Städtetipp Istanbul: Kopfsprung in den Bosporus

Hashish-Kebab, aphrodisierende Gummiwürfel, lärmende Open-Air-Clubs: In Istanbul kommt man am prallen Leben nicht vorbei. Reiseführer-Autorin Gabriele Tröger verrät, wo die Stadt nach Orient duftet - und wo sie brodelt wie ein Vulkan.

Städtetipp Istanbul: Lokum, Lärm und Süper Lig Fotos
AFP

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Wo startet man in Istanbul am besten in den Tag?

Die Istanbuler lieben ausgedehntes Frühstück. Zum Sonntagsbrunch geht man in die Cafés am Bosporus wie dem Sütis in Bebek oder in die Terrassenrestaurants im Yildiz-Park. Zum sagenhaften Blick über die Meerenge gibt es dort Büfetts, unter denen sich die Tische biegen: gefüllte Blätterteigtaschen, knusprige Sesamkringel mit Kasar-Käse, sämige Suppen, Obstsalate, saftige Kuchen.

Was kostet eine Dosis Koffein?
Den bitterstarken Mokka gibt's ab 1,50 Euro - aber Achtung: Tasse frühzeitig absetzen, sonst hängt der Kaffeesatz zwischen den Zähnen. Bedenken Sie, dass der Zucker dabei mit eingekocht wird. Wer den Kaffee süß haben möchte, bestellt sekerli (gesprochen: schäckerli), mittelsüß heißt orta seke rli, ohne Zucker sade.

Welchen Stadtteil sollte man nicht verpassen?

Kadiköy auf der asiatischen Seite. Wenige Touristen, wenige Sehenswürdigkeiten, dafür viel Lokalkolorit, viele Studenten in lustigen Kneipen und ein kleines, nach Gewürzen duftendes Marktviertel mit guten Lokalen - ein Tipp für Gourmets. Und wer an einem Spieltag der Süper Lig zufällig in Kadiköy unterwegs ist, spaziert einfach den blau-gelb gekleideten Horden hinterher - das Fenerbahçe-Stadion ist dann ein brodelnder Vulkan.

Wahre Worte:

"Istanbul liebt die Verrückten. Die Stadt gibt ihnen ihre Brust und stillt sie. Sie hat sich von mehreren verrückten Sultans regieren lassen. Wenn ein Verrückter kommt, gibt Istanbul ihm einen Platz." (Emine Sevgi Özdamar in "Die Brücke vom Goldenen Horn")

Wichtige Worte:

Buz gibi, gesprochen etwa: Bus gibbi. Das heißt "wie Eis" oder besser "eiskalt." Wer im hochsommerlichen Istanbul vom Krämer oder Ober keine warme Plörre angedreht bekommen will, muss bei der Getränkebestellung unbedingt auf diesen Zusatz bestehen. "Ein eiskaltes Bier, bitte" heißt dann: Buz gibi bir bira, lütfen.

Welches Verkehrsmittel ist ein richtiges Erlebnis?

Ganz klar: die Fähre. Leichter kann man der Hektik der Stadt nicht entfliehen. Dabei ist es ganz egal, ob man nur mal kurz die Kontinente wechselt, eine mehrstündige Bosporus-Fahrt unternimmt oder für einen Tag zu den vorgelagerten Prinzeninseln schippert. Die Silhouette der Stadt zieht an einem vorüber, Möwen kreischen, und wer Glück hat, sieht sogar Delfine.

Wo verbringt man eine schöne Mittagspause?

Im Hamam. Nirgends kann man besser entspannen als in einem der historischen türkischen Dampfbäder, wo man in feuchtwarmer Luft auf einem Marmorstein schwitzt. Wenn der Masseur antanzt, heißt es: Augen zu und durch! Man bekommt mit einem Peelingschwamm die Urlaubsbräune abgerieben und fühlt sich wie ein Schnitzel vorm Panieren. Komplett relaxt jedoch verlässt man das Bad und kann sich in neue Sightseeing-Abenteuer stürzen. Empfehlenswert ist das Büyük Hamam im Stadtteil Kasimpasa.

Was tun gegen unerträgliche Sommerhitze?

Arschbomben in den Bosporus sieht man seit einigen Jahren wieder häufiger! Die Wasserqualität wird immer besser, aber wirklich gut ist sie nicht. Besser fährt man hinaus nach Sile ans Schwarze Meer - schöne weite Sandstrände und frischer, günstiger Fisch.

Gibt's nur hier:

Regenchaos. Wenn's hier mal losgeht, regnet es keine Katzen und Hunde, sondern eher Kamele und Elefanten. Das Istanbuler Wetter kann so gemein sein. In kürzester Zeit werden Straßen zu Flüssen und der Verkehr steht still. Und urplötzlich, wie aus dem Nichts: überall Regenschirmverkäufer. Yagmur yagdi, böyle oldu, "Es hat geregnet und so ist es gekommen", sagt man in Istanbul. Das bedeutet: Regen entschuldigt alles. Man kann zu spät zur Arbeit kommen, den Seitensprung ausdehnen, den Besuch bei der Schwiegermutter absagen, im Nobellokal anschreiben lassen, alles kein Problem: "Es hat geregnet, und so ist es gekommen."

Die beste Aussicht auf Istanbul?

Davon gibt es in Istanbul mehr als genug. Will man die Stadt etwas hinter sich lassen, fährt man am besten hinüber auf die asiatische Seite nach Anadolu Kavagi, schwitzt sich dann den Hügel hinauf zu den Überresten der alten genuesischen Burg Yoros Kalesi und verschnauft bei grandiosem Panoramablick auf die Mündung des Bosporus ins Schwarze Meer.

Den besten Kebab der Stadt ...

... gibt es im Restaurant Hamdi in Eminönü, nur ein paar Schritte vom Fährhafen entfernt. Hier sitzt man auf einer Terrasse mit herrlichem Blick übers Goldene Horn. Eine Spezialität ist der "Hashish Kebap" - nein, nicht was Sie jetzt vielleicht denken mögen! Der mit Mohn versetzte Hackfleischspieß knackt ein bisschen zwischen den Zähnen und ist furchtbar lecker.

Bestätigtes Klischee:

Istanbul ist wie ein großer gemischter Salat mit allem drum und dran - da greift jedes Klischee und gar keins auf einmal. Das Klischee von 1001 Nacht? Stimmt - wer beim verheißungsvollen Ruf des Muezzins einen rot glühenden Sonnenuntergang über der Blauen Moschee beobachtet, wird dem zustimmen. Die neue Partymetropole? Ja, Klischee und richtig.

Eines aber geht gar nicht: der Spruch vom modern-westlichen Istanbul im Gegensatz zum starr-konservativen Anatolien. Mittlerweile nämlich hängt halb Anatolien in Istanbul herum. In manchen Ecken ähnelt die Stadt einem Dorf, nur mit Millionen von Einwohnern. Ein "echter" Istanbullu muss deswegen so oft wie möglich betonen, dass bereits die Mutter, die Oma, die Uroma hier geboren ist.

Umsonst und doch unbezahlbar:

Unbezahlbar ist in Istanbul viel, zum Beispiel eine Suite im alten Sultanspalast Çiragan am Bosporusufer: rund 30.000 Euro pro Nacht! Aber umsonst? Sorry, da sind wir in der falschen Stadt.

Ein zuckersüßes Mitbringsel:

Lokum! Mit den klebrig-süßen Gummiwürfeln, die es in allen möglichen und unmöglichen Farben und Geschmacksrichtungen gibt, kann man sicher sein, unangenehmen Besuch zu Hause schnell wieder loszuwerden ("Nicht noch eins?"). In der Türkei genießt Lokum, das müde Männer munter machen soll, jedoch Kultstatus. Im Gewürzbasar wirbt man mit "Six times a night!".

Und was versüßt einem sonst die Nacht?

Unbedingt sollte man einmal durch die Straßen von Beyoglu ziehen. Hier gibt es nicht nur Kneipe neben Kneipe, sondern auch Kneipe über Kneipe - vier Bars auf vier Stockwerken sind keine Seltenheit. Jeder DJ versucht dabei, den anderen zu überdröhnen, die Istanbuler sind einfach vernarrt in Lärm! Das schicke Gegenprogramm: Zum Tussen- und Gelhaarglotzen nach Ortaköy. Im Open-Air-Nobelclub Reina direkt am Bosporus trifft sich die Beletage der Stadt - oder was für eine Nacht einmal dazugehören will. Unbedingt richtig aufbrezeln, die stiernackigen Muskelpakete an der Tür sind streng.

Die Fragen stellte Julia Stanek

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Zur Person
Gabriele Tröger, Jahrgang 1972, studierte Germanistik und Turkologie in Bamberg. Sie pendelte als freie Journalistin zehn Jahre zwischen Istanbul, Prag und dem Fichtelgebirge hin und her und lebt heute in Berlin. Für den Michael Müller Verlag schrieb sie zusammen mit Michael Bussmann diverse Reiseführer, unter anderem über die Türkei.