Street Food Walk in Delhi "Deutsche sind furchtlos. Die essen alles"

Von Kartoffelcurry bis zu Kardamomtoffees: Wer mit Anubhav Sapra auf eine Frühstückstour durch die Altstadt Delhis geht, lässt sich auf eine geschmackliche Mutprobe ein. Der Lohn ist das wahre Indien auf der Zunge.

SPIEGEL ONLINE

Von , Neu-Delhi


Die Abenteuerreisen, die Anubhav Sapra organisiert, sind als solche schwer erkennbar. Statt mit dem Jeep ins Hochgebirge bringt der Inder seine Gäste zu Fuß in die Altstadt Delhis. Was dann folgt, verlangt Sapras Gästen einige Courage ab: Die Stadtmauer um diesen ältesten Teil der indischen Hauptstadt wurde 1638 gebaut, und man könnte meinen, es sei hier seitdem nicht mehr geputzt worden.

Im Rinnstein steht die Kloake. Darin schwimmt knöcheltief der Müll der Anwohner, die sich an dem Dreck nicht zu stören scheinen. Unbekümmert schieben sie sich an den vielen Straßenimbissen, die morgens ihr bestes Geschäft machen, ihr Frühstück rein.

Indisches Essen von der Straße hat weit über den Subkontinent hinaus einen mehr als schlechten Ruf. Kein Reiseführer, der nicht davor warnt, etwas auf die Hand zu essen. Wer es trotzdem tut, riskiert, wertvolle Urlaubstage im Hotel ganz in der Nähe der Toilette zu verbringen. Selbst viele Einheimische meiden Imbisse und Garküchen. "Dabei gibt es das beste Essen Indiens auf seinen Straßen", sagt Sapra.

Auf der Suche nach Bohnen-Reis-Topf

Der 31-Jährige begann seine kulinarische Entdeckungsreise durch Delhi vor 15 Jahren, als er aus der entfernten Provinz Bihar in die Hauptstadt kam, um die Schule zu beenden und Politikwissenschaften zu studieren. Kaum angekommen, verzehrte er sich nach dem Bohnen-und-Reis-Eintopf seiner Mutter. Er begann, durch die Stadt zu streifen, immer auf der Suche nach der besten Hausmannskost.

Genervt von den Vorurteilen gegenüber Delhis Freiluftköchen entwickelte Sapra missionarischen Eifer und startete einen Blog. 2011 rief er darin Neugierige auf, ihn auf einer seiner Fressexpeditionen zu begleiten. 30 Leute kamen, eine Geschäftsidee war geboren. Heute bietet Sapra die Delhi Food Walks morgens und abends an - für Gruppen oder individuell zugeschnitten. Noch immer führt er alle Touren selbst. "Man sieht es", sagt er mit Blick auf seine Hüfte.

Um acht Uhr morgens gehört Alt-Delhi seinen Anwohnern. Noch sind die Basare, die tagsüber Hundertausende in die Gassen locken, geschlossen. Weil die Menschen hier in winzigen Wohnungen leben, findet das Leben auf dem noch leeren Gehweg statt. Nachbarn schwatzen, Frauen waschen Saris und Kinder. Männer lassen sich auf der Straße rasieren, vor den Tempeln fädeln Verkäufer orangenfarbene Studentenblumen zu Ketten auf.

Vor dem Shywam Sweets Shop stehen, wie schon seit 1910, bereits die Hungrigen. Der Laden ist berühmt für sein Nagori Halwa: ein hohles Teigbällchen, in das der Kunde mit den Fingern ein Loch klopft und eine Creme aus Weizengrieß, Zucker und Gewürzen füllt. Ein guter Tage in den Start für Sapra, der ein bekennender Liebhaber von möglichst Süßem ist.

Das pikante Kartoffelcurry, das es zu einem knusprigen Fladenbrot gibt, rührt er nicht an, lässt sich aber die Reste einpacken. Später wird er sie einer Bettlerin am Straßenrand geben. "Wir Inder verschwenden so viel Essen, dabei hungern gleichzeitig Millionen unserer Landsleute", sagt Sapra, der für eine Hilfsorganisation für Straßenkinder gearbeitet hat, bevor er sein Hobby - Essen - zum Beruf machte.

Ein Vermögen durch Kichererbsen

Durch immer enger werdende Gassen geht es weiter. Bei einem kleinen Menschenauflauf sind wir am Ziel: Auf einem Quadratmeter Gehsteig, vor dem metallenen Rolltor eines Schreibwarenladens, residiert Lotan Cholewalla. Lotan, der Kichererbsenmann. Bei einem alten Mütterchen kauft Sapra sich ein Stück Butter - der zweite des heutigen sechsgängigen gehaltvollen Frühstücks.

Deepak, der Urenkel Lotans, der vor 97 Jahren hier den ersten Topf Suppe kochte, platziert das Stück Butter in einem Pappschälchen. Dann gießt er Kichererbseneintopf und rote Chili-Soße drüber. Ingwer und Koriander draufgestreut, ein Stück Fladenbrot dazu: herrlich. Und höllisch scharf! Wie viele Rationen Eintopf Deepak jeden Tag verkauft, will er nicht verraten. Doch das Gedränge um seinen Topf spricht Bände. "Die Familie soll zwei bis drei Lakh im Monat machen", raunt ein Kunde. Bis zu 3800 Euro - in Indien ein Vermögen.

Bei Karim, einem für seine Kebabs bekannten Restaurant, gibt es in Zimtsoße geschmortes Hammelbein, Sitzgelegenheiten und das einzige Klo weit und breit. Sapra erzählt von seinen Gästen: Spitzenköche aus Japan, welche die Feinheiten der indischen Cuisine erspüren wollten; Upper-Class-Inder, die sich allein nie in die Altstadt wagen würden und staunen, was es da zu entdecken gibt; Und die Gruppen von jungen Deutschen, die er zu Beginn ihres Freiwilligenjahres in Indien mit dem hiesigen Streetfood vertraut gemacht hat. "Deutsche sind furchtlos", ist Sapras Urteil. "Die essen alles."

Toffee und Masala Chai zum Abschluss

Dann wollen wir zu einem Süßigkeitenladen, der von der Zeitung "Times of India" zum besten der Stadt gekürt wurde. Um dorthin zu gelangen, muss sich der angeheuerte Fahrrad-Rikschafahrer zehn Minuten abstrampeln. Dass man am Ziel ist, erkennt man an einem schweren Geruch von heißer Milch und Butter, der über die Straße zieht. Chaina Ram Sindi produziert alle Arten von Toffees: mit Nüssen oder pur, hart oder weich, mit Kardamom oder Zitrone versetzt. Das Zeug ist so süß, dass der Masala Chai, den Sapra ein paar Sträßchen weiter ordert, trotz zwei Löffel Zucker geradezu herb erscheint.

Sapra kennt das schon und hat zum Abschluss noch ein herzhaftes Gericht auf Lager. Wieder Kichererbsen mit Brot, aber diese schwimmen in einer dicken, dunklen Soße statt in Brühe. Trotz ähnlicher Zutaten ist der Unterschied so groß wie der zwischen Hühnersuppe und Coq au Vin.

Sapra freut sich über die verblüfften Gesichtern. Es sei die Kunst der indischen Köche, schlichte Zutaten - Kichererbsen, Kartoffeln, Huhn - mit Hilfe von Gewürzen immer neu zu interpretieren, sagt er. Wer sich als Tourist nicht traue, das echte indische Essen zu probieren, "der hat Indien nicht erlebt".


Information: Der dreistündige Frühstücksspaziergang durch die Altstadt Delhis bei Delhi Street Walks kostet etwa 35 Euro pro Person, alle Mahlzeiten, Wasser und Desinfektionsgel für die Hände inklusive. Andere Touren und Kochkurse nach Absprache.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
dfuchs 17.09.2014
1. Auch anderswo in Delhi...
Ähnlich faszinierend ist (hoffentlich immer noch, 's ist länger her) die Gegend um Nizamuddin Dargah. Da gibt's auch gutes Essen...
Layer_8 17.09.2014
2. Dilli
Ja. Wer einigermaßen fit ist, sollte zumindest mal die "Innenstadt" Delhis zu Fuß erkunden. Eine abenteuerliche Wanderung durch verschiedenste Geländeformationen und Bodenbeschaffenheiten. Wegzehrung braucht man wirklich nicht mitnehmen, man orientiere sich an den Straßenständen, wo sich besonders viele Einheimische aufhalten. Man wird bei solchen Tageswanderungen mit den verschiedensten architektonischen Stilen belohnt, klassisch wie modern, welche die Geschichte des ganzen Landes, sowie die Mentalität der Bevölkerung wiederspiegeln. Für die eigene Gesundheit der Lungen könnte dabei eine Gasmaske recht förderlich sein, welche die verschiedensten Ausdünstungen der Stadt etwas abmildern kann.
Immergutelaunefee 17.09.2014
3. Delhi-belly?
mich würde doch nun interessieren, ob der Autor noch diesem lukullischen Erlebnis Beschwerden im Magen-Darm-Bereich hatte oder nicht. ..?
indianer3000 17.09.2014
4. Das stimmt so
Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer dass man natürlich alles am Straßenrand in Delhi essen kann, was gekocht oder frittiert ist und in einem Einmalgeschirr serviert wird. Old Delhi ist natürlich immer ein besonderer Spass mit seinem Mikrokosmos aus Händlern, Food-Stalls, Religionen, Siff und Altstadt-Flair. Aber auch sonst überall in der Stadt kann man gut am Straßenrand essen. Alles schmeckt; meistens sehr gut, manchmal gewöhnungsbedürftig, aber immer frisch.
flushbush 17.09.2014
5. Beim ansehen der Bilder
bekomme ich schon Duennpfiff :-)
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