Touristenbus in Johannesburg: "Manche trauen sich nicht auszusteigen"

Von Benjamin Dürr

Rote Doppeldeckerbusse sind weltweit zu einem Symbol im Städtetourismus geworden. In Berlin oder Sydney gehören sie zum Straßenbild, im südafrikanischen Johannesburg dagegen wirken sie wie aus einer anderen Welt. Rundfahrt durch eine der gefährlichsten Städte der Welt.

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Einer der wenigen Busfahrer in Johannesburg, die nach Fahrplan fahren, ist vier Minuten zu früh. Busse fahren, wenn sie voll sind in Afrika. Vincent dagegen hat sich den Fahrplan auf das Lenkrad geklebt. Er kommt überpünktlich von der ersten Tour an diesem Tag zurück.

Auf die Minute genau haben die Planer von Citysightseeing die Strecke und den Fahrplan ausgetüftelt. Auf Probefahrten testeten Vincent und seine Kollegen die Route in den roten Doppeldeckerbussen. Anfang Februar startete die erste Bustour durch Johannesburg offiziell - sie führt durch einen der gefährlichsten Orte der Welt.

In Städten wie Berlin und Paris gehören die Doppeldecker mit dem offenen Dach zum Straßenbild, sie sind zu Ikonen des internationalen Tourismus geworden. Auf sechs Kontinenten in knapp einhundert Städten gibt es sie inzwischen. Für Städtetouristen sind die Busse das, was McDonald's beim Essen ist: Man weiß, was man bekommt, ob in Sydney, Kiew oder Lima.

In Johannesburg hingegen wirken die Busse wie aus einer anderen Welt. Sie gleiten mit blitzendem Lack elegant durch die Straßen. Die Stadt drumherum ist schmutzig, staubig und chaotisch.

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Johannesburg: Sightseeing im Doppeldeckerbus
"Verglichen mit der Touristenmetropole Kapstadt gibt es hier wenige Sehenswürdigkeiten", sagt Vincent. Deshalb gibt es bei der dortigen Citytour auch sechs Stopps mehr als in Johannesburg. Drei Jahre hat Vincent, der sich immer nur mit seinem Vornamen vorstellt, Touristen durch Kapstadt kutschiert. Vor ein paar Monaten kam er mit vier anderen Fahrern nach Johannesburg, um die Tour mit aufzubauen.

Die führt zu insgesamt zwölf Haltestellen, unter anderem am Gandhi-Platz, im Ausgehviertel Braamfontein und im Mining District, wo die Betreiberkonzerne der nahen Goldminen residieren. Touristen können aus- und einsteigen, wo sie wollen. Alle 40 Minuten kommt ein Bus, knapp zwei Stunden dauert eine komplette Rundfahrt.

Einer der Höhepunkte ist der Stopp am Apartheid-Museum. Besucher bekommen willkürlich eine schwarze oder weiße Eintrittskarte und müssen den entsprechenden Eingang benutzen. Im Innern wird die Geschichte des rassistischen Systems erzählt, von der Idee bis zum Fall: ein Polizei-Panzer, mit dem die Aufstände niedergeschlagen wurden ist ausgestellt, ein Nachbau von Nelson Mandelas Gefängniszelle, das erste Wahlplakat des ANC.

Gedrängel und Gehupe

Viermal am Tag fährt Vincent die Tour, morgens um 9 Uhr geht es los. Um diese Uhrzeit nimmt der Verkehr ab, die Straßen sind frei. Ab 16 Uhr am Nachmittag, sagt er, werde es wieder voll. "Dann wird viel gedrängelt und gehupt." Hier ist echte Fahrkunst gefragt: Der Doppeldecker ist zwölf Meter lang, zu den Hindernissen zählen drängelnde Kleinbusse, zugeparkte Ecken und Passanten, die über die Straßen rennen. Niemand beachtet rote Fußgängerampeln, auf den Fahrspuren gewinnt meist der dreisteste Drängler. "Nirgendwo in Südafrika ist der Verkehr so dicht", sagt Vincent.

28 Minuten nach der Abfahrt stoppt er am Carlton Centre, dem höchsten Gebäude Afrikas mit einer spektakulären Aussichtsplattform. Es steht im Central Business District, dem Herzen der Stadt. An der Haltestelle steht Benjamin, der Tourguide in roter Uniform. Er nimmt die Touristen mit zum Hochhaus. Es sei nicht ganz ungefährlich hier, sagt er. Deshalb stehen an manchen Haltestellen den ganzen Tag Mitarbeiter, die die Touristen begleiten.

Sita, eine Inderin, die nur ein paar Stunden Aufenthalt in der Stadt hat, steigt am Mittag zu. Um 6 Uhr muss sie wieder zurück am Flughafen sein. Das reicht für eine Runde und einen Besuch im Apartheid-Museum. "Ohne den Bus hätte ich nichts von der Stadt gesehen", sagt sie. " Die Tour zeigt so viele verschiedene Ecken, fast wie ein Dokumentarfilm - nur in echt."

Johannesburg ist die Stadt mit den meisten Überfällen in Südafrika und gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt. Die Mordrate liegt bei 30,6 pro 100.000 Einwohner - in Berlin sind es nur 3,5. "Manche Leute trauen sich nicht, hier aus dem Bus auszusteigen", sagt Benjamin. "Dabei braucht eigentlich niemand Angst zu haben."

"Wir sind uns der Gefahr bewusst"

Die Tour sei völlig sicher, sagt Xolisa Qola von der Betreiberfirma Citysightseeing Südafrika. Es gibt vier Kameras in den Fahrzeugen, die Busse würden 24 Stunden von der Zentrale aus überwacht. Neben dem Fahrer ist immer ein weiterer Mitarbeiter im Bus. Außerdem sei das Unternehmen mit dem Sicherheitssystem der Stadt vernetzt. "Wir sind uns der Gefahr bewusst, Johannesburg ist anders als andere Städte", sagt Qole. "Aber wir tun sehr viel für die Sicherheit."

Johannesburgs Stadtverwaltung versucht, mit Initiativen wie Videoüberwachung und Patrouillen die Innenstadt sicherer zu machen. Die neue Citytour ist Teil des Vorhabens, sie soll mehr Besucher anlocken.

Bislang fahren die meisten Südafrika-Touristen lieber nach Kapstadt und in den Krüger-Nationalpark. Dabei habe auch "Jo'burg" seinen Reiz und seine Vielfalt, findet Qola. "Das wollen wir mit der Tour zeigen." Die Rundfahrt führt nicht nur durch die Innenstadt, sondern bis hinaus in die Vorstädte. Sie streift den Südwestrand, die nobleren Viertel im Norden, vorbei an einer Pferderennbahn und führt hinaus auf die Stadtautobahn.

Von dort öffnet sich die Skyline. Links der Fahrbahn liegen die alten Goldminen und Berge abgetragener Erde. Rechts in der Ferne die Hochhäuser. Die Abfahrt führt an leeren Lagerhallen vorbei und unter Brücken hindurch, an deren Pfeilern Obdachlose lehnen. Ein Juwel des Tourismus sieht anders aus.

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Fläche: 1.219.000 km²

Bevölkerung: 50,492 Mio.

Hauptstadt: Pretoria

Staats- und Regierungschef: Jacob Zuma

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