Städtetrip Toronto Ziemlich mega, diese Metropole

Die USA haben New York, Kanada hat Toronto. Drei Insider mit besonderem Blick führen durch die Stadt, die alles kann: Hipsein, Grünsein, Spektakulärsein.

Neil Ta

Eigentlich spricht Neil Ta nicht gerne über die Dächer, die ihm Ruhm beschert haben. Wir stehen auf der Panoramaterrasse seines Wohnhauses im Stadtzentrum und blicken schweigend über Toronto. Im Süden ragt der 553 Meter hohe CN Tower wie ein Leuchtturm aus der Skyline, dahinter leuchtet der Ontariosee. "Ich liebe die Ästhetik dieser Stadt. Vor allem, wenn es Nacht wird und die Lichter ausgehen", sagt der Fotograf. Als einer der ersten Rooftopper entdeckte er die 2,8-Millionen-Einwohner-Metropole einst von oben, seine spektakulären Blicke in Torontos Schluchten erregten weltweites Aufsehen.

Inzwischen hat Ta, Jahrgang 1979, die Dächer den Jüngeren überlassen - einer Generation von Rooftoppern, mit der er nicht mehr viel anfangen kann. "Eine Dachluke hat ein Schloss? Viele von ihnen denken: Egal, dann knacken wir es eben", sagt Ta. Zu vielen Rooftoppern ginge es darum, Fotos voneinander in möglichst unsicheren Situationen zu machen. Die Dächer? Nicht mehr sein Ding.

Der Fotograf hat seinen Zoom inzwischen auf andere unentdeckte Ecken seiner Stadt gerichtet - auf Straßenlevel. Alexandra Park zum Beispiel, die Gegend zwischen China-Town, der schicken Queen Street West und dem hübschen Hippie-Viertel Kensington Market. "Traditionell leidet die Gegend mit den oft schwer einsehbaren Sackgassen unter hohen Kriminalitätsraten. Doch die Gegend verändert sich gerade langsam, das interessiert mich", sagt Ta.

Seine Bilderwelten von schwarzen Basketballspielern, wildwuchernden Hinterhöfen, und den faltengegerbten Gesichtern der Bewohner von Alexandra Park brennen sich ein. "Du musst zu Fuß durch die verschiedenen Nachbarschaften gehen - nur dort findest du das Herz von Toronto", rät Ta, der auch Foto-Workshops gibt.

Trendy Toronto

"Toronto ist nicht so savoir-vivre wie Montreal oder so pittoresk wie Vancouver. Die Stadt hat einen ähnlichen Rhythmus wie New York, du musst hier mehr arbeiten, um gut leben zu können", sagt Jen McNeely. Wenn man sich mit der Chefredakteurin des Frauenmagazins "She does the city" zum Spaziergang durch ihre Lieblingsviertel verabredet, heißt das eigentlich rennen. Von der Queen Street West, von der "Vogue" 2014 zu einem der coolsten Großstadtviertel weltweit gekürt, laufen wir westlich. Zwischen die viktorianischen Häuschen der Ossington Street reihen sich hippe Geschäfte und Restaurants - ein französischer Weinladen, Vintage-Shops oder Craft-Bier-Tresen.

"Vor zehn Jahren fing die Gegend hier an, trendy zu werden. Damals kostete ein Haus rund 400.000 Dollar, heute mehr als das Doppelte", sagt McNeely, die selbst nebenan im Portugiesenviertel wohnt. Neben urigen Cafés, in denen Pastéis de Nata und schwarzer Bica über die Tresen gehen, haben sich dort junge Läden etabliert, die etwa Azulejos-Muster auf Bikinis drucken. Eine Frau aus Pakistan hat gerade ihren dritten Modeladen eröffnet.

Toronto, mit seinen Einwohnern aus rund 150 Nationen ist gelebtes Multikulti. "Darauf basiert unsere Identität", sagt McNeely. "Aber wir sind eine junge Nation und manchmal auch verwirrt darüber, wer wir wirklich sind". Zum Abschluss führt McNeely noch in das neueste Epizentrum der Kreativen: Sterling Road, ein Fabrikviertel auch "Junction Triangle" genannt. Mitten drin, eine Baustelle. Ins Hochhaus soll 2018 das MOCA einziehen, das Museum of Contemporary Art. Den Bauboom in ihrer Stadt kommentieren die Einwohner mit zwinkerndem Auge: "Wir haben hier zwei Jahreszeiten: Winter und Baustellen-Saison."

Das grüne Geheimnis der Stadt

"Nur zehn Minuten und du bist in der Wildnis, siehst Kojoten und Rehe", verspricht Shawn Micallef mitten auf der lauten Kreuzung zwischen Bloor und Yonge-Street. Mit seinem Strohhut und den kurzen Shorts sieht der schlaksige, hochgewachsene Mann wie ein Sommerfrischler aus der Provence aus, der sich verlaufen hat. Seit fast 20 Jahren lebt der 43-jährige Unidozent mittlerweile in Toronto. Der Mitherausgeber des Stadtmagazins und Blogs "Spacing", will mich zu einem Geheimnis führen.

Auch er hat die Stadt, nachdem er damals hier angekommen war, laufend entdeckt. "Das war eine Offenbarung!", sagt Micallef. Jeden Donnerstag traf er sich nach Vernissagen mit Gleichgesinnten. "Wir wählten irgendeine Kreuzung, liefen los und ließen uns ohne Ziel und Plan durch die Stadt treiben" - 2010 schrieb Micallef ein Buch über seine Erfahrungen: "Stroll".

Auf unserem Weg liegen städtische Juwelen wie die Reference Library, innen ein Kunstwerk mit weißen Kurven, die sich um das Atrium schlängeln. Oder der Spirituosenladen Summerhill LCBO im gleichnamigen Viertel, wo sich Craft-Biere oder Weinflaschen unter den prächtigen Torbögen eines ehemaligen Bahnhofs stapeln.

Plötzlich bleibe ich erstaunt stehen. Nur wenige Meter hinter dem Rosehill-Reservoir öffnet sich mitten in der Großstadt ein tiefer, grüner Abgrund. Das Tal von Avoca. Eine steile Treppe führt hinunter, unten rauscht der Bach Yellow Creek. Es ist nicht der einzige Canyon, der nach der letzten Eiszeit entstand. Verborgen unter Asphalt und Brücken ziehen sich gigantische Schluchten durch ganz Toronto. Hier kann man zwischen alten Bäumen kilometerweit wandern, im Winter sogar Schneeschuhlaufen. "Die Schluchten sind für mich eine Metapher, um über Toronto nachzudenken", sagt Micaleff.

Für ihn ist die Stadt an der Schwelle zur Großartigkeit, davon erzählt ein weiteres Buch: "Toronto on the verge of greatness". Wenn man ihn fragt, woran es noch fehlt, spricht er über die Ungleichheit zwischen Land- und wohlhabender Stadtbevölkerung. Doch Micallef ist optimistisch. Die Gegensätze können überwunden werden. Die Schluchten seien doch ein gutes Vorbild dafür. "Sie ziehen sich gleichermaßen durch die Vororte und Downtown. Vernetzen die Stadt!"

Mit diesen Worten im Kopf steht man da und sieht ein letztes Mal von oben in die Schlucht. In das geballte Grün. In diesen Canyon, der sich seit Ende der Eiszeit seinen Weg gebahnt hat. Und es immer noch tut. Unbeeindruckt von Asphalt und Millionen Menschen. Unten am Bach sitzt ein Pärchen, eng ineinander verschlungen, auf dem erdigen Pfad läuft ein einsamer Jogger. Es ist ein schöner Gedanke, dass die Schlucht alle vereint. Wie eine Herzschlagader.

Bettina Hensel ist freie Autorin bei SPIEGEL ONLINE. Die Reise nach Toronto wurde unterstützt von Toronto Tourism.

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insgesamt 14 Beiträge
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jazzland-arcadia 31.07.2017
1. Toronto ist wunderbar...
Diese Stadt ist an Vielfalt und Vitalität kaum zu überbieten, obwohl sie bis vor wenige Jahrzehnte als äusserst langweilig und konservativ galt. Die Stadt ist lebendig und schnell und dann trotzdem schlagartig überraschend entspannt und schon beinahe idyllisch. All das lässt sich tatsächlich, wie im Artikel treffend beschrieben, am besten zu Fuss erleben, man muss sich einfach durch die verschiedenen Viertel treiben lassen und die Eindrücke aufsaugen. Toronto ist nicht so offensichtlich schön wie Montreal oder Boston, nicht so spektakulär gelegen wie Vancouver und nicht so umwerfend beeindruckend wie New York oder Chicago....es ist eine Stadt, die sich einem erst erschliessen muss, sozusagen "Liebe auf den zweiten Blick". Toronto ist bei weitem besser als seine Reputation, es ist eine Stadt im Aufbruch, sie erlebt wahrscheinlich momentan wirklich ihren entscheidenden Wachstumsschub....on the edge to greatness (vielleicht vergleichbar mit Wien zur Zeit des Baus der Ringstrasse). Ich lebe seit sieben Jahren in Toronto und arbeite hier als Architekt. Bisher habe ich keinen Tag bereut hier gelandet zu sein. Ich kann absolut empfehlen diese Stadt zu erkunden...
juergenhesse 31.07.2017
2. Ansicht einer Kanadiers
1969 sind wir nach Kanada ausgewandert, haben uns in Weston angesiedelt. Damals, dank guter, für damalige Verhältnisse, Nahverkehrs Verbindungen konnte man für $0.25 mit Bus und U-Bahn indie Innenstadt fahren, um zum Beispiel, sich ein Konzert von Segovia anzuhören. Wenn ich in die USA musste, war ich immer heilfroh, zurück nach Toronto, mit den beiden schwarzen Toronto Dominion Towers, zu kommen. Wie man damals sagte, Toronto the good. Yorkviile Plaza war ein ausgezeichnetes Einkaufszentrum, dank Sigi´s sogar mit deutschen Spezialitäten. Das war damals. Jetzt lebe ich in der GTA, 50 Km ausserhalb der Innenstadt. Um von da zum Flughafen zu kommen, dauert fast so lange als nach Paris zu fliegen. In die Stadt mit dem Auto, 11/2 Stunden und Parkplätze kosen $50. Ich erkenne die Innenstadt nicht wieder, alles bebaut mit glorreichen Kondominium Hochhäusern Viel Glass und keinen individuellen Karakter. Die einst schöne Yongstreet mit ihren roten Backstein Gebäuden findet man auch nicht mehr. Wenn ein einsames Gebäude unter Denmalschutz stehendes Gebäude überlebt hat, fängt eigenartigerweise, obwohl leer, ein Feuer an und das Gebäude ist nicht mehr sicher. Wupp, steht da ein anderes Kondominimum Glass Hochhaus. Multi, Kulti? Fahren Sie nach Markham, und ich denke, ich bin in China. Alle Strassenschilder, obwohl verboten, sind in Chinesisch. Die schöne "Waterfront" auch dicht besetzt von Hochäusern, mit 1 Million oder mehr Kosten. Für die reichen Baystreet Baronen, mit 2 Ferraries in der Tiefgarage. Früher, als Jazz Musiker hatten wir Jazz on the Lake Veranstaltungen. wurden von den Bonzen untersagt, es war zu laut, wenn sie Abends auf ihrem Million $ Balkon saßen. Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm. Ich sehe in meinen Abensnachrichten mit dem Wetterbericht, dass auch langsam der sehr markante CN Tower nicht mehr zu erkennen ist. Leider hat sich, meines Achtens nicht zum Besseren entwickelt, aber es ist das Paradies für die Architekten. Immer höher und mit viel Glass ist das Motto. Barcelona und Paris haben ihren Wachstum nach Aussen verlegt und denken nicht daran, Saint Germain des pres und Las Ramblas werden wohl nicht mit Kondominium Glasspalast Hochhäusen beglückt werden. J.H. Stouffville, Ont
C. V. Neuves 31.07.2017
3.
Bei Toronto bekommt man immer wieder das eine Bild, das vom See aus gesehen. Diese Perspektive wird immer verbauter. Toronto ist so aufregend wie ein Einkaufszentrum. Wenn man bei einem Torontoaner den Anschein erweckt dass man sich beklagen will, dann wird man grundsätzlich sofort belehrt, dass Ottawa furchtbar langweilig ist und man doch, zumindest relativ, auf der sonnigen Seite des Lebens steht. Ottawa hat zumindest ein Modikum an Charme. Ansonsten gibt es weniger verblüffende Situationen als wenn man an einem Samstagabend vom Innenstatdt-Hotel auswatet - und das aufregendste was einem begegnet ist so eine kleine Halle wo hundert oder zweihundert Leute mit Brettspielen beschäftigt sind. Ansonsten, die offensichtlich hochgradigst multikulturellen Empanadas bekomme ich mittlerweile in jeder nordamerikanischen Kleinstadt. Und überhaupt: seit Kanada Justin Bieber auf den Rest der Welt losgelassen hat sollten wir das Land bestenfalls ignorieren.
1schule2 31.07.2017
4. Eine wunderbare Stadt
Ich habe einige Jahre in Toronto gelebt und fand Toronto schon immer eine wunderbare Stadt. Auffällig für mich war, wie gut die Bewohner miteinander auskamen. Griechische Straßennamen geschrieben, kein Problem im griechischen Teil. Das gleiche im polnischen, im chinesischen. P.S. Eine kleine Anmerkung am Rande. Sie meinen ihren Lesern die "Wahrheit" zu sagen, wenn sie drunterschreiben, die Reise sein von XXX unterstützt. Das genaue Gegenteil ist der Fall. man unterstellt automatisch, dass da mit "Bestechung" gearbeitet worden ist. Also ziemlich negativ. Ich komme aus der Branche Reisen und ich habe viele solcher Reisen unterstützt, ohne irgendwelche kommerziellen Interessen oder Einflussnahme. Lassen Sie solche negativen Vermerke einfach weg.
juergenhesse 31.07.2017
5. Leider wahr
Zitat von C. V. NeuvesBei Toronto bekommt man immer wieder das eine Bild, das vom See aus gesehen. Diese Perspektive wird immer verbauter. Toronto ist so aufregend wie ein Einkaufszentrum. Wenn man bei einem Torontoaner den Anschein erweckt dass man sich beklagen will, dann wird man grundsätzlich sofort belehrt, dass Ottawa furchtbar langweilig ist und man doch, zumindest relativ, auf der sonnigen Seite des Lebens steht. Ottawa hat zumindest ein Modikum an Charme. Ansonsten gibt es weniger verblüffende Situationen als wenn man an einem Samstagabend vom Innenstatdt-Hotel auswatet - und das aufregendste was einem begegnet ist so eine kleine Halle wo hundert oder zweihundert Leute mit Brettspielen beschäftigt sind. Ansonsten, die offensichtlich hochgradigst multikulturellen Empanadas bekomme ich mittlerweile in jeder nordamerikanischen Kleinstadt. Und überhaupt: seit Kanada Justin Bieber auf den Rest der Welt losgelassen hat sollten wir das Land bestenfalls ignorieren.
ider aehneln sich N/amerikanische Staete immer mehr und sind manchmal schwer auseinander zu halten. Mein deutscher Freund von Hamburg und Architek ist von der Bauweise der Hochhaeuser begeistert. Der findet aber auh di Elbharmonie? prima die ich potthaeslich finde. chacun à son goût.
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