Städtetipp München: Filzhut, Flaucher, Florenzverschnitt

Wieso ist der Münchner Aperol-süchtig, und was ist in der teuren Metropole einfach unbezahlbar? Achim Wigand hat die bajuwarische Lebensart nicht nur aus Berufsinteresse intensiv studiert - SPIEGEL ONLINE ringt dem Reiseführer-Autor die besten Tipps ab.

Städtetipp München: Kühle Isar, laue Nächte, heiße Würste Fotos
DPA

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Das beste Frühstück von München, Herr Wigand?

Ach, Frühstück, die überschätzte Mahlzeit. Aber wenn's denn unbedingt sein muss, dann gleich in Krachlederner in der Gaststätte Großmarkthalle in Sendling: Wallners vielfach prämierte Weißwürscht ersetzt trockene Hörnchen, und statt der ewigen Latte-Macchiato-Schäumchen gibt es ein paar Weißbier. Viel kann mit dem Tag dann nicht mehr schiefgehen - oder zumindest merkt man kaum noch was davon. Täglich (außer sonntags) ab sieben Uhr, ideal auch für die After-hour nach dem Clubbesuch.

Der Stadtteil, den man nicht verpassen sollte?

Die Szene zieht weiter, die Glockenbachmamas bleiben endlich unter sich: Das Trendviertel ist natürlich die Schwanthalerhöhe, das weiß doch sogar schon die "New York Times". Junge Modelabels finden noch bezahlbare Ladenflächen; Cafés von hip bis schnucklig, echte Nachbarschaftswirtshäuser mit Kegelbahn und einer der besten Asiaten der Stadt bilden die Infrastruktur. Aus den Fenstern kann man Alt- und Ultralinke beim Kampf gegen die Windmühlenflügel der Gentrifizierung beobachten.

Was kostet eine Dosis Koffein?

Bei Jan und Flo in der Loretta-Bar im Glockenbachviertel kostet der Lungo 2,10 Euro, der Espresso 1,60 Euro und die Latte 2,50 Euro. Woanders marginal billiger oder unverschämt teurer - und schlechter.

Das beste Eis der Stadt?

Eine alte Münchner Streitfrage! Die längste Warteschlange hat derzeit Ballabeni am Kunstareal - und ja, das Eis ist eine - fette! - Wucht. Die hippe Maxvorstädterin mit der obligatorischen Riesensonnenbrille ruiniert sich die Figur am liebsten mit Schoko-Ingwer.

Die schönste Aussicht?

Die Sport- und Discountvariante: der Alte Peter am Viktualienmarkt. Hier gibt es "München von oben" für 1,50 Euro (ermäßigt 1 Euro). Über 306 Stufen geht es durch die Slalomstangen der adipösen Amerikanerinnen und schwer keuchenden Asiaten hinauf zum Premiumpanorama über die Altstadt mit dem besten Foto-Shooting der Frauenkirche.

Wo die Mittagspause verbringen?

Das Mittagsschläfchen gelingt am besten im Kabinettsgarten, im Schatten der Residenz. Gleich neben der Allerheiligen-Hofkirche, einen knappen Steinwurf von den GucciPradaFendi-Arkaden der Maximilianstraße ist hier Ruhe. Kontemplation. Sinnlichkeit.

Gibt's nur hier...

In Hamburg und Berlin brennen jede Nacht ein Dutzend dicke Autos. In München ein unbekanntes Delikt, dabei hätten wir hier genug Bonzenschleudern, um die Stadt dauerhaft unter einer dicken Qualmwolke verschwinden zu lassen. Das ist die liberalitas bavariae: Wenn wir vielleicht auch neidisch und intolerant sind, wir lassen es uns nicht anmerken.

Wahre Worte...

"…dann dachte ich über eine andere Stadt nach. Aber es fiel mir keine ein." (Der Krimiautor und Vielzuvielschreiber Friedrich Ani in einem seiner phantastischen Frühwerke aus der Kommissar-Süden-Reihe).

Wichtige Worte...

Lassen Sie's. Entweder man spricht Bayrisch (oder Münchnerisch, aber der Stadtdialekt ist am Aussterben), oder man spricht es eben nicht und macht sich mit Imitationsversuchen rettungslos zum Horst. Ein Bier kriegt man auch anstandslos mit Bestellung in Pfälzisch, Sächsisch, Koreanisch oder sonst einem preußischen Dialekt.

Bestätigtes Klischee?

"München, die nördlichste Stadt Italiens". Wow, das ist ja mal ein richtig abgenudeltes Klischee. Aber wer hat denn halb Florenz in der Innenstadt nachbauen lassen, kriegt den Weißwein ohne Aperol nicht mehr runter und spricht nur noch vom "Lago", auch wenn bloß der Deininger Weiher gemeint ist?

Umsonst und doch unbezahlbar?

Die Isar. Der große Fluss der Stadt, der in Wahrheit natürlich nur ein pubertierender Gebirgsbach ist, fließt das ganze Jahr für jeden völlig kostenlos. Seine immergrünen Auen sind herrliche Chillout-Spots. Ganz Sparsame schnorren sich in der riesigen Grillarena am Flaucher auch noch ihr Abendessen zusammen.

Ein ausgefallenes Mitbringsel?

Wenn am Ende des München-Besuchs noch Geld für so etwas Geschmackvolles wie ein Filzhut, ein FC-Bayern-Trikot oder ein Bierseidl übrig sein sollte, hat man etwas falsch gemacht: Zurück auf Start und die Knete bis zum Dispoanschlag verjubeln. Sollen die Lieben daheim doch selber herkommen.

Wohin in der Nacht?

Münchner Nächte sind kurz, nach eins brummen eigentlich nur noch die Clubs. Kunststück, ihr faulen Berliner - am nächsten Morgen müssen schließlich wieder alle arbeiten. Ausgefeilte Abendplanung ist also unerlässlich, Korrekturen sind kaum noch möglich. Deshalb zum Sundowner auf die Rooftop-Terrasse des Bayerischen Hofs. Und weil das natürlich ganz schön teuer und dann eh alles egal ist: danach ins "Stüberl" - wie der Schicki den unsäglichen Promischuppen P1 nennt - und über Lothars Neue lästern.

Und wohin zur Abkühlung im Sommer?

Das Gleiche wie im Winter zum Aufwärmen: Bier natürlich. Und das im Biergarten, der münchnerischsten aller Münchner Traditionen. Die Brotzeit selber mitbringen! Erstens ist das höchst offiziell erlaubt (laut § 23 Abs. 1 BImSchG der Bayerischen Biergartenverordnung vom 20. April 1999), und zweitens ist der Mampf in den SB-Bereichen im Regelfall höchstens essbar. Sind nach dem Biergartenbesuch immer noch Hitzeschübe zu verspüren, hilft vielleicht ein (verbotenes) Bad im Wittelsbacher Brunnen.

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Die Fragen stellte Julia Stanek.

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insgesamt 65 Beiträge
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1. Florenz / München
dreamtimer 06.07.2011
Kleine Anmerkung. Florenz hat einige sehr schöne Bauten und Plätze. Gelegentlich gibt Florenz, im eigenen Stadtraum, auch den Blick frei auf diese wie gemalt wirkenden Landschaften der Toskana. Andererseits kann man sich in der Stadt nicht gut bewegen. Wer enge Gassen mag, der wird Bürgersteige mögen müssen, die 1 Meter 50 breit sind, auch direkt am Arno, wo sich die Touristen drängeln. Jede Bewegung bedeutet hier Stress. Wer dann auf einem der öffentlichen Plätze eine Pause einlegen und ein Bier trinken will, der gibt dann auch schon mal 7.50€ für einen halben Liter aus. München ist nicht schöner und es hat auch keinen beeindruckenden, von Brunelleschi entworfenen Dom, aber es wirkt nie eng und obwohl die Preise hoch sind, hat man nie das Gefühl, man wird regelrecht abgezockt. Um ein Museum zu besuchen muss man auch keine 30-60 Minuten in der Schlange stehen, wie vor den Uffizien, wo man nichts davon mitbekommen hat, dass man den Andrang anderswo mit "time slots" steuert, wie z.B. in Pisa beim Besuch des Turms. "Selber Schuld wenn Du Tourist bist" ist ein Gefühl, auf das man gerne verzichten würde.
2. Boah ey...
sappelkopp 06.07.2011
...der Typ ist ja sowas von "in": - "Lungo 2,10 Euro, der Espresso 1,60 Euro und die Latte 2,50 Euro" - "herrliche Chillout-Spots" Da frage ich mich, warum ich so ein einfaches Deutsch spreche. Lächerlich, dieses Schicki-Micki-Gehabe. Kommt man wohl nur drauf, wenn man nichts zu sagen hat.
3. Da fehlt ja wohl noch was
Marthe Schwertlein 06.07.2011
Das Surf-Paradies im/am Eisbach http://muenchensurfen.bildreportagen.ch/ kostenlos, untrhaltsam, kommunikativ. Für manche Münchenbesucher ein Muß wie der Besuch in einer Pinaothek oder dem Bayern-Stadion.
4. San mir wirklich mir?
aha! 06.07.2011
Das Seidentuch, das jedesmal als Dekadenz über wirklich traditionelle Aktivitäten mitschwebt um zu zeigen "hey, ich kann auch so" erzeugt genau dieses häuchlerische Getue, was ich als Münchner an manchen Münchner nicht ausstehen kann. Wenn ich Weißwürscht in der Großmarkthalle zuzl geh', dann geh' ich nicht ins P1. Wenn ich über das Glockenbachviertel so spreche, als suchte ich eigentlich eh schon wieder ein alternativeres hipperes Plätzchen, trinke ich auch meinen Kaffee nicht mehr dort (see and to be seen klappt eben nicht dort, wo keiner ist gell?). Die längste Schlange vor der Eisdiele gibt mir keine Auskunft darüber, ob das Eis dort tatsächlich am besten ist (und wo wir gerade dabei sind: Was hat Ingwer in Eis überhaupt verloren?!). Ich räume meinen Grill und sonstigen Hinterlassenschaften nach einem Isar-Besuch wieder auf, auch wenn der im Artikel beschriebene Schnorr-Streifzug anderes Verhalten vermuten lässt. Mir fehlt die ehrliche Geradlinigkeit! Ich kann kein Trikot des FC Bayern mit Aufschrift "mir san mir" zur Lederhosn anziehen und gleichzeitig Sportschuhe tragen. "liberalitas bavariae: Wenn wir vielleicht auch neidisch und intolerant sind, wir lassen es uns nicht anmerken." Dem wirklichen Münchner ist das Gehabe bekannt und es reicht ihm.
5. jo mei
JanSouth 06.07.2011
Zitat von dreamtimerKleine Anmerkung. Florenz hat einige sehr schöne Bauten und Plätze. Gelegentlich gibt Florenz, im eigenen Stadtraum, auch den Blick frei auf diese wie gemalt wirkenden Landschaften der Toskana. Andererseits kann man sich in der Stadt nicht gut bewegen. Wer enge Gassen mag, der wird Bürgersteige mögen müssen, die 1 Meter 50 breit sind, auch direkt am Arno, wo sich die Touristen drängeln. Jede Bewegung bedeutet hier Stress. Wer dann auf einem der öffentlichen Plätze eine Pause einlegen und ein Bier trinken will, der gibt dann auch schon mal 7.50€ für einen halben Liter aus. München ist nicht schöner und es hat auch keinen beeindruckenden, von Brunelleschi entworfenen Dom, aber es wirkt nie eng und obwohl die Preise hoch sind, hat man nie das Gefühl, man wird regelrecht abgezockt. Um ein Museum zu besuchen muss man auch keine 30-60 Minuten in der Schlange stehen, wie vor den Uffizien, wo man nichts davon mitbekommen hat, dass man den Andrang anderswo mit "time slots" steuert, wie z.B. in Pisa beim Besuch des Turms. "Selber Schuld wenn Du Tourist bist" ist ein Gefühl, auf das man gerne verzichten würde.
Und? Hat Florenz g´scheite Biergärten? Denn das ist (m.E.) das einzig belastbare Kriterium für die Lebensqualität einer Stadt ;-)
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Zur Person
Joscha Schell
Achim Wigand, Jahrgang 1968, ist seit 2006 Reisebuchautor im Michael-Müller-Verlag und schrieb Ausgaben über Montenegro, München und Thüringen (in Arbeit). Er kennt die bayerische Landeshauptstadt seit Ende der achziger Jahre und lebt dort seit 2003. Mehr über München erfahren Besucher bei Wigands Stadtführungen oder in seinem Blog.

Buchtipp

Achim Wigand:
München.
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Michael Müller Verlag; 264 Seiten; 14,90 Euro.

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