Stockholms Schären Wahre Heimat der Stadtkinder

Wenn den Menschen in den Großstädten die Decke auf den Kopf fällt, dann suchen sie das Weite. Die Einwohner Stockholms haben in ihrer weitläufigen Metropole eigentlich sowieso schon Platz genug. Auf den einzigartigen Fluchtpunkt Schärengarten würde aber niemand im Ernst verzichten.

Von Lasse Dudde


Dampfer Blidösund der Reederei Waxholmsbolaget: Maritimes Tramperticket
Christer Lundin

Dampfer Blidösund der Reederei Waxholmsbolaget: Maritimes Tramperticket

In Stockholm erinnert man sich im Sommer manchmal an die Jahre der Flucht. Das war in den Neunzigern. Zehn Jahre lang, zwischen der Einführung und dem Ende des Wasserfestivals, sahen die Hauptstädter mit zunehmendem Schrecken den ersten zwei Wochen im August entgegen.

In dieser Zeit wurde den "Null-Achtern", wie die Metropolen-Bewohner wegen ihrer Vorwahl genannt werden, zwar einerseits ein spaßiges Programm aus Jahrmärkten, Openair-Vorstellungen, Straßentheatern, Klamauk und Konsum bis hin zur einer allabendlichen "Feuerwerks-Weltmeisterschaft" geboten und die Innenstadt in einen überdimensionierten Vergnügungspark verwandelt. Andererseits nahm auf dem allgemeinen Tummelplatz im zunehmenden Maße auch der Proll Platz.

Und dieser zollte zwischen der großen Schleuse Slussen und dem Königsgarten Kungsträdgården häufig seinen Tribut mit Erbrochenem, urinierte stockbesoffen gegen die heiligen Gemäuer des königlichen Schlosses oder - schlimmer noch - begehrte ungeniert im Jogginganzug Einlass im noblen Opernkeller Operakällaren.

Kurzum: Der Stockholmer floh aus seinem Stockholm, selbst wenn die Hauptstadt gerade im August, nach dem ewig verregneten Mittsommerfest, zum Klischee einer Sommerstadt erblühte. Man floh. Wohin? In den Skärgården, den Stockholmer Schären. Bei einer Auswahl von 24.000 Inseln und Inselchen auf einer Fläche von rund 6000 Quadratkilometern bestand kaum noch eine Gefahr, von den "Irren aus der Provinz" gefunden zu werden.

Und so blieb fast jeder vernünftige Stockholmer möglichst lange weit draußen in seinem Ferienhaus oder dem von Freunden oder Bekannten, strich sinnlos mit dem Pinsel über morsches Holz, las unentwegt Jan Guillou oder segelte ziellos unter eigener Flagge. Bis der Krawall im Stadtzentrum wieder ein Ende hatte, die Touristen endlich wieder verschwunden waren und man die Stadt fast wieder für sich alleine haben würde. Bis zum nächsten "Vattenfestivalen".

"Die Sommerfrische ist eine Lebensform"

Das Stockholm Water Festival hat die Stadt wegen der ständigen Defizite im Stadtsäckel vor Jahren wieder aufgeben müssen. Doch der Schärengarten ist allen geblieben und mit ihm das Gefühl, in einer der lebenswertesten, wenn nicht gar der lebenswertesten Hauptstädten überhaupt wohnen zu leben dürfen.

Luftbild vom Schärengarten: Der Stockholmer flieht aus seinem Stockholm
Christer Lundin

Luftbild vom Schärengarten: Der Stockholmer flieht aus seinem Stockholm

Denn der Skärgården, so heißt es, gehört zu Stockholm wie der Duft der Maiglöckchen und der Geruch von Bootsfirnis zum heiligen kurzen schwedischen Sommer. "Die Sommerfrische ist eine Lebensform, sie ist die wahre Heimat der Stadtkinder", sagt es treffend wie kein anderer der Schriftsteller Per Wästberg. Die Schären - das ist mehr als eine Kulturlandschaft, die unter anderem zahlreiche schwedische Künstler wie den alten August Strindberg zu Romanen wie "Hemsöborna" (Die Leute auf Hemsö) inspiriert hat.

Dort, wo einst der gesalzene Hering zum wichtigsten Handels- und Tauschobjekt mit den Stadtbewohnern wurde und ein Überleben sicherte, ist seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein klassenloses Wohlstandsparadies entstanden. Zwar findet man hier immer noch die Großhändlervillen, die das wohlhabende Stockholmer Bürgertum einst entlang der Dampfschifffahrtslinien errichten ließ. Doch mehrere zehntausend Sommarstugor (Sommerhäuser). Und mehr als 160.000 registrierte Freizeitboote sprechen eine deutliche Sprache: Hier ist längst auch Otto Normalbürger zu Hause, in Schweden nennt man diesen einfach den Svensson.

Bis zum äußersten Rand der Schären, wo die Landschaft von größeren, bewaldeten Inseln zunehmend in kleine, karge Felsenarchipele übergeht, kann man mit dem Auto hinausfahren. Und gerade dort, wo zumeist ahnungslose Transitreisende mit ihren Wohnmobilen und Familienkombis blindlings zur Finnlandfähre nach Kapellskär brettern, liegt ein besonderes Juwel der Inselwelt: Der Roslagen (gesprochen: Ruhslaagen) - die Landschaft der nördlichen Schären, die gerade dort beginnt, wo die touristischen Ausflugsdampfer aus der Innenstadt Stockholms ihre Fahrt im alten Festungsort Vaxholm beenden.

Kontrast aus roten Felsen, Wasser und dichten Wäldern

Die heimliche Hauptstadt des Roslagen, Norrtälje, mit ihrem hölzernen Ortskern aus kleinen Läden und Straßencafés ist an sich schon sehr reizvoll. Ebenso wie manche Manufaktur am Wegesrand und der eine oder andere Handwerksbetrieb, von kleinen Küstenorten wie Furusund oder Spillersboda ganz zu schweigen. Doch die Attraktion des schönsten aller schwedischen Schärengärten liegt natürlich in der einzigartigen Natur des Inselreiches mit dem ständigen Kontrast aus roten Felsen, Wasser und dichten Wäldern. In Gräddö oder Väddö und findet man die schönsten Strände des gesamten Reviers, die trotzdem nie überlaufen sind.

 Sommarstugor in den Schären: Klassenloses Wohlstandsparadies
Christer Lundin

Sommarstugor in den Schären: Klassenloses Wohlstandsparadies

In Grisslehamn legt die Fähre zur zweistündigen Überfahrt nach Eckerö auf Åland ab. Einheimische nehmen das Schiff wegen des besten Essens, das die gesamte Fährschiffflotte der Ostsee zu bieten hat. Und sind am Abend wieder zurück. Selbst hier draußen, 80 Kilometer vom Stadtrand der Metropole entfernt, verkehren noch die Linienbusse des Stockholmer Verkehrsverbundes und können mit der Touristen- oder Stockholmskarte, die es in den Touristenbüros für ein oder mehrere Tage kaufen gibt, kostenlos benutzt werden.

Ohne festen Plan reist und erkundet man den Schärengarten natürlich am besten zu Wasser. Zum Beispiel mit einem der alten Dampfer von Waxholmsbolaget, der Reederei, die eine Art maritimes Tramperticket für 490 Kronen (rund 50 Euro) anbietet, das 16 Tage lang auf allen Routen des umfangreichen Liniennetzes gültig ist. Das Insel-Hopping hat inzwischen eine große Anhängerschar gefunden, schließlich gibt es auch im Skärgården genügend kleiner Hotels, Jugendherbergen nette Kneipen-Restaurants. Zur Not kann man auch fast überall sein Zelt aufstellen, zumindest für eine Nacht.

Menschenleere Inselchen

Wer hier schon einmal mit dem eigenen Segelboot oder der Yacht unterwegs gewesen ist, weiß einerseits, dass man sich vor manch verborgener Untiefe in Acht nehmen sollte und lieber einen Blick auf aktuelle Seekarten wirft. Andererseits findet man fast überall "Gästhamnar", Bootshäfen, die zu Spottpreisen oft nicht nur einen Liegeplatz, sondern gleich auch noch ein Rundum-Sorglospaket von der Waschküche bis zur Sauna anbieten. Viele entscheiden sich kurzfristig zum Ankern "im Freien", denn menschenleere Inselchen gibt es hier mehr als genug.

Ob als Sommergast oder Schärenbewohner, ob zu Land oder zu Wasser: An keinem anderen Ort kann man sich besser treiben und die Seele baumeln lassen.

Schließlich ist hier ja heute niemand mehr auf der Flucht.

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