Thaipusam in Singapur Fest der Schmerzen

Die Haken stecken in Rücken, Brust und Zunge, auf den Schultern ruhen 60 Kilo Stahl, Pfauenfedern und Blumen - um Lord Murugas Gunst zu gewinnen, ist voller Körpereinsatz gefragt. Das Thaipusam-Fest in Singapur gilt als das größte hinduistische Fest außerhalb des indischen Subkontinents.


Leidentour: Durch wochenlange Askese erreichen die Läufer einen Geisteszustand, in dem sie Schmerzen gut aushalten können
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Leidentour: Durch wochenlange Askese erreichen die Läufer einen Geisteszustand, in dem sie Schmerzen gut aushalten können

Singapur - Wenn die kleinen Metallhaken und Spieße in seine Brust eindringen, holt Prakash zischend Luft. Irgendwie bewältigt er die Schmerzen, er stiert und wirkt nach innen gekehrt. Sechs Wochen lang hat sich der 24-jährige Hindu auf das Thaipusam-Fest vorbereitet. Er hat auf Sex, Alkohol, Zigaretten und Fleisch verzichtet und nur einmal am Tag gegessen. Und wie Hunderte andere ist Prakash an diesem Morgen in den Tempel Sri Srinivasa Perumal im indischen Viertel von Singapur gekommen, um sein Gelöbnis zu erfüllen.

Er ist hier, um Lord Muruga - Sohn der hinduistischen Obergötter Shiva und Parvathi, sechsgesichtige Gottheit des Heldenmutes und gnädiger Erfüller von Wünschen - seine Dankbarkeit zu zeigen: "Ich wollte studieren und einen guten Job. Alles hat geklappt", erklärt er auf Singlish - der typisch Singapurer Mischung aus Englisch und Malaiisch. Mit Gebeten und Geschenken - Honig, Milch und Blumen - ist es aber nicht getan: Um Murugas Gunst zu gewinnen, ist nach Ansicht vieler Hindus voller Körpereinsatz gefragt. "Das ist das Höchste, was man Gott geben kann: den Schmerz", sagt Prakash. "So haben es uns die Eltern beigebracht. Das ist Tradition."

Universelles Fest, um Danke zu sagen

Wenn im Monat Thai, dem zehnten des hinduistischen Kalenders, der Stern Pusam am Himmel steht und Vollmond ist, feiern Millionen Tamilisch sprechende Hindus in Südindien und Sri Lanka Thaipusam, im Jahr 2005 am 25. Januar. Nirgendwo wird dieses religiöse Volksfest, dessen Ursprünge rund 2000 Jahre zurückliegen, so spektakulär gefeiert wie bei den Exil-Indern in Malaysia und im Stadtstaat Singapur, wo es als das größte hinduistische Fest außerhalb des indischen Subkontinents gilt.

Helfer durchstechen mit Stahlhaken die Haut der Läufer: "Vergnügen, keine Qual"
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Helfer durchstechen mit Stahlhaken die Haut der Läufer: "Vergnügen, keine Qual"

"Thaipusam ist hier zu einem universellen Fest geworden, um Danke zu sagen", erklärt Uma Rajan, Ärztin und engagiertes Mitglied der indischen Gemeinde. Inzwischen beteiligen sich sogar Nicht-Hindus - vor allem junge Männer - an den Ritualen.

Im Hinterhof des Tempels Sri Srinivasa Perumal bereiten sich unter aufgebauten Zelten die Devotees - die sich Hingebenden - vor. Umringt von Frauen und Kindern stehen die Devotees, die mit ihren nackten Oberkörpern und den weit geschnittenen, meist safrangelben Stoffhosen jedem Hollywood-Flaschengeist zur Ehre gereichen, geistesabwesend, aber ansprechbar inmitten einer lauten, farbenfroh gekleideten Masse.

Lautsprecherdurchsagen mischen sich mit indischer Religionsmusik: Trommeln, Rasseln, Schlangenbeschwörerflöten und Klatschen verquirlen in schnellem Rhythmus zu einer exotischen Symphonie, die die Sinne betört - und den Devotees vielleicht auch die Schmerzen lindert.

Geschmückt mit Pfauenfedern, Blumen und Götterbildern

Männer lassen sich von Freunden Stahlhaken an Brust und Rücken durch die Haut treiben. Auf manche werden Orangen und Zitronen gesteckt, an andere Milch in Tetra-Pak-Tüten gehängt. Die Männer wollen mit ihren Gaben von hier über die Seragoon Road und vier weitere Straßen bis zum rund drei Kilometer entfernten Sri-Thendayuthapani-Tempel laufen, denn dort ist Muruga zu Hause, dort befindet sich der ihm gewidmete Schrein.

Thaipusam-Sandalen mit einem Nagelfußbett: Für 230 Singapur-Dollar (rund 105 Euro) in den Shops von Little India zu haben
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Thaipusam-Sandalen mit einem Nagelfußbett: Für 230 Singapur-Dollar (rund 105 Euro) in den Shops von Little India zu haben

Einige lassen sich sogar hölzernere Bollerwagen an die Haken in ihrer Haut hängen, um Statuen und Bilder hinduistischer Gottheiten zum Sri-Thendayuthapani-Tempel zu ziehen. Auch Prakash wird gleich zu seiner rund anderthalbstündigen Leidenstour durch die Stadt aufbrechen: Freunde setzen ihm einen Kavadi - ein bis zu 60 Kilo schweres Metallgestell mit weit ausladenen Bögen - auf die Schultern. Sie schnallen es fest und drücken dünne Verstrebungen, die an Fahrradspeichen erinnern, in Prakashs Haut.

Die Bögen des Kavadi sind mit Pfauenfedern, Blumen und Götterbildern geschmückt. Schließlich werden ihm durch Wangen, Lippen und Zunge schmale Spieße gesteckt - waagerecht und senkrecht, so dass sie sich im Mund kreuzen. Blut fließt dabei seltsamerweise kaum. Dann begibt sich Prakash mit langsamen, wackeligen Schritten auf die Strecke, die wie bei einem Stadtmarathon mit rot-weißen Plastikbändern und Absperrgittern dem Berufsverkehr abgerungen wurde.

Milch für Muruga

Thaipusam ist sicherlich der spektakuläre Höhepunkt des Feiertagskalenders in Singapur. Doch in einem Vielvölkerstaat, in dem noch vor Indern hauptsächlich Malaien und Chinesen leben, die sich als Moslems, Buddhisten, Hindus oder Christen zudem noch an eigenen Kalendern orientieren, ist es nur ein Fest unter vielen.

Der Reigen der jährlichen Feiertage beginnt mit Neujahr, von dem es auch eine chinesische und eine hinduistische Variante im Februar und im April/Mai gibt. Es folgen Feste wie das chinesische Mondkuchen-Festival, der buddhistische Geburtstag des Affengottes Hanuman oder auch Ramadan und sogar Weihnachten.

Die Kavadis werden mit Speichen in der Haut der Läufer verankert: "Das Höchste, was man Gott geben kann: den Schmerz"
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Die Kavadis werden mit Speichen in der Haut der Läufer verankert: "Das Höchste, was man Gott geben kann: den Schmerz"

Vor den Treppen zum Sri-Thendayuthapani-Tempel - dem Ziel der Prozession - stauen sich die Läufer. Manchem ist jetzt die Last der schweren Kavadis deutlich anzusehen. Begleiter träufeln Wasser in die mit gekreuzten Spießen verschlossenen Münder. Andere wirken fit: Im Tempel drehen sie Pirouetten und tanzen zur Musik. Die an Gelenken befestigten Pfauenfedern wippen im Takt.

Die mitgebrachten Milchtüten werden im Tempel Helfern übergeben, die sie öffnen und in einen großen Trichter schütten. Von dort läuft die weiße Flüssigkeit - ein Symbol für Reinheit - in den Schrein Murugas. Aus einem kleinen Rohr hinter dem Schrein fließt der Milchstrom wieder heraus, um dann in einem Gully zu versickern.

Auf einer Wiese neben dem Tempel werden die Devotees von ihrer Last befreit: Die Wunden werden sofort nach dem Entfernen der Haken mit Asche betupft. Wieder fließt kaum Blut. Ein älterer Mann zieht, kurz nachdem ihm die Spieße aus der Zunge und den Mundwinkeln gezogen wurden, gelöst Bilanz: "Es war ein Vergnügen, keine Qual."

Von Arnd Petry, gms



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