Tsukiji in Tokio Der größte Fischmarkt der Welt zieht um

Meeresgetier für Millionen Euro ging hier täglich über die Tresen: Der Tsukiji in Tokio, der größte Fischmarkt der Welt, schließt nach 83 Jahren und zieht um. Eine Ära endet, der neue Standort überzeugt nur wenige.

Bernhard Krieger / TMN

Am Freitag fand die letzte Auktion im Tsukiji-Markt statt. Zum letzten Mal wurden in den Hallen im Tokioter Bezirk Chuo am frühen Morgen Thunfische, Barrakudas, Muscheln und Oktopusse verkauft. Nach 83 Jahren am selben Ort zieht der größte Fischmarkt der Welt um in hochmoderne Gebäude im Stadtteil Toyosu auf einem im Meer aufgeschütteten Gelände.

Innerhalb von fünf Tagen beziehen die etwa 900 Händler, die täglich 480 Arten von Meerestieren im Wert von zwölf Millionen Euro verkaufen, das neue Quartier direkt am Wasser. Am 11. Oktober wird in dem Komplex zum ersten Mal der Hammer fallen.

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Tokios Wahrzeichen: Der Fischmarkt zieht um

Viele Händler nehmen schweren Herzens Abschied: Mehr als 80 Prozent sind gegen den Umzug, wie die Umfrage von Toyosu-Gegnern ergab. "Ich fühle mich zerrissen", sagt Takako Arai der Nachrichtenagentur Reuters, "ich bin hier aufgewachsen. Wir verlieren so viel unserer Geschichte, wenn wir diesen Platz verlassen." Als Kind spielte sie mit ihrem Bruder in dem Labyrinth des Fischmarktes Verstecken, heute betreibt die 45-Jährige den Verkaufstand ihrer Familie.

Wie viele andere befürchtet auch Arai, dass ihre Kunden den etwa zwei Kilometer weiten Weg nach Toyosu nicht unternehmen werden. "Sie sagen, dass sie in Märkten kaufen werden, die näher an ihren Restaurants liegen," sagt sie. "Was soll ich dazu sagen? Das sind auch Geschäftsleute." Vergangenen Samstag versammelten sich etwa 300 Händler und Aktivisten in Tsukiji: "Toyosu No No No", sangen sie und schwenkten Banner mit "Stoppt den Umzug".

"Wir haben letztendlich Tsukiji zu einer berühmten Marke gemacht, und nun versuchen sie, das zu zerstören", sagt Kiyoshi Kimura, der eine der größten japanischen Sushi-Restaurant-Ketten, das Sushizanmai, betreibt. Vor 17 Jahren eröffnete sein erstes Geschäft in dem Markt, 2013 kaufte er einen Thunfisch für 1,4 Millionen Euro - einer jener Rekordpreise, die Touristen anziehen und den Markt zu einer Sehenswürdigkeit der Stadt gemacht haben.

Paradies der Ratten

Vor 17 Jahren kam der Plan auf, dem Tokioter Fischmarkt eine modernes Gebäude zu gönnen. Seitdem wurde er immer wieder verschoben. Die Behörden halten Tsukijis Hallen und Gänge für baufällig und unhygienisch. Eines der Probleme beim Umzug werden auch die Tausenden Ratten sein, die bisher gut in den Kanälen leben konnten. "Sobald sie merken, dass etwas Ungewöhnliches passiert, werden sie sich massenweise in Bewegung setzen", sagt der Beamte, der dort die Rattenbekämpfung leitet.

Damit die Tiere nicht in die edlen Boutiquen und Luxusrestaurants des benachbarten Ausgehviertels Ginza einfallen, wird die Kanalisation verschlossen und drei Meter hohe Stahlwände werden vor dem Abriss der Gebäude hochgezogen. Innerhalb dieser Festung rücken die Jäger den Tieren mit 40.000 Klebefallen und 300 Kilogramm Gift zu Leibe. "Das ist beängstigend", sagt der Inhaber eines Restaurants. "Manche Nachbarn füttern bereits die Straßenkatzen zur Verteidigung."

Vor zwei Jahren wurden die Umzugspläne konkret. Schon im November 2016 sollte der neue Standort eröffnet werden, um mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio Platz zu schaffen für neue Häuser und breite Straßen. Doch der Umzug in die bereits fertiggestellten Großmarkthallen verzögerte sich, da der Untergrund des Grundstücks in Toyosu trotz Sanierungsarbeiten hochgradig mit Umweltgiften wie Benzol und Arsen verseucht war.

Weitere Abdichtungsarbeiten und Gutachten folgten, bis Tokios Gouverneurin Yuriko Koike im vergangenen Juli das Gelände für sicher erklärte. Die Hängepartie um die Zukunft des Marktes erschwerte die Baupläne für die Olympischen Spiele. Hinzu kamen die hohen Kosten. Nicht nur die Stadt hatte Gelder in die neuen Hallen in Toyosu investiert, sondern auch viele der Händler. Dennoch bleiben viele von ihnen skeptisch, ob die Gifte, die eine Gasfabrik an dieser Stelle hinterlassen hat, restlos entfernt sind.

Tsukiji wird Themenpark rund ums Essen

Auch wenn die Seeaale künftig in Becken in Toyosu schwimmen, der Auktionär nicht mehr im Viertel Ginza seine Stimme erhebt - der sogenannte äußere Markt von Tsukiji bleibt am alten Standort. Dort liegen Hunderte Geschäfte und Restaurants - darunter Haushaltswarenläden, die handgeschmiedete Messer anbieten. Innerhalb von fünf Jahren soll dieser Teil als Touristenort neu entwickelt und zu einem Markt mit einem "Themen-Park" rund ums Essen werden.

Für Touristen hat der neue Markt in Toyosu, der zunächst kein besonderes Flair ausstrahlt, aber auch einen Vorteil: Bisher musste, wer eine der berühmten Thunfisch-Auktionen um 4.30 Uhr beobachten will, schon um zwei Uhr in der Warteschlange stehen. Damit Besucher den Händlern nicht in die Quere kamen, war ihre Zahl auf 120 begrenzt, der Einlass mit kostenlosen Tickets reguliert. Jetzt haben die drei Gebäude Aussichtsplattformen, von denen eine größere Zahl Touristen das einstündige Spektakel von oben verfolgen kann.

abl/AFP/Reuters

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jsavdf 06.10.2018
1. Der eigentliche Markt
ist für Touristen eh tabu. Da sollte man erst nach dem Ende der Auktionen reingehen und dann sich auch möglichst ruhig verhalten. Ich finde das auch Ok, da wird hart gearbeitet. Die Restaurants um den Markt herum sind normale Restaurants. Sowieso brauch man nicht auf den Markt gehen um frischen Fisch zu bekommen. Jedes halbwegs gute Restaurant in Japan hat täglich frischen Fisch. Und ja das Essen ist der Wahnsinn dort, da würde ich auch freiwillig 100 Jahre alt werden und nicht einen Tag auf den guten Fisch verzichten.
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