogen und hatte erhebliche Schwierigkeiten, etwas Neues zu finden. "Viele wollen nur bis zu den Olympischen Spielen vermieten, weil sie dann ein paar Touristen dazwischen schieben wollen", sagt sie.

Für die Spiele bitte ausziehen

Nach mehrmonatiger Suche ist Martinez im Dachgeschoss eines Reihenhauses im Stadtteil Islington untergekommen. Die Freude über ihr neues Heim währte jedoch nicht lang. Die Vermieterin, die mit ihrer Familie in dem Haus wohnt, hatte ihr zunächst einen sechsmonatigen Vertrag bis Ende Juli mit der Option auf Verlängerung angeboten. Kurz nachdem der Vertrag unterschrieben war, wurde ihr erklärt, sie müsse vor den Spielen ausziehen, weil das Zimmer an Olympia-Gäste vermietet werden sollte. Danach könne sie gern wieder einziehen. Ihre Sachen müsse sie für die zwei Wochen aber rausräumen.

Eine deutsche Journalistin auf Wohnungssuche berichtet, ein Vermieter habe grundsätzlich hundert Pfund auf die Monatsmiete aufschlagen wollen, "weil Olympia-Jahr ist". Sie verzichtete dankend. Auch ihr ist aufgefallen, dass viele Immobilien-Angebote nur bis zum Beginn der Olympischen Spiele laufen. Wer längerfristig sucht und keinen zweiwöchigen Zuschlag bezahlen will, hat es schwer.

Die Anekdoten vom Wohnungsmarkt werden von der Mietervereinigung Shelter bestätigt. "Viele Makler schreiben Klauseln in neue Mietverträge, dass der Mieter die Wohnung während der Olympia-Wochen zu verlassen hat", sagte eine Sprecherin der Organisation der Nachrichtenseite msnbc.com. Man habe auch schon von Vermietern gehört, die ihre Mieter pünktlich zum Großereignis auf die Straße setzen. Das geht, weil die Kündigungsfristen meist nur zwei Monate betragen. Mieterschutz gibt es nicht.

Angebot übersteigt die Nachfrage

Es gibt allerdings erhebliche Zweifel, ob das Kalkül der Vermieter aufgeht. Bislang seien die Preisvorstellungen reines Wunschdenken, sagt Makler Duffell. "Das Angebot übersteigt bei weitem die Nachfrage". Während die Eigentümer ihm die Tür einrennen, sei die Zahl der Wohnungsinteressenten überschaubar. Duffell hofft, dass die Nachfrage noch anziehen wird, je näher die Spiele rücken. "Wir haben noch Zeit", sagt er.

Nicht so optimistisch ist Lucy Morton von der Maklerfirma W.A. Ellis. Die Nachfrage nach Olympia-Ferienwohnungen sei "sehr begrenzt", sagt sie. Sie bremst daher die Begeisterung der Londoner Hausbesitzer, die mit den Gästen ein schnelles Pfund machen wollen. Sie bezweifelt, dass es sich lohnt, für einen zweiwöchigen Reibach einen langjährigen Mieter vor die Tür zu setzen. Schließlich riskiere man davor und danach einen Leerstand.

Tatsächlich scheint der Kampf um Olympia-Unterkünfte nicht so wild auszufallen wie zunächst befürchtet. Der Tourismusverband VisitBritain warnte kürzlich die Londoner Hoteliers vor zu hohen Erwartungen. Die Zahl der London-Besucher werde dieses Jahr stagnieren, weil eine Kannibalisierung stattfinde, prognostizierte ein Sprecher. Die Erfahrung zeigt: Während die Spiele die sportbegeisterten Massen anziehen, machen andere potentielle Besucher in der Zeit einen weiten Bogen um die Stadt. Der Europäische Verband der Reiseveranstalter hat die Hoteliers, die wie die Vermieter teils deftige Aufschläge verlangen, daher bereits zum Umsteuern aufgefordert: Mit ihren Mondpreisen würden sie Touristen nur verschrecken.

Im "Independent" berichtete die Londonerin Lena Corner von ihrem vergeblichen Versuch, ihr Reihenhaus im Olympia-Viertel Hackney für die beiden Wochen zu vermieten. Sie ist eine von Tausenden gewöhnlichen Hausbesitzern, die darüber nachdenken, den Massen zu entfliehen und ihr Heim unterzuvermieten. Ihr Häuschen sei nur vier Stationen vom Olympiastadion entfernt, schreibt Corner. Doch trotz Makler und mehrerer Internetanzeigen habe sich nicht ein einziger Interessent gemeldet. Ihr Fazit: "Vielleicht war ich einfach zu gierig."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. England....
KuGen 14.02.2012
wir leider immer unsympathischer : - London-City - IOM Hochsitz von Geldwäsche (Internet-Poker) - Miethaie ohne jeden Menschenverstand in London - zuergänzen So ist es, wenn Thatcherismus Mensch, Verstand und Moral auffrisst.
2. bloss nie olympia!
Gebetsmühle 14.02.2012
Zitat von sysopTMNDie ersten olympischen Rekorde werden in London schon jetzt erzielt - auf dem Wohnungsmarkt. Immobilien-Eigentümer verlangen für die beiden Wettkampfwochen im Sommer bis zu 400 Prozent mehr Miete. Wer nicht zahlt, muss für Touristen Platz machen. Der Wucher könnte nach hinten losgehen. http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,814016,00.html
mal davon abgesehn, dass in deutschland solche praktiken vermutlich sittenwiedrig wären, wird sowas wohl kaum dazu dienen, dass die bewohner irgendeiner stadt auf erden noch diese abzockerspiele ausrichten wollen. olympia heißt immer preiserhöhungen an allen fronten. also ich bin froh, wenn dieser wahn nie wieder in deutschland stattfindet. wieso sollten die bewohner einer stadt für solche preiserhöhungen sein? das ist das, was man daraus lernen kann.
3. bloss nie olympia!
Gebetsmühle 14.02.2012
Zitat von sysopTMNDie ersten olympischen Rekorde werden in London schon jetzt erzielt - auf dem Wohnungsmarkt. Immobilien-Eigentümer verlangen für die beiden Wettkampfwochen im Sommer bis zu 400 Prozent mehr Miete. Wer nicht zahlt, muss für Touristen Platz machen. Der Wucher könnte nach hinten losgehen. http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,814016,00.html
mal davon abgesehn, dass in deutschland solche praktiken vermutlich sittenwiedrig wären, wird sowas wohl kaum dazu dienen, dass die bewohner irgendeiner stadt auf erden noch diese abzockerspiele ausrichten wollen. olympia heißt immer preiserhöhungen an allen fronten. also ich bin froh, wenn dieser wahn nie wieder in deutschland stattfindet. wieso sollten die bewohner einer stadt für solche preiserhöhungen sein? das ist das, was man daraus lernen kann.
4. Lobbygruppen
ofelas 14.02.2012
Ich bin seit einem Jahrzehnt in London, und vollkommen begeistert von der Stadt, aber die Wohnsituation grenzt an eine Katastrophe. Fuer mich sind die Immobilienbesitzer in GB der Untergang des Landes, mittelfristig werden die Generationen sich zwischen Wohnraum (kaufen oder zur Miete) und Essen, Rente, Bildung entscheiden muessen, alles selbst auf niedrigen Nivaeu geht fuer 80% der Bewohner nicht ohne Schulden. Langfristig wird sich an den Immobilienverhaeltnissen nichts aendern, wer bis vor ein paar Jahren gekauft hat wird sich ueber lange Zeit an niedrigst Zinsen und einer hohen Inflation (offiziel 4-5% aber laut einen Versicherungmathmatiker hier fast doppert so hoch) erfreuen, Arbeitslosigkeit und sinken Realeinkommen machen es vielen Unmeoglich Eigentum zu erwerben oder selbst umzuziehen. Der Staat unterstuetzt in der Gesetzgebung die (grossen) Immobilienbesitzer, wenn man kaum eine andere Industrie hat labt man sich an einem captive market. GB hat viele alteingesessene Vermoegen, Familien die kaum eine andere Einnahmerquelle haben aber dafuer signifikantes Immobilienbesitz, das ist eine starke Lobby. Sowohl die Konservativen als auch Labour sind engstens mit den Reuben Brother liiert, beide haben und hatten ihre Hauptverwaltung in der Reubenzentrale Millbank (Zufall)
5. Nicht sittenwidrig.
discuss 14.02.2012
Zitat von Gebetsmühlemal davon abgesehn, dass in deutschland solche praktiken vermutlich sittenwiedrig wären, wird sowas wohl kaum dazu dienen, dass die bewohner irgendeiner stadt auf erden noch diese abzockerspiele ausrichten wollen. olympia heißt immer preiserhöhungen an allen fronten. also ich bin froh, wenn dieser wahn nie wieder in deutschland stattfindet. wieso sollten die bewohner einer stadt für solche preiserhöhungen sein? das ist das, was man daraus lernen kann.
Zum Oktoberfest in München, der Cebit in Hannover etc. steigen die Hotelpreise auch enorm an. Ich selber habe mal in München gearbeitet. In meiner Abteilung waren zwei Mitarbeiter einer externen Beraterfirma quasi dauerhaft beschäftigt. Die wohnten in einem Hotel, dass sie verlassen mussten, wenn eine Messeveranstaltung lief. Obwohl sie monatelang in dem Hotel ein Zimmer hatten, mussten sie trotzdem Platz für auswärtige Messebesucher machen. Die Ausmaße der Wucher in London sind aber noch ein Nummer abgedrehter. Ich hoffe, dass die Vermieter reihenweise auf die Schnauze fallen. Extrem schade wäre es für die Sportler, die eventuell vor leeren Rängen ihre Leistungen erbringen, weil sich zuwenig Zuschauer einen Besuch in London leisten konnten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
London: Olympischer Rafting-Spaß für Touristen