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Tanger in Marokko: Tanz auf der Rasierklinge

Von Erich Follath

Von Ibn Battuta über Jack Kerouac bis William Burroughs: Tanger war immer schon Sehnsuchtsort der großen Abenteurer. Heute ist die Stadt ein Geheimtipp für Individualtouristen.

Tanger in Marokko: Treffpunkt der Kreativen Fotos
Corbis

Immerhin, den Flughafen haben die lokalen Politiker nach Ibn Battuta benannt. Und auch eine der alten rostigen Fähren heißt so, die Reisende über die Straße von Gibraltar transportiert und unten am Hafen ausspucken.

Doch wer heute im marokkanischen Tanger nach dem Grabmal des berühmtesten Sohns der Stadt fragt, der erlebt nur Schulterzucken und muss sich mit vagen Hinweisen begnügen: Vielleicht dort drüben, eine der verwinkelten Gassen die Medina hinauf. Oder nein, eher links vom Petit Socco, dem Altstadtplatz mit den idyllischen Teestuben. Dort, wo sich der Zitronenduft aus dem Garten des Sultanpalasts mit dem Geruch der Märkte mischt, auf denen korpulente Bäuerinnen in bunten Wickelröcken lautstark Koriander, Grenadine und geflochtene Körbe anpreisen.

Die Suche ist auch ein Genuss, denn das Sichverirren, Sichverlieren gehört zu den schönsten Erlebnissen an diesem Ort. "Marrakesch und die Strände von Agadir sind bei den Deutschen beliebter", sagt mein Freund Yussuf, Journalist beim "Journal de Tanger", der hiesigen Tageszeitung. "Aber Tanger ist für Abenteuerlustige, die etwas entdecken wollen, viel interessanter."

Hinter irgendeiner Abbiegung weist ein kleines Emailleschild zum "Tombeau". Und irgendwie passt es zu diesem verwunschenen Platz, dass das winzige, weiß getünchte Grabmal verschlossen ist und der Torwächter, nach langwierigen Verhandlungen mit den Nachbarn herbeigeholt, dann wie ein Gespenst daherschlurft, einen riesigen Schlüsselbund in der Hand. Mit seltsam leeren Augen öffnet er das Tor, zeigt auf den mit grünem Tuch und Koranversen verzierten Sarg in der Mitte des schmucklosen Raums: Ein Blinder überwacht die letzte Ruhestätte des Rastlosen, des wohl größten Globetrotters aller Zeiten.

Von Marokko auf Weltreise

Der Berbersohn Ibn Battuta hat es im 14. Jahrhundert über Damaskus, Mekka und Samarkand bis zu den Malediven und nach China geschafft; er überquerte zu Fuß hohe Bergpässe, zog auf dem Rücken von Kamelen durch Wüsten und überstand schlimme Ozeanstürme. Etwa 120.000 Kilometer hat er zurückgelegt, eine dreimal längere Strecke als der Venezianer Marco Polo. Ausgangs- und Endpunkt: sein Tanger.

Ein Ort zwischen den Welten, jenseits aller Grenzen - von den legendären Ursprüngen an bis in die Neuzeit. Herkules soll ihn gegründet haben, der stärkste Mann der Welt hat angeblich Berge versetzt, um hier eine Passage zwischen Mittelmeer und Atlantik zu schaffen. Der griechische Philosoph Platon pries ihn, die kriegerischen Nachfahren des Propheten eroberten ihn für den Islam.

Später tummelten sich dann die Kolonialherren in Tanger, ab 1923 richteten europäische Mächte und die USA hier eine internationale Zone ein, steuerfrei und militärisch neutral. Erst 1956 verlor Tanger diesen besonderen Status und wurde Teil des Königreichs Marokko. Da galt es schon als eine Stadt wie im Rausch, als Spielplatz für Spione und Glücksritter und Kreative aller Couleur, als traumhaft schön - aber immer am Rande des Irrsinns.

Die Partys waren legendär. Exzentriker wie die amerikanische Milliardenerbin Barbara Hutton (für deren Rolls-Royces wurden sogar Straßen erweitert) und der nicht minder betuchte Landsmann Malcolm Forbes baten in ihren Villen zu ausschweifenden Feten mit allen sexuellen Spielarten, Hasch und Heroin gab es an jeder Straßenecke zu Spottpreisen. Aber neben diesen Exzessen pflegten in Tanger geniale Freigeister eben auch ihre unbändige künstlerische Neugier, den tabulosen Gedankenaustausch.

Absturz in der Villa Delirium

Der große Reiseschriftsteller Jack Kerouac, sonst obsessiv "On the Road", zog für Monate hierher, kiffte ausgiebig und bestellte sich regelmäßig verschleierte muslimische Prostituierte aufs Zimmer. Jean Genet und Patricia Highsmith, David Bowie und Mick Jagger ließen sich von der lässigen, lasziven Atmosphäre inspirieren. Tanger-Dauergäste wie Paul Bowles ("Der Himmel über der Wüste") und William Burroughs ("Naked Lunch") schrieben hier ihre größten Werke, zelebrierten den morbiden Verfall, die experimentelle, existenzielle, egomanische Auseinandersetzung mit sich und der Welt.

Andere erlebten in billigen Absteigen wie der "Villa Delirium" ihren Totalabsturz, fielen Tangers permanentem Tanz auf der Rasierklinge zum Opfer. Auch der begnadete Exzentriker Brion Gysin, der hier eine "Traummaschine" erfand und den seltsamen "Apparat für die Produktion künstlerischer Sensationen" sogar patentieren ließ, starb früh. "Alles ist wahr und nichts ist verboten", schrieb Gysin verzweifelt-fasziniert über seine Schicksalsstadt.

Lange hat Tanger von seinem Ruf als Hochburg der Kreativen gezehrt. Doch dann geriet die Stadt ins Abseits, intellektuell wie ökonomisch. Marokkos König Hassan II., der von 1961 bis 1999 regierte und zunehmend jede Art von Opposition grausam unterdrückte, mochte die Stadt nicht und ließ sie im wahrsten Sinn des Wortes austrocknen. Mit der Thronbesteigung des damals 36-jährigen Mohammed VI. zog ein wenig frischer Wind ins Land. Der Monarch, der bis heute in Marokko herrscht, ist mit einer "Bürgerlichen" verheiratet und hat vorsichtige Schritte in Sachen Pluralismus und Frauenrechte veranlasst.

Direkte Kritik am König und seiner Verschwendungssucht - Mohammed VI. gilt als mehrfacher Milliardär, er besitzt in jeder größeren Stadt des Landes protzige Villen - bleibt aber streng verboten. Folter in den Gefängnissen ist nicht mehr der Normalfall, aber sie kommt durchaus vor.

Und dann ist da noch die Flüchtlingsproblematik: Unten am Hafen verdingen sich viele Schwarzafrikaner aus den Ländern südlich des Maghreb als Gelegenheitsarbeiter. Sie träumen ebenso wie die vielen einheimischen, jobsuchenden Jungakademiker von einem besseren Leben in Europa, am liebsten in Deutschland. Die meisten wissen, dass sie, sollten sie es denn bis dorthin schaffen, wieder in ihr "sicheres Herkunftsland" zurückgeschickt würden.

Fotostrecke

14  Bilder
Ein Tag in Tanger: Gassen, Grillfisch und Gewimmel
Musikfestivals und restaurierte Kinos

Die weiße Stadt an der Meerenge von Gibraltar erlebt derzeit ein Comeback, als Geheimtipp für Individualtouristen. In der Kasbah wurden alte Herrenhäuser zu romantischen Boutiquehotels umgebaut, ein Jazz-Festival lockt, und zumindest einige der verfallenden Kinos und Theater aus früheren Glanzzeiten werden restauriert.

Wer sich auf die Spuren von Battuta, Bowie und Burroughs begibt, findet aber auch einiges, das geradezu ziellos unverändert wirkt: die mittelalterlich anmutenden Koranschulen, die legendären Kiffer-Cafés wie das Hafa, die Kampftrinkerkneipen wie das Dean's. Und wer dann aus dem Dunkel wieder ins Freie tritt, den überwältigt das ganz besondere Licht dieser Stadt, der Farbkontrast und das Schattenspiel. Henri Matisse hat es so fasziniert, dass er Farben und Formen immer wieder, wie besessen, auf seine Leinwand bannte.

Die Muezzins und die Kirchenglocken rufen fast gleichzeitig und fast gleich laut die Gläubigen zum Gebet, auch eine Synagoge ist noch aktiv - ungewöhnlich für ein vom Islam geprägtes Land, dessen Herrscher sich seiner direkten Abstammung zum Propheten rühmt. Aber diese Stadt hat sich seit jeher allen Konventionen entzogen, jeder Definition, jedem absoluten Besitzanspruch.

Ibn Battuta, Globetrotter des Mittelalters, hat sich gegen Ende seiner Weltreise immer mehr nach dem Zuhause gesehnt: "Nichts ist so schön wie meine Heimat", schrieb er in seinem Reisebuch. Burroughs, Idol der Beat Generation, hat Tanger "Interzone" genannt - und das trifft es vielleicht am besten: ein Zwischenreich zwischen Okzident und Orient, Phantasie und Wirklichkeit, Glück und Verzweiflung.

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Zum Autor
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    Erich Follath ist langjähriger Diplomatischer Korrespondent des SPIEGEL