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08. Januar 2009, 15:51 Uhr

Tourismus-Archiv vor dem Aus

Auf den Spuren der Reiselust

Forscherberichte von einer Italienreise und Urlaubsprospekte aus der Nazizeit: Das Tourismus-Archiv des Berliner Willy-Scharnow-Instituts versammelt unzählige Dokumente über die Reiselust der Deutschen. Jetzt fürchtet Leiter Hasso Spode das Aus für seine Schätze.

Berlin - Bunte Werbebroschüren aus der Nazizeit, das erste Heilbäderverzeichnis Deutschlands und uralte Reiseführer aus fernen Ländern: Im Archiv des Willy-Scharnow-Instituts für Tourismus an der Freien Universität Berlin lagern unglaubliche Schätze. 400 Regalmeter sind vollgestopft mit Büchern, Studien, rund 50.000 Prospekten und anderen Schriftstücken rund um das Thema Tourismus.

Hasso Spode, Leiter des Tourismusarchivs: Im September wird das Institut geschlossen
DPA

Hasso Spode, Leiter des Tourismusarchivs: Im September wird das Institut geschlossen

"Es ist ein einzigartiges Archiv, das es in Europa in dieser Form nicht noch einmal gibt", sagt der Tourismusforscher und Leiter des Archivs, Hasso Spode. Doch das könnte schon bald Vergangenheit sein. Schließlich wird das Institut in einigen Monaten geschlossen. Damit ist auch das Archiv vom Aus bedroht. Noch ist unklar, was mit ihm passieren soll.

Von außen lässt das Gebäude nicht erahnen, was sich in seinem Inneren verbirgt: Modernisierte, eher nüchterne Fassaden repräsentieren den Unibau an der Malteserstraße im beschaulichen Lankwitz. In einer ehemaligen Tischtennishalle im Erdgeschoss jedoch, hinter hellbeigen Türen, können die Besucher zumindest gedanklich weit weg reisen.

Ordentlich sortierte Baedecker-Reiseführer aus dem 19. Jahrhundert beispielsweise geben Tipps für Trips ins europäische Ausland, ein ugandischer Werbeprospekt aus dem Jahr 1954 lockt mit exotisch anmutenden Schwarz-Weiß-Bildern, und Walt Disneys Buch "Geheimnisvolle Steppe" stellt wilde Tiere vor.

Feldforschung in Italien

Dagegen wirken die losen Papiere, die am Rand des Raums gestapelt liegen, trist und wenig aufregend. Doch dieser erste Eindruck täuscht. Immerhin verbergen sich dort die Anfänge der touristischen Forschung: soziologische Studien aus den fünfziger Jahren, die so bizarre Titel tragen wie "Beobachtung eines Psychologen-Ehepaares während einer Gesellschaftsrundreise durch Italien".

Was darin steht, wirkt aus heutiger Sicht komisch, war damals jedoch ernsthaft betriebene Feldforschung. Zum einen wird dort akribisch festgehalten, wie viele Stunden die Touristen in Kirchen, Museen und am Strand verbrachten. Zum anderen versuchen Beschreibungen den Reiz am Reisen zu ergründen - was nicht immer leicht erschien, wie zu lesen ist: "Fast alle Teilnehmer stöhnen unter den Strapazen der Reise: Die langen beschwerlichen Busfahrten in der glühenden Sonne, die zahlreichen Besichtigungen und Führungen ohne ausreichende Erholungspausen, das frühe Aufstehen nach oft viel zu kurzer Nachtruhe gibt Anlass zu Klagen."

Alle diese, seit Jahrzehnten gesammelten Unterlagen hat Hasso Spode mit einigen Mitarbeitern akribisch sortiert und für Tourismusforscher aus der ganzen Welt zugänglich gemacht. Seit 1986 gab es zahlreiche Untersuchungen, darunter zum Reiseverhalten der DDR-Bürger, den Angeboten der Nationalsozialisten und der Frage, warum Menschen überhaupt reisen.

"Tourismus ist ein Spiegelbild der Gesellschaft"

Dafür fehlt aber nun das Geld. Der Akademische Senat der Freien Universität beschloss im April, das Institut zum 30. September 2009 zu schließen. Wie ein Sprecher erklärt, lag das auch daran, dass die Willy-Scharnow-Stiftung für Touristik in Frankfurt am Main ihre Zuschüsse stark gekürzt hat. Schon jetzt werden laut Tourismusforscher Spode keine Studenten mehr aufgenommen, da sie ihr Studium gar nicht mehr beenden könnten.

Spode, der noch an der Hochschule in Hannover lehrt, macht sich nun große Sorgen um die Zukunft seines Archivs. Er befürchtet, dass es aufgelöst und seine Schätze nach und nach in Antiquariaten landen könnten. "Das wäre ein Drama", sagt Spode. Nicht nur wegen der Sammlung. "Tourismus ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, man kann an ihm viele politische und sozialhistorische Aspekte ablesen", findet der 57-Jährige. Ohne ein zentrales Archiv wäre das jedoch ziemlich schwierig.

Von Aliki Nassoufis, dpa

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