Stadtliebe Hamburg, meine Perle

Hamburg ist keine Stadt, sondern eine Haltung. Und die versteht nur der, der sich an einem heißen Tag an den Elbstrand setzt - und entdeckt, was Hamburg alles sein kann: Rio de Janeiro, Saint-Tropez, Ibiza, die Sahara und das Mittelmeer.

Von Niklas Maak


Ich muss, wenn ich über Hamburg rede, auch vom 20. Juli 2006 sprechen. An diesem Tag erreichten die Temperaturen 38,5 Grad Celsius. Im Schatten. In Hamburg. Die Stadt hat ja nicht den Ruf, das Hauptquartier des guten Wetters zu sein, aber an diesem Tag wurden keine Witze mehr gemacht über die durchschnittlich 52 Tage im Jahr, an denen sich Nebelbänke über die Stadt senken und man in den alten Häusern unten in Övelgönne das ferne Moll der Nebelhörner hört, während der Sprühregen feine Diagonalen auf die Fensterscheiben peitscht.

An diesem Tag entdeckten die, die es noch nicht wussten, was Hamburg alles sein kann: Rio de Janeiro. Saint-Tropez. Ibiza. Die Sahara. Das Mittelmeer. Ich meine das ganz ernst. Wer einmal bei solchen Temperaturen an der Elbe saß, weiß, was ich meine. Denn der Elbstrand ist einmalig. Er ist das eigentliche Herz der Stadt.

Ich habe lange in München gewohnt und in Berlin. Ich habe mich an den heißen Sommertagen an den idyllischen Eisbach gesetzt, ans kieselige Ufer der kalten Isar, an die träge und braun vorbeitreibende Spree. Es funktionierte nicht. Es ist nicht das Gleiche.

Vielleicht liegt es daran, dass die Elbe doch deutlich breiter ist und die Nordsee näher. Vielleicht liegt es daran, dass die Elbe zwei völlig verschiedene Welten trennt oder zusammenbringt, je nachdem, wie man es sieht - den bodenständigen Süden von Hamburg mit seinen sogenannten Problembezirken und roten Mietskasernen, und die noblen Elbhänge mit ihren Kiesauffahrten und das blauweiße Alsterhamburg. Der ehemalige Hamburger Oberbaudirektor Egbert Kossak hat die geplanten Neubauten an der Elbe gern eine "Perlenkette" genannt. Wenn demnach die Elbchaussee, an der diese Perlenkette hängt, der Hals von Hamburg ist, dann wären, anatomisch gesehen, Wilhelmsburg, Veddel und der Industriehafen der Bauch von Hamburg, und man tritt diesen Vierteln nicht zu nahe, wenn man sagt: Sie sind der Bierbauch der Stadt.

Die Schönheit liegt in den Gegensätzen

Von dort, vom südlichen Elbufer, tönen die wildesten Geräusche herüber, Schiffe werden gelöscht, Container abgeladen, blaue Kräne mit roten Armen kreischen über ihre Schienen. Alle paar Minuten hört man die gigantischen Stahlspinnen heulen und den Donnerhall energisch aufsetzender, leerer Container: Pank-Gonnnnng! Wuuuuuuiiiieeeh! Da drüben wird gearbeitet, da drüben werden die schwarzen Hanjin-Riesenschiffe aus Südkorea gelöscht, drüben tobt die Globalisierung, wir aber sitzen hier wie auf einer Insel, und es ist, als sei die echte Welt weit weg.

Wenn man im feinen Sand des breiten Elbstrands sitzt und hinüberschaut auf den Hafen, hat man das Gefühl, man habe eine erfolgreiche Flucht hinter sich. Der Sand ist weich, das Gegenlicht hart, der Wind kommt vom Meer, die Welt an der Elbe ist größer als an Spree und Isar. Auf der Elbe kommen Schiffe vorbei, so groß wie das Berliner Schloss, haushohe Wände aus Blech. Für einen Moment wird es dann spürbar dunkler am Strand, man hört das Geräusch der großen Dieselmotoren aus den Tiefen des Blechleibs emporwummern, und wenn das Schiff vorbei ist, kommen die Bugwellen, die wie Ausläufer eines kleinen Tsunamis auf den Elbstrand krachen.

Vom Büro an den Strand

Hamburgs Schönheit liegt nicht in den strahlend weißen Villen von Harvestehude, im glitzernden Licht der Alster - Hamburgs Schönheit liegt in der Nähe der absoluten Gegensätze. 15 Autominuten - mehr braucht es nicht von der einen in die andere Welt: vom feinen Klosterstern ins Schanzenviertel, wo Hamburg sich große Mühe gibt, so auszusehen wie die Lower East Side, bevor sie gentrifiziert wurde; von der noblen Bar des Hotel Atlantic in die schrottigen Arbeiterkneipen von Wilhelmsburg - oder eben vom Büro an den Strand. Man kann in der Mittagspause nach Övelgönne zur "Strandperle" fahren, eine halbe Stunde barfuß im feinen Sand liegen, und schon ist man wieder im Büro, mit einem leichten Sonnenbrand und versandeten Haaren.

Vielleicht ist es das, was die Hamburger so entspannt macht: zu wissen, dass das andere Leben jederzeit möglich ist. Sie müssen nicht wegfahren, die ganze Welt ist ja schon da. Die Boberger Dünen sind die Sahara, der Sand unten in Blankenese schöner als an den meisten Stränden von Ibiza, und in den sogenannten Harburger Bergen gab es, als ich noch dort wohnte, sogar einen Skilift. Aber die "Strandperle" ist vielleicht das beste Beispiel dafür, wie Hamburg funktioniert - eben nicht, wie es böse Menschen immer wieder behaupten, als nur mit Hermèstuch, Barbourjacke und dunkelgrünem Jaguar zu betretendes Reichenghetto, sondern als klassenlose Utopie. Am Strand von Övelgönne treffen sich alle: Anwälte, Ex-Punker, Studenten aus Altona, Millionäre aus den Elbvororten. Und wenn man mich fragt, wo man in Hamburg am besten essen kann und was das kostet, würde ich immer sagen: Vor der "Strandperle", mit Hafenblick, das Matjesbrot kostet 4,50 Euro und das Bier 2,80 Euro.



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