Stadtführung Hinab in die Wiener Unterwelt

An Hansi Hinterseer vorbei geht es hinunter. Direkt neben einem Plakat, das für einen Auftritt des Schlagersängers wirbt. Eine rostige Tür führt in die Wiener Unterwelt. Hier ist auch schon Orson Welles bei den Dreharbeiten zu "Der Dritte Mann" hinabgestiegen.


Unterirdische Sets der Verfilmung von "Der Dritte Mann"
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Unterirdische Sets der Verfilmung von "Der Dritte Mann"

Wien - Die rostige Tür befindet sich in einer alten Litfasssäule, und die stand für die Filmaufnahmen 1948 nicht hier am Beethovenplatz in der Nähe des Wiener Stadtparks, sondern auf dem Platz Am Hof mitten im Zentrum, wo der Hintergrund den Filmleuten tauglicher erschien.

Insgesamt vier Litfasssäulen mit Zugang zu den Kanälen gibt es in der österreichischen Metropole. Die sind aber keineswegs der einzige Weg, um die 7000 Kilometer unterirdischer Wasserwege zu erreichen - an jedem Kanaldeckel könnte man einsteigen. Aber sicher sind sie der bequemste Einstieg in das Labyrinth der dunklen Gänge. Nach 42 Treppenstufen ist die Sohle erreicht, die Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit.

In einer Litfasssäule verbirgt sich das Tor zu Wiens Unterwelt
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In einer Litfasssäule verbirgt sich das Tor zu Wiens Unterwelt

Stadtführerin Kerstin Timmermann hat ein paar Fackeln entzündet. Schritt für Schritt geht es voran. Das funzelige Licht leuchtet den Boden kaum aus. "Achtung!", ruft die Führerin gerade noch rechtzeitig, bevor eine tote Ratte, die alle Viere von sich streckt, unter einen Stiefel geraten wäre. Rund drei Millionen Nagetiere leben in der Kanalisation, so wird geschätzt - deutlich mehr, als Wien Einwohner hat.

Die "Dritte Mann"-Touren durch die Unterwelt werden bei "Vienna Walks & Talks" seit Jahren gut gebucht. Viele Besucher Wiens haben den Film gesehen, in dem Orson Welles den Medikamentenschieber Harry Lime mimt - und sie wollen nun schauen, wo er gedreht wurde. Manche sind dann enttäuscht, wenn sie erfahren, dass nicht wenige Szenen in einem Studio in London produziert wurden. "Auch war es nicht Welles selbst, der in vielen Sequenzen zu sehen ist", erzählt Kerstin Timmermann. "Der Superstar wollte nicht in die stinkenden Kanäle hinein, sondern ließ sich von einem Wiener Metzgermeister doubeln."

An drei Drehtagen, als sein Gesicht in den Szenen zu sehen sein musste, kam der US-Schauspieler aber doch nicht umhin, persönlich in das Gängelabyrinth einzutauchen - allerdings erst, nachdem die Wände dort ausgiebig parfümiert worden waren. "Im Sommer stinkt es schon ziemlich." Kerstin Timmermann verzieht das Gesicht. Im Herbst und Winter dagegen halte sich die Geruchsbelästigung meist in Grenzen.

Die Kanalisation ist sicher der spektakulärste Teil der Wiener Unterwelt - aber er ist nur ein kleiner Ausschnitt. Die Stadt ist im Zentrum fast vollständig unterhöhlt. Manche Keller, deren Wände aus Ziegeln und Steinen gemauert sind, reichen fünf bis sechs Stockwerke in die Tiefe. Eine Besonderheit sind dabei die vielen Verbindungsgänge mit der Nachbarschaft: "Um das Jahr 1500 konnte man Wien unterirdisch komplett durchqueren", weiß Kerstin Timmermann.

Krypta des Schottenklosters
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Krypta des Schottenklosters

Manche Keller waren später Restaurants oder Tanzlokale und dienten während des Zweiten Weltkriegs als Luftschutzkeller. "Wenn das Haus darüber eingestürzt war, gingen die Menschen dann durch die Gänge nach nebenan und dort wieder nach oben", erzählt die Stadtführerin. Auch in den Jahren des Schwarzhandels nach 1945 wurde dieses System ausgiebig genutzt. Heute sind die meisten Gänge zugemauert, "aber bei Straßenbauarbeiten findet man oft noch neue unterirdische Wege".

Manchmal stoßen die Bagger auch auf Skelette. Bevor Kaiser Joseph II. (1765 bis 1790) die Beisetzungen innerhalb der Stadtmauern aus hygienischen Gründen verbot, wurde in Wien fleißig beerdigt - manchmal nur einen Meter unter der Oberfläche. "Jedes Mal, wenn Erde bewegt wird, kommen Knochen zum Vorschein", erzählt Pater Stephan Sinai, einer der 26 Benediktinermönche, die im Schottenkloster im Nordwesten der Innenstadt leben. Auch unter der Klosterkirche liegen die Mönche "in drei Schichten übereinander" bestattet. Die Krypta, in der auch einige Sarkophage aus vergangenen Jahrhunderten zu sehen sind, wird noch heute als Beisetzungsort für Mitglieder des Konvents genutzt.

Die Sarkophage von Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin "Sisi" in der Kapuzinergruft
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Die Sarkophage von Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin "Sisi" in der Kapuzinergruft

Noch prunkvoller als die Särge unter der Schottenkirche sind die kaiserlichen Sarkophage in der Kapuzinergruft. 146 Habsburger haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden, zuletzt 1989 Kaiserin Zita, deren Ehemann Karl I. 1918 ins Exil gehen musste. An den Särgen von Kaiser Franz Joseph I. und seinem Sohn Rudolf, vor allem aber an der letzten Ruhestätte von Kaiserin Elisabeth ("Sisi") liegen stets Blumen und Kränze in großer Zahl. Doch trotz der Farben von Rosen und Nelken ist die Gruft ein Ort mit einer düsteren Stimmung - wie alles in der Wiener Unterwelt.



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