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Londons Olympia-Stadtteil Stratford: Aufgemotztes Schmuddelkind

Von , London

Der Londoner Stadtteil Stratford rückt plötzlich ins Rampenlicht. Mit Macht versuchte man, das heruntergekommene Viertel am Olympischen Park aufzuhübschen. Jetzt steht im zweitärmsten Bezirk Englands das größte Einkaufszentrums Europas. Ist das Projekt ein Erfolg?

Londons Osten: Erst schäbig, dann schick Fotos
DPA

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Wer am Bahnhof Stratford aus einer der vielen U-Bahnen, S-Bahnen oder Züge steigt, hat zwei Möglichkeiten: Entweder er folgt den pinkfarbenen Schildern zum Olympischen Park. Sie leiten einen direkt in das glänzende Westfield-Einkaufszentrum, den offiziellen Eingang zum Sportgelände. Der Weg führt vorbei an Apple-Store, Lego-Laden und Jamie Olivers Restaurant. Das ist das neue Stratford.

Oder er geht vor dem Bahnhof über die Ampel in eine verlotterte Einkaufspassage aus den siebziger Jahren. Das Stratford Centre bildet das Eingangstor zur High Street, der traditionellen Hauptstraße des Einwandererviertels im Londoner Osten. Hier trinkt man seinen Kaffee nicht bei Starbucks, sondern im Café Rae Anne oder beim Polen. Das ist das alte Stratford.

Die beiden Stratfords haben nicht viel miteinander zu tun. Man lebt nebeneinander her und beäugt sich misstrauisch. Von den Touristen, die zum Olympischen Park strömen, hat Aytac Ataser noch nicht viel gesehen. "Neulich waren ein paar Japaner da", sagt der 50-jährige Manager des Cafés Rae Anne. Aber seit Westfield vor acht Monaten eröffnet habe, kämen immer weniger Leute in die High Street. Sein Umsatz sei um 50 Prozent eingebrochen. Andere Geschäfte haben bereits zugemacht.

Ein neuer "Ort zum Abhängen"

Die Eröffnung des größten Einkaufszentrums Europas im zweitärmsten Bezirk Englands hat die lokale Ökonomie durcheinandergewirbelt. "Der Morgenhandel ist komplett weggebrochen", klagt Obsthändler Reggie Metcalfe. Er baut seinen Stand jeden Tag um sieben Uhr auf, doch Westfield öffnet erst um zehn Uhr - und die Leute richten sich danach. Sein Umsatz sei um 30 Prozent zurückgegangen, sagt er. Dabei liegt sein Stand noch am nächsten dran an dem neuen Gravitationszentrum der Nachbarschaft.

Auf die Frage, was Olympia dem Viertel gebracht hat, fällt den meisten Bewohnern als erstes Westfield ein. Das Einkaufszentrum wird mit den Spielen assoziiert, obwohl die Planungserlaubnis schon vor der Olympia-Bewerbung Londons erteilt worden war. "Für die Jugendlichen ist es der neue Ort zum Abhängen", sagt Neil Fraser, ein Lehrer, der 16- bis 19-Jährige unterrichtet. "Endlich ist in Stratford mal was los."

Im Osten lagen immer die schäbigsten Ecken der britischen Hauptstadt. In seinem Buch "Over the Border: The Other East End" erzählt Fraser die Geschichte von der rasanten Industrialisierung im 19. Jahrhundert bis zur Ankunft des Olympia-Stadions. Früher war die Gegend das industrielle Herz der Stadt. Hier luden die Schiffe ihre Waren aus, hier rauchten die Fabrikschlote. Mit dem Niedergang der Docklands und der Industrie verfestigten sich Arbeitslosigkeit und soziale Probleme. Von den 240.000 Bewohnern des Bezirks Newham, in dem Stratford liegt, sind 20.000 langzeitarbeitslos.

Durch die Spiele sollte die vernachlässigte Gegend regeneriert werden. Doch die meisten Bewohner können keinen Aufschwung erkennen. Zwar wurde das Stadtbild durch neue Bürgersteige und Bäume verschönert, doch die sozioökonomischen Indikatoren bleiben düster: Die Einkommenslücke zwischen Newham und dem Rest Londons hat sich laut einer Studie der London School of Economics zwischen 2006 und 2011 sogar noch vergrößert.

Auch die Arbeitslosigkeit ist demnach seit der Olympia-Bewerbung stärker gestiegen als im Rest der Stadt. Zwar hat das Shoppingcenter 10.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Aber 200 Firmen mussten dem Olympia-Gelände weichen, Tausende Jobs fielen weg.

"Arm wie eh und je"

Der Olympia-Park ist das zweite große Erneuerungsprojekt im Londoner Osten nach dem Bau des neuen Bankenviertels Canary Wharf in den neunziger Jahren. Doch ist fraglich, wer von den investierten Milliarden profitieren wird. Schon die Canary Wharf habe keinen Trickle-Down-Effekt gebracht, sagt Fraser: Der steigende Wohlstand der Reichen hat den unteren sozialen Schichten keinen Aufschwung beschert. Die umliegenden Viertel seien arm wie eh und je.

Fraser ist daher skeptisch, wenn er die Versprechen der Olympia-Planer hört. Aber er will nicht leugnen, dass die Spiele Stratford einen neuen Status verschafft haben. Als er vor 20 Jahren aus dem englischen Norden hierher zog, kannte keiner seiner Freunde das Viertel. Heute sei der Name in aller Munde, sagt er. So begehrt sei die Gegend inzwischen, dass er selbst sich mit seinem Lehrergehalt kein Haus mehr leisten kann.

Die neue Bekanntheit führt dazu, dass immer mehr Angehörige der Mittelschicht in das traditionelle Arbeiterviertel ziehen. Vielen sei das benachbarte Hipster-Viertel Hackney zu teuer geworden, sagt Nick Verdi von der Maklerfirma Keatons. Die Hauspreise in Stratford seien hingegen noch vergleichsweise günstig. Tausende Neubauwohnungen wurden gebaut, allein im Olympischen Dorf stehen ab nächstem Jahr 2800 Wohnungen zum Kauf. Mit Einstiegspreisen von 250.000 Pfund für eine Drei-Zimmer-Wohnung auf der High Street sind sie allerdings für die große Mehrheit in Newham unerschwinglich.

Verdi schätzt daher, dass die Gentrifizierung des Viertels ihren Gang gehen wird. Stratford hinke etwa 15 Jahre hinter Hackney hinterher, sagt er. Der neue Park und das Einkaufszentrum sind seiner Ansicht nach die Vorboten einer besser ausgebildeten und zahlungskräftigeren Bevölkerung. Alteingesessene wie der Obsthändler Metcalfe fühlen sich von den Neuankömmlingen verdrängt. Er weiß nicht, wie lange er noch durchhalten wird: Viele seiner Kollegen im alten Stratford Centre haben schon aufgegeben.

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1. Klar...
fatherted98 23.07.2012
Zitat von sysopDPADer Londoner Stadtteil Stratford rückt plötzlich ins Rampenlicht. Mit Macht versuchte man, das heruntergekommene Viertel am Olympischen Park aufzuhübschen. Jetzt steht im zweitärmsten Bezirk Englands das größte Einkaufszentrums Europas. Ist das Projekt ein Erfolg? http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,845552,00.html
...ist es ein Erfolg. Die Armut wurde verdrängt...der Stadtteil aufgewertet...nun werden die Yuppies nachziehen, die Mieten steigen, die Alt-Bewohner müssen wegziehen....und schon ist der Stadtteil sanniert....so macht man das nicht nur in London.
2.
handknauf 23.07.2012
Wow! Die britische Art tiefgreifende Struktuprobleme zu lösen erstaunt mich immer wieder: Man nimmt einfach Millionen Dinge die kein Mensch braucht, stopft sie in eine Mall und tut so als ob sie unverzichtbar wären. In armen Gebieten funktioniert das natürlich am besten, man gibt den Menschen das Gefühl etwas wert zu sein und hat seine Ruhe während man genüsslich abkassiert. Genial!
3. Ist doch überall das Gleiche....
sargeantangua 23.07.2012
Kaum macht eine dieser "malls" auf, wird es daneben sehr, sehr öde: alte Läden machen dicht und die Ladenlokale steht leer. Oder Nachmieter sind "Enthaarungsstudios", Telefonläden, Callshops, Spielcasinos, "Backshops" (was für ein bescheuertes Wort: hat mal schon jemand "Back" gekauft?), Fingernagelrenovierer. Und vielleicht einem Dönerladen dazwischen. Die Gegend wird anonym, monoton und uninteressant. Mir kommt es vor wie die Vorstufe zum Slum. Die "Stadtplaner" lernen scheint's nie. Ich weiss von zwei solcher Malls, die die Läden in der Umgegend platt gemacht haben, und erschrecke jedes mal, wenn ich die Nachbarschaft ansehe.
4. optional
anfang 23.07.2012
"Hier trinkt man seinen Kaffee nicht bei Starbucks, sondern im Café Rae Anne oder beim Polen. Das ist das alte Stratford. " nun ja - als ich das letzte mal im Stratford Centre war, gabs gleich am Eingang ein Starbucks, und das Café Rae Anne ist auch nicht in der High Street sondern am Broadway
5. Warum?
Christiane Schneider 23.07.2012
Zitat von sysopDPADer Londoner Stadtteil Stratford rückt plötzlich ins Rampenlicht. Mit Macht versuchte man, das heruntergekommene Viertel am Olympischen Park aufzuhübschen. Jetzt steht im zweitärmsten Bezirk Englands das größte Einkaufszentrums Europas. Ist das Projekt ein Erfolg? http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,845552,00.html
Solche Stadteile ziehen Leute an, die ihre Schulausbildung lieber vor dem Fernseher verbracht haben. Sie konzentrieren sich hier. Warum sollten sie automatisch das gleiche verdienen wie in den anderen Stadtteilen? Warum das Unverständnis? Sollen alle das Gleiche verdienen? Nen bischen Leistungsorientierung sollte nicht schlecht sein. Infrastrukturmillionen bringen nicht automatisch einen Sinneswandel bei diesen Menschen.
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