Teheran Die verbotene Stadt

Weil offiziell fast nichts erlaubt ist, was vergnüglich sein könnte, suchen sich die Bewohner Teherans ihre Freiheiten in kleinen Nischen. Und so ist es keine Sehenswürdigkeit, die Autor Markus Wolff staunen lässt – sondern einfach der Alltag in Irans Hauptstadt.


Viele Touristen wurden offenbar nicht in Teheran erwartet – der Informationsschalter am Flughafen sollte der einzige bleiben, den ich während meines gesamten Aufenthalts sah. Dahinter saßen zwei in Schwarz gehüllte Frauen und verwalteten, was für die Zahl ausländischer Besucher zu reichen schien: zwei kleine Stapel Stadtpläne.

Am ersten Tag lief ich an den Zweckbauten des Zentrums entlang und musterte die Passanten vermutlich interessierter, als sie mich betrachteten. Stundenlang erkundete ich das schachbrettartige Netz breiter Straßen, das man Irans Hauptstadt im frühen 20. Jahrhundert übergeworfen hat. Längst können diese Straßen die Fahrzeuge der etwa 14 Millionen Einwohner des Einzugsgebiets nicht mehr fassen: War die Fahrbahn zweispurig, fuhren vier Autos nebeneinander, gab es vier Spuren, bahnten sich darauf acht ihren Weg; vorwiegend zerbeulte Schrottkarren. Kilometerlang verstopften sie die Hauptadern, und die verlässlichste Wettervorhersage für die Stadt heißt: Smog. Eine Minute atmen, las ich, entspreche dem Schadstoffgehalt von neun Zigaretten. Das ist einer der Gründe, in Teheran den Mund nicht zu weit aufzumachen. Immerhin waren an diesem Tag die Hänge des nahen Elburs-Gebirges zu sehen, wenn auch nur matt braun, wie ein schwach entwickeltes Foto.

Rund 700 Höhenmeter liegen in Teheran zwischen der höchsten und der tiefsten Stelle. Das geografische Gefälle entspricht dem sozialen: Geschafft hat es, wer oben ist, und oben ist im Norden. Dorthin fuhr ich am nächsten Tag. Der Verkehr in den noblen Vierteln war, wie ich bald feststellte, allerdings genauso chaotisch wie im Zentrum, nur stand ich neben wertvolleren Autos im Stau.

Jeeps schoben sich neben mein Taxi, Mercedes, und einmal überholte uns rechts ein Rolls-Royce. Im Schritttempo ging es an den Boutiquen und Restaurants der Vali-ye-Asr entlang, dem bekanntesten Boulevard der Stadt.

Schon aus dem Autofensterwar zu sehen, dass es dem Mullah-Regime nicht gelungen ist, alle Freiheiten, die es vor der Revolution 1979 gegeben hatte, einzuschränken und die Stadt komplett zu islamisieren. Weiter als in den Vierteln der Wohlhabenden hat sich das gesellschaftliche Leben nirgends vom politischen entfernt: Die Männer auf den Gehsteigen trugen Gelfrisuren, die Frauen Make-up, zehenfreie Sandalen und farbige Kopftücher wie modische Accessoires.

Auffällig war die Zahl junger Menschen mit Nasenpflastern. Naiverweise führte ich das zunächst auf Unfälle im chaotischen Straßenverkehr zurück, bis mir Mehdi Rajavi* in einem Café des exklusiven Einkaufszentrums Tandis erklärte, solche Pflaster seien ein sicheres Indiz für den Besuch beim Schönheitschirurgen.

Für Alkohol hat fast jeder Teheraner seinen Dealer

Rajavi war in Teheran und Europa aufgewachsen, vor einigen Jahren zurückgekehrt und hatte mit Erfolg einen Catering-Service eröffnet. Inzwischen klingelt sein Telefon immer dann, wenn es für einen Empfang oder eine Feier nicht das Gewöhnliche, das islamisch Einwandfreie sein soll. Nicht die Buffets mit Kebab-Spießen und Tomatensalat, sondern mit Cognac abgeschmeckte Saucen, Kalbsfilet in Rotwein, Canapés mit Wildschweinwurst. Nur Alkohol wird nicht geliefert, dafür hat fast jeder Teheraner seinen eigenen Dealer. 18 Euro kostet eine Flasche "Absolut"-Wodka, 50 Euro eine Palette Bier, Champagner gibt es ab 70 Euro aufwärts. Bestellt werde telefonisch, erzählte Rajavi, und längst nicht mehr mit blumigen Phrasen wie "Meine Kuh gibt keine Milch mehr". Er lächelte.

Die Kunden Rajavis leben fast ausschließlich im Norden, es sind Grundstücksspekulanten mit goldenen Bestecken oder Sitzgarnituren aus Krokodilleder. Bauunternehmer, Importeure, Exporteure. Diejenigen, die in Teheran ein Vermögen gemacht haben, aber kaum eine Chance besitzen, es im Land auszugeben. Zur Zeit des Schahs war das noch anders, als die Stadt Kinos, Bordelle und Tanzlokale besaß und die Lãlehzãr-Straße im Süden einer orientalischen Reeperbahn glich.

Inzwischen kommen dort nur noch Kunden von Elektrogeschäften auf ihre Kosten. Weil Bars und Diskotheken fehlen, wird nun das Geld für Partys verprasst. Erst kürzlich hatte Rajavi für 15 Personen zwei Kilo iranischen Kaviar geliefert. Schwarzmarktpreis: 7000 Euro. Allerdings kamen weniger Gäste als erwartet, die Hälfte des Kaviars blieb übrig. Die warf der Gastgeber in den Müll. "Es ist nicht der Reichtum, der mich an dieser Stadt überrascht", sagte Rajavi, "es ist die Maßlosigkeit."

Wer Geld für sie hat, wohnt meist hinter unscheinbaren, bewachsenen Mauern, wie Jasmin Sadeghi*, eine etwa 40-jährige Frau aus traditionsreicher Familie. Erst am Vortag war die Iranerin von einem Kurzaufenthalt in ihrem Apartment an der Côte d’Azur zurückgekehrt. Sie trug offenes Haar, hochhackige, schwarze Schuhe und ein kurzes, rotes Kleid mit Spaghettiträgern, die ständig über die Schultern rutschten. "Möchten Sie einen Nachmittagsdrink?", fragte sie.

"Ich fürchte einen Bürgerkrieg mehr"

Nachdem der indische Diener die Getränke serviert hatte, setzten wir uns auf die Veranda mit Blick auf den Pool. Über das Leben in Teheran sprach Frau Sadeghi mit der Offenheit vieler Nordteheraner, die ihr Selbstbewusstsein Geld, Beziehungen oder einer doppelten Staatsangehörigkeit verdanken. Sie kritisierte die Mullahs und Präsident Ahmadinedschad, an dem sie weniger seine Politik als seine Unkultiviertheit störte, und zeigte anschließend auf ihrem Laptop Fotos von Freunden.

Fröhliche, unverschleierte Menschen waren darauf zu sehen, und wenn man Frau Sadeghi erzählen hörte, entstand der Eindruck, das Anlegen des Kopftuchs und gelegentliches Schmiergeld für Polizisten, die bei größeren Partys früher oder später erscheinen, seien die einzigen Unannehmlichkeiten im Leben einer Teheranerin.

Einige Stunden saßen wir auf der Veranda, und der Diener schenkte mehrfach nach. Ob sie keine Angst habe, dass ein Krieg eines Tages ihren Besitz gefährden könne, fragte ich irgendwann. Da schwand augenblicklich die Heiterkeit meiner Gastgeberin. "Ich habe keine Angst vor einem Krieg mit den Amerikanern", antwortete sie. "Ich fürchte einen Bürgerkrieg mehr."

Die Kluft zwischen Arm und Reich werde immer größer, und vor allem die Jugendlichen besäßen nur noch wenige Werte. "Aber wie sollte es auch anders sein? Von Geburt an lernen sie, Gesetze zu umgehen." Als Mutter bringe sie ihrem eigenen Sohn das Lügen bei. "Ich sage ihm: Wenn dich jemand in der Schule fragt, ob wir Alkohol zu Hause haben, dann antwortest du: 'Nein!' Und das ist nur eine Lüge von vielen."



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