Stockholm von oben: Karlsson auf dem heißen Blechdach

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Über ein Dutzend Inseln im glitzernden Wasser - die Metropole Stockholm zeigt erst beim Blick von oben ihre volle Pracht. Eine ungewöhnliche Sightseeing-Tour führt über Dachfirste und vorbei an Türmchen. Dafür muss man nicht Karlsson heißen, aber ein Klettergeschirr anlegen.

Dachtour in Stockholm: Sightseeing-Tour im Klettergeschirr Fotos
Antje Blinda

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"In Stockholm kommt es fast nie vor, dass jemand in einem besonderen kleinen Haus oben auf dem Dach wohnt." Das stellte Astrid Lindgren vor fast 60 Jahren fest und: "Das aber tut Karlsson. Er ist ein sehr kleiner und sehr rundlicher und sehr selbstbewusster Herr und er kann fliegen." Lindgren lässt ihren "Karlsson vom Dach" im Stockholmer Vasa-Viertel spielen - welche Stadt wäre daher wohl geeigneter für eine Expedition über Giebel als die schwedische Metropole? Um wie Karlsson und sein Freund Lillebror Straßen und Seen aus der Vogelperspektive erleben zu können?

Und so eine "Rooftop Tour", das klingt nach Abenteuer: eine gute Stunde im Klettergeschirr und mit bester Aussicht auf dem ehemaligen Rathaus der winzigen Innenstadtinsel Riddarholmen, verspricht der Veranstalter Upplev Mer. Abwechslung vom Stadt-Sightseeing und ein paar Adrenalinschübe bei schwindelerregender Hangelei erhoffe ich mir.

Statt auf einen Knopf im Bauchnabel - wie Karlsson, der so seinen Rotor auf dem Rücken startet - drückt unsere 28-jährige Kletterführerin Valentina zunächst den Fahrstuhlknopf, um uns in die Höhe zu bringen. Sechs Stockwerke arbeitet sich das altertümliche enge Gefährt hinauf, ein paar Stufen noch, dann ist zwar nicht das Haus des rundlichen Flugakrobaten, aber ein mindestens 40 Grad Celsius heißer Dachstuhl erreicht. Auch das sonst so nordisch-kühle Stockholm hat seine hitzigen Sommertage. Durch eine Luke schimmert das Blau des Himmels, weiß leuchtet die Reihe an Helmen und rot die unzähligen Klettergeschirre, die an den Wänden aufgehängt sind.

"Auf einen mehr oder weniger kommt es nicht an"

Mit klappernden Karabinern am Kletterset krabbeln Claudia aus Garmisch-Partenkirchen, Calum aus Schottland, Oga aus der Ukraine und ich aus der Dachöffnung ans Tageslicht auf eine Plattform. Rote Giebel, kupfergrüne Kuppeln, schwarze Blechdächer, goldene Türmchen schichten sich hintereinander - eine städtische Landschaft, die Schweden, Deutsche und Franzosen in Hunderten Jahren errichtet haben. Ringsherum glitzert die Sonne auf Seen und Kanälen, und direkt unter uns, 43 Meter tiefer, liegt der Hof des alten Rathauses. Gar nicht mal so weit entfernt und gar nicht mal so schwindelerregend. Das "stört keinen großen Geist", wie der freche Karlsson die Höhe abtun würde.

Bei einem anderen Statement der Lindgren-Erfindung sind wir - der Veranstalter und ich - allerdings anderer Ansicht: "Kinder gibt es wie Sand am Meer, da kommt es auf eines mehr oder weniger nicht an." Valentina, eine zierliche Schwedin mit Zopf und Humor, zupft da lieber an unserer Sicherungsausrüstung, rückt ihren rutschenden Helm zurecht und sagt: "Jetzt führen wir unseren Hund spazieren."

Keine einfache Sache, und daran hat die Hitze ihren Anteil. Der "Hund" ist nämlich eine verschiebbare Halterung, die einen auf dem Dach gespannten Draht mit einem an mir befestigtem Stahlseil verbindet - meine Sicherung auf dem Dachgiebel. Dieses Teil soll mit einer Hand mitgeführt und vorwärts bewegt werden - etwas aufgedunsen durch die Wärme, "bellt" und wehrt es sich und muss mit Fußtritten malträtiert werden.

Sobald die Konzentration auf den nur rund 30 Zentimeter breiten Dachpfad aus Lochblechen, auf Leitern und Stufen ein wenig nachlässt, dringen auch Fetzen von Valentinas Erklärungen in mein Bewusstsein - vor allem jene, die sich um Verbrecher und Skandale drehen: um Piraten etwa. Denn Birger Jarl, der offizielle Gründer von Stockholm, hatte um 1250 die Nase voll von den plündernden Wikingern, die von der Ostsee aus in den Mälarsee eindrangen. Er baute eine erste Festung dort, wo sich Süßwasser und Salzwasser vermischen und wo sich heute die Altstadt, die Gamla Stan, befindet - die Touristenhochburg der Stadt liegt östlich zu unseren Füßen.

Südlich, auf dem höchsten Hügel der Stadt, wurden bis 1910 Verbrecher gehängt, erzählt Valentina. Nach mühsamer Einfuhr einer Guillotine aus Frankreich und einer einzigen Hinrichtung durch das Fallbeil war dann Schluss mit Todesstrafe. Heute tobt hier das Nachtleben im Szeneviertel Södermalm.

"Wirklich aufregend, genau wie Karlsson gesagt hatte"

Im Norden, in Norralm, wurde dagegen in den Fünfzigern bis Siebzigern ein vehementer Streit ums Kulturerbe ausgetragen - das Viertel verlor und leidet bis heute unter den Folgen architektonischen Ehrgeizes: Über 400 klassizistische Holzhäuser mussten 18-stöckigen Cityhochhäusern weichen - die Wirkung gleicht der von Bomben zerstörten deutschen Innenstädten, ohne dass hier je ein Bomber geflogen wäre. "Die Stadt wollte eine Skyline wie New York", sagt Valentina, "doch die US-Touristen lachen darüber nur."

Auf dem kleinen Riddarholmen hingegen - auf Deutsch "Insel der Ritter" -, wo wir gerade herumklettern, wollte zunächst außer Mönchen niemand wohnen. Erst im 17. Jahrhundert wurden die Adligen des Landes aufgefordert, hier ihre Paläste zu bauen - zur Verschönerung der Stadt. Auch die königliche Familie lebte hier, als an ihrem neuen, barocken Palast wegen eines Feuers 60 statt 6 Jahre gebaut wurde und sie erst 1760 zurück in die Gamla Stan ziehen konnte.

Heute hat die Justiz ihren Sitz auf diesem stillen Fleck mitten in der Innenstadt; am Ufer sehen wir ein Hotelschiff liegen und in dem kleinen Biergarten daneben Familien sitzen. Würden sie hochschauen, könnten sie unsere weiß behelmte Gruppe auf dem Dachfirst des massigen, orangenen Gebäudes entlangspazieren sehen.

"Es gab hier eine Menge kleiner, sonderbarer Ausbauten und Dachstuben und Schornsteine und Winkel und Ecken, so dass es nie eintönig wurde" - was Lillebror auf seinem ersten Dachausflug erlebte, scheint nicht so verschieden von unserer Tour zu sein. "Und es war wirklich aufregend, genau wie Karlsson gesagt hatte, eben weil man hin und wieder fast abstürzte."

So gefährlich aufregend wurde es für Claudia, Calum, Oga und mich allerdings nie - unsere Kletterkünste wurden nicht herausgefordert. Und viel zu schnell war die nur 300 Meter lange Runde auf dem heißen Blechdach auch wieder beendet. Vielleicht ein wenig zu kurz für die immerhin 525 Kronen (62 Euro), die ich dafür bezahlt habe. Aber, nun ja, Karlsson würde auch dies lapidar kommentieren: "Stört keinen großen Geist."


Information zu Dachtouren

Stockholm: Die Touren von Upplev Mer auf Riddarholmen finden für Einzelpersonen ab etwa April bis in den Oktober hinein statt. Gruppen können sich rund ums Jahr anmelden, auch im Winter. Eine Führung dauert 75 Minuten und kostet 525 Schwedische Kronen pro Person.

München: Auf dem Dach des Olympiastadions kann auch gekraxelt werden. Die Zeltdach-Tour findet von Mai bis September statt und kostet 41 Euro für Erwachsene, 31 Euro für Kinder.

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1. Netter Artikel, schöne Bilder
Hugh 13.09.2012
Zitat von sysopWer sich je ein Leben wie Karlsson gewünscht hat, kann auf einer Dachtour in Stockholm Höhenluft wie Astrid Lindgrens Flugakrobat schnuppern. Mit Klettergeschirr und Seilsicherung geht es einmal herum auf dem First des ehemaligen Rathauses. Eine erhebende Sightseeing-Tour. Stockholm von oben: Dachtour in der Altstadt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,851753,00.html)
allerdings historisch etwas ungenau. Birger Jarl, Gründer von Stockholm, wollte die westlich von Stockholm gelegenen Gebiete nicht vor Wikingern schützen, die kamen nämlich nicht mehr. Er wollte sie vor den Überfällen der Slaven von der anderen Seite der Ostsee, Esten, Letten, Livländer, sowie Russen schützen. Außerdem konnte er von hieraus Gotland und auch Finnland (zu der Zeit schwedische Kolonie) besser unter Kontrolle halten als vom alten Königssitz auf Visingsö aus.
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Fläche: 450.295 km²

Bevölkerung: 9,483 Mio.

Hauptstadt: Stockholm

Staatsoberhaupt: König Carl XVI. Gustaf

Regierungschef: Fredrik Reinfeldt

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