Trendsport "Buildern" Münchens Stadtkletterer gehen steil

Verkehrsschilder statt Edelweiß, Mauern statt Steilwand: In München suchen Kletterer nach Routen in der Stadt - und machen Gebäude und Brücken zu ihrem Abenteuerspielplatz. Doch der neue Sport findet in einer rechtlichen Grauzone statt.

Marco Kost

Von Agnes Fazekas


Benny steht unter der Schiffsschraube vor dem Deutschen Museum. Die Sonntagmittagssonne wärmt die Rotorblätter, die sich einst als Antrieb eines Schnelldampfers durch Wassermassen schlugen. Hinter ihm rauschen Autos und Isar. Hunderte von Münchnern und Touristen radeln vorbei, schieben Kinderwägen oder flanieren. Benny will da hoch - auf die Schraube.

Nicht irgendwie, das wäre kein Problem für ihn. "Ich will endlich den Mantle über die Schraube schaffen", sagt er. Ein "Mantle" ist ungefähr die Bewegung, die ein Schwimmer macht, wenn er sich ohne Treppe aus dem Becken hievt. Kletterer nennen so oft den Abschlusszug einer Route, mit dem sie sich auf das Plateau eines Felsblocks oder Sims stützen. Benny ist 15 Jahre alt und als Wettkampfkletterer eigentlich in den Hallen des Deutschen Alpenvereins zu Hause - oder lieber noch: an den Granitblöcken des Zillertals.

Aber seit einiger Zeit zieht es ihn mit seinen Kumpels Martin und Clément immer wieder in die Stadt. Zum Bouldern, das ist Klettern in Absprunghöhe, ohne Seil. Die drei Münchner benutzen den Begriff in abgewandelter Form: Sie "buildern". So nennen sie das spielerische Trainieren an "Buildings", Mauern, Fassaden, Treppen, Säulen - oder einer Schiffsschraube mitten in der Stadt.

Während Benny seine Beine mit den engen Kletterschuhen um den Propeller schlingt, mit dem Gummi der Fersen Halt an riesigen Muttern sucht, seinen Körper mit rotem Kopf um die Schraube windet, guckt Clément unruhig über die Schulter, aber der Einzige, den Bennys athletische Übung interessiert, ist ein Obdachloser: "Da traut's ihr Euch hoch, klettert doch mal auf den Bundestag!"

Mit Crashpads in die U-Bahn

"Möglichkeiten: mittel, Höhe: bis zu 2,5 Meter, Schwierigkeiten: mittel bis schwer, Zuschaueraufkommen: hoch, Regensicherheit: nein, bei Nacht: ja, Spot online: seit 30. Oktober 2010." So hat der 22-jährige Martin, Initiator von www.buildering-muenchen.de, auf der Seite die "Schiffsschraube" beschrieben. 40 Spots hat er schon gesammelt, zehn davon mit seinen Freunden ausprobiert.

Martin zieht oft stundenlang durch die Stadt, auf der Suche nach urbanen Gipfeln. Er arbeitet in Mittenwald und ist nach München gezogen, weil seine Freundin hier studiert. Die anderen beiden Builder gehen in Ottobrunn zur Schule.

Wenn sie mit der U-Bahn ihre Projekte anfahren, gucken die Leute. Von hinten sieht man nur die Crashpads, zusammengeklappte, voluminöse Matten, die sie wie einen Rucksack buckeln und die ihnen bis in die Kniekehlen reichen. Crashpads werden beim Bouldern unter dem Kletterer platziert, damit dieser abspringen oder fallen kann, ohne sich zu verletzen. Wie Schildkröten klemmen die Builderer mit ihren weichen Panzern in der Rolltreppe. Am Gasteig will ein Mann wissen, ob sie ihr Klavier bei sich trügen, am Isarufer wird nach dem Klappbett gefragt.

Martin schätzt, dass es etwa 50 Builderer in München gibt. Aber die drei sind die Ersten, die sich offen im Netz präsentieren, wenn auch nur mit Vornamen - "falls mal ein Chef den Namen googelt". Immerhin bewegen sie sich beim Beklettern von öffentlichen Gebäuden in einer rechtlichen Grauzone. Deswegen fordern sie auf ihrer Seite auf: "Denk immer daran, du bist nur Gast an den Gebäuden und Objekten."

"Ziag o, allez, allez'"

Ob es an der Freude über den sommerlichen Tag liegt oder an den netten Jungengesichtern, in fünf Stunden Streifzug gibt es nur zwei wohlwollend klingende Ermahnungen.

Clément klammert sich gerade an die Säule am Hintereingang der Ludwig-Maximilians-Universität und patscht rechts und links mit den Handflächen gegen die Mauer. Griffe gäbe es auch, aber so macht's mehr Spaß. Auf der Höhe der Latte eines Fußballtors wartet ein angenehmer Zielgriff: eine ausgebrochene Höhlung mit abgerundetem Rand. "Ziag o, allez, allez'", brüllt Benny. "Puh, ziemlich hautlastig", sagt Clément und rettet zwei Finger aus einem Loch, in dem einmal ein Kiesel saß, als zwei ältere Herren in dunklen Uniformen erscheinen.

Die Security der LMU wurde von Anwohnern informiert, "Freeclimbing", sinniert der eine, "ach für mich wär das nisch', viel zu leichtsinnig."

Echte Probleme gebe es nur, wenn sie andere Leute behinderten, glaubt Martin. "Staatsgebäude sind auch nicht so eine schlaue Idee", sagt Benny. Aber manchmal locke da halt so eine "verdammt geile Leiste" über einem Portal - wie am Ägyptischen Museum.

An der Unterführung am Müllerschen Volksbad messen die Jungs ihren Affenindex, das Verhältnis von Armlänge zum Körper. Das Café ist voll, die Sonne brennt. Ein paar Spanier applaudieren. Ein Bademeister sagt: "Macht ein bisschen unauffällig - und passt auf euch auf!" Bennys Taktik: Nicht zu viel fragen. "Wer blöd fragt, bekommt blöde Antworten."

Performance in der Arena

Cléments Mutter sagte zu ihrem Sohn: "Hauptsache, du verletzt dich nicht, von der Polizei hol ich dich ab." Jetzt erinnert er die anderen daran, das abgesperrte Fahrrad zurückzustellen, das am Einstieg des Builders gelehnt stand. Später werden sein Vater und dessen Freundin zu ihnen stoßen, sie wollen es auch mal probieren.

Am Kabelsteg waten die drei durch das knietiefe Isarwasser zum mittleren Brückenpfeiler, zu verführerisch ist das Herzstück der Jugendstilbrücke: eine geschwungene Höhle in ein paar Metern Höhe. Am Strand drängen sich sonnenhungrige Münchner wie in einer Arena, sie warten sichtlich erfreut auf eine Performance. Martin bohrt die Spitze seines Kletterschuhs in ein Löchlein und zieht sich über kaum sichtbare Leisten auf die Kuppe. Bennys Wadenmuskel zittert angespannt, sein Fuß rutscht auf dem silbernen Lack des Graffitos darunter, die Hand zerrt am Untergriff. "Hier müsste man mal putzen."

Oben angekommen vollführen sie ein paar Klimmzüge und fotografieren sich vor der eindrucksvollen Kulisse mit nacktem Oberkörper, die Muskeln aufgepumpt. "Für deine Zukünftige", lacht Benny und knipst den 15-jährigen Clément.

Auf dem Weg zur Wittelsbacher Brücke lockt eine freie Stahltreppe: Hausfriedensbruch? Ach, so schnell kann keiner meckern. Clément sagt mit plötzlich dünner Stimme: "Fall nicht…", als Benny sich über die Stufen nach oben hangelt, einen Moment dort verweilt, bis er sich übers Geländer zieht. "Da brennt die Haut", er zeigt seine Handflächen. Die heiße Pizza vom Dönerladen lässt die wunden Fingerspitzen später pochen.

"Einen noch"

An der Brücke, seinem Lieblingsspot, führt er die Jungs zielstrebig zu einem der inneren Pfeiler. Am Boden liegen Glasscherben, und es stinkt nach Urin. Eine Sonnenbadende fühlt sich vertrieben. Benny verkeilt sich mit Händen und Fersen rücklings in die Lücken zwischen den Steinquadern des Bogens. Nach ein paar Metern nimmt die Höhe beträchtlich zu, Clément sagt: "Benny, es reicht!" "Einen noch", sagt Benny. Irgendwann mal will er den ganzen Bogen bouldern, sieben Meter etwa beträgt der höchste Punkt. Oder die Direttissima übers Geländer wagen.

Martin sammelt weiter, irgendwann will er die Daten in Form eines Führers veröffentlichen. Aber sein Traum wäre es, selbst mal einen Wettkampf auszurichten. 2008 gab es immerhin eine WM im Ruhrpott. "Nie hätte ich gedacht, dass es so viele Möglichkeiten in München gibt", sagt Clément.

Benny hatte sogar beim letzten Wandertag nach Salzburg die Bouldermatte dabei. "Zum Ausruhen", erklärte er den Lehrern. Die Traverse an der Dom-Mauer hatte ihn angelacht. Bald kam ein Mönch vorbei, Benny wollte nicht abspringen, er war schon so weit gekommen. "Der Herr schütze dich", habe der Mann aus seiner Kutte gemurmelt. "Das war mal ein gechillter Mönch!"

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
j.h.h. 24.05.2011
1. extremst finalste Sprachklippen
... aber auch auf der Suche nach der optimalsten Betonung lässt sich ein Extrem nicht steigern...
thelix 24.05.2011
2. ...
Zitat von j.h.h.... aber auch auf der Suche nach der optimalsten Betonung lässt sich ein Extrem nicht steigern...
So etwas nenne ich den "Koch'schen Superlativ". ;o)
rst2010 24.05.2011
3. granitbrocken im zillertal
sind sie sicher, dass es im zillertal granit gibt? das liegt in den kalkalpen; granit spricht eher für ein mittelgebirge.
frigor 24.05.2011
4. Granit im Zillertal
Zitat von rst2010sind sie sicher, dass es im zillertal granit gibt? das liegt in den kalkalpen; granit spricht eher für ein mittelgebirge.
Googeln hilft meistens: Granit gibt's im Zillertal.
LurchiD 24.05.2011
5. Ewige Jagdgründe
Zitat von rst2010sind sie sicher, dass es im zillertal granit gibt? das liegt in den kalkalpen; granit spricht eher für ein mittelgebirge.
Doch, da gibt es Granit, und auch ein Klettergebiet, und das trägt den schönen Namen Ewige Jagdgründe (http://tirol.routebook.com/node/33/ewige-jagdgruende).
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