Teheran Die verbotene Stadt

2. Teil: Flirt-Treff in der Waschanlage


Man erkennt in Teheran schnell, dass die offiziellen Lebensmaximen nicht mit dem Alltag der Menschen übereinstimmen. Manchmal kam mir die Stadt wie eine unterhöhlte Festung vor: Kaum ein Gesetz, das nicht untergraben, kein Verbot, das nicht umgangen wird. Illegal, halblegal und manchmal auch nur mit Hilfe absurd-charmanter Tricks: Einen Nachmittag verbrachte ich in einer Waschanlage – einem Flirt-Treff junger Teheraner. In einem ehemaligen Wärterhäuschen am Eingang lagen illegal gebrannte CDs und Filme in der Auslage, auf der Bank davor saßen Autobesitzer und warteten darauf, dass ihre Fahrzeuge gewaschen wurden.

Sie schoben ihre Sonnenbrille vom Nasenrücken in die Haare und wieder zurück und begannen irgendwann, mit den elegant gekleideten Mädchen zu sprechen, die zwar kein Auto besaßen, sich aber dennoch ganz selbstverständlich in der Waschanlage aufhielten. Geflirtet wurde an diesem Nachmittag aber verhaltener, als es sonst der Fall sein soll. Vermutlich lag es an mir, dem Europäer ohne Auto, der unermüdlich Kaffee trank.

Ohnehin herrschte unter den Jugendlichen in Teheran eine erhöhte Wachsamkeit, da die Sittenpolizei in ihren grün-weiß gestreiften Fahrzeugen so häufig wie seit Jahren nicht kontrollierte. Ich lernte ein Mädchen kennen, das festgenommen worden war, weil es Stiefel getragen hatte. Auf der Polizeistation legten ihm die Beamten dann Bilder von Soldaten aus dem Iran-Irak-Krieg vor. "Diese Männer zogen mit Stiefeln an die Front!", schrien sie. "Und du gehst mit Stiefeln spazieren!"

Auf ihrem Mobiltelefon zeigte mir das Mädchen auch einen kurzen Film, den sich seit einigen Wochen Jugendliche untereinander zuschickten. Es war eine Szene, in der eine junge Iranerin auf eine Sittenwächterin einschlägt und anschließend in ein Taxi steigt. Etwas später entdeckte ich diesen Clip auch im Internet, wo längst die lebendigste Untergrund-Kultur Teherans zu finden ist. In fast keinem Land gibt es mehr anonyme Blogs als im Iran, mehrere tausend Seiten sind es, die sich mit Politik oder Frauenrechten beschäftigen oder manchmal auch nur vom Stress mit den Eltern handeln.

Die Generation Satellitenschüssel

Es ist die Welt einer neuen, jungen Generation, die vielleicht niemand so gut kennt wie Bozorgmehr Sharafedin, Chefredakteur des populärsten Jugendmagazins des Landes. Sharafedin saß an einem schmucklosen Schreibtisch in einem Raum, der mit seinen abgetrennten Arbeitsplätzen eher nach Telefonvermittlung als nach Redaktion aussah. Der Journalist, mit 25 Jahren noch selbst im Alter seiner Zielgruppe, bezeichnete seine Leser als "die dritte Generation".

Die erste Generation, erklärte er, "hat den Schah gestürzt, die Islamische Republik gegründet und dann mit der zweiten Generation im Iran-Irak-Krieg gekämpft". Die dritte sei mit Satellitenfernsehen und Internet aufgewachsen. "Sehen Sie!", sagte er, ging zum Fenster und zeigte auf die gegenüberliegenden Dächer. "Überall Satellitenschüsseln! Und wenn die Polizei sie entfernt, sind sie nächste Woche wieder da."

Die Lebenswelt der heutigen Jugendlichen sei eine völlig andere als die ihrer Eltern. Um diese neue Welt geht es jeden Monat in Sharafedins Magazin "Chelcheragh": um moderne Musik, um Jugendliche, die sich wegen ihrer Mobiltelefone verschulden, um Drogen. Denn auch die haben sich gewandelt, genau wie die Gründe der Sucht. Nicht aus Perspektivlosigkeit konsumieren inzwischen Tausende Jugendliche in Teheran billige Design-Drogen wie Crystal, sondern aus Langeweile. "Opium ist bei den Jugendlichen out. Geruchslose Drogen sind in, weil davon die Nachbarn nichts mitkriegen."

Lange erzählte Sharafedin noch von der dritten Generation. Über ihren Slang mit den zahlreichen westlichen Begriffen und über die unerlaubten Konzerte, von denen man erst kurz vor Beginn durch eine SMS erfährt. "Eigentlich führen die meisten Jugendlichen in Teheran zwei Leben: ein offizielles und ein privates", sagte der Chefredakteur. "Manchmal weiß man nur nicht, welches von beiden die Realität ist."

Picknick vor dem Chomeini-Mausoleum

Eine der verblüffendsten privaten – aber völlig legalen – Leidenschaften der Teheraner konnte ich jeden Tag beobachten: das Picknicken. Mit Decken und Schalen voller Obst zog es die Einwohner in die Berge oder die unzähligen Parks der Stadt. Einige Familien sah ich auf Verkehrsinseln sitzen, wie sie, den Strom von Autos ignorierend, auf einem kleinen Kocher Fleischspieße brieten. Sie saßen sogar vor dem Imam-Chomeini-Mausoleum, das ich mir als den stillsten und heiligsten Ort des Landes vorgestellt hatte. Stattdessen befanden sich an den Seiten des von vier Türmen eingerahmten Grabmals Souvenirstände und Saftverkäufer.

Ähnlich ging es im Inneren des Gebäudes zu, einem großen, von einer Kuppel gekrönten Raum. Kinder tollten herum, und Besucher redeten, schliefen auf den ausgelegten Teppichen oder filmten den in einem gläsernen Schrein stehenden Sarg des Revolutionsführers. Durch kleine Schlitze in den Wänden warfen Gläubige Geldscheine hinein, die sich an den Rändern sammelten wie gefallenes Laub.

An einem der Abende war ich auf der Geburtstagsfeier eines Schauspielers eingeladen, mit dem ich in einem Café ins Gespräch gekommen war. Der junge Mann hatte schon mehrere Animationsfilme illegal synchronisiert, weshalb er hin und wieder wie eine Figur aus "Findet Nemo" sprach. Wie viele ledige Teheraner, deren Einkommen nicht für die hohen Mieten reicht, lebte er mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung. Die Gäste waren etwa 20 Männer und Frauen. Schauspieler, Studenten, Grafiker.

Auch eine Schneiderin lernte ich kennen. "Was willst du in Teheran?", fragte sie, und ich antwortete, dass ich aus Neugierde gekommen sei. Sie blickte etwas ungläubig. Ob es mir gefalle? "Es ist nicht die schönste Stadt", antwortete ich, aber ich sei noch nie an einem Ort gewesen, an dem meine Vorstellung so weit von der Wirklichkeit entfernt lag. Das war die Wahrheit. Ich erzählte es während meines Aufenthaltes mehrmals, und fast immer war die Reaktion meiner Gesprächspartner gleich. Sie begannen zu lächeln, fast erleichtert. So, als hätte ich sie von einem Generalverdacht freigesprochen, der alle Teheraner zu dogmatischen Eiferern macht.

Durchgangsstation Teheran

In den nächsten Stunden tanzten wir zu Robbie Williams und Britney Spears, plauderten oder klatschten zu den Flamenco-Einlagen, die der Gastgeber auf seiner Gitarre gab. Es war eine gelöste, mich aber letztlich doch etwas betrüblich stimmende Atmosphäre. Denn Teheran wirkte an diesem Abend wie ein großer Durchgangsbahnhof. Niemand schien seine Stadt als dauerhafte Heimat zu empfinden. Fast jeder plante, irgendwann ins Ausland zu gehen. In die USA, nach Kanada, nach Europa. Manche nur auf Zeit, manche für immer.

Wie die Schneiderin, die bereits einige Jahre in Deutschland gelebt hatte und in zwei Monaten einen Antrag auf Asyl stellen wollte. Ihr Freund wusste davon noch nichts. Er sprach kein Deutsch, und während sie von ihrem Vorhaben erzählte, stand er daneben und nickte hin und wieder freundlich. Gegen ein Uhr endete die Party. Zum Abschied erhielt ich Wodka in einem kleinen Tetrapak, auf dem "Made in Germany" stand. Die Frauen legten sich wieder Kopftücher an, und jemand verteilte Pfefferminz-Kaugummis, falls uns die Polizei kontrollieren sollte. Dann quetschten wir uns zu sechst in ein Taxi.



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