Trip-Hop aus Bristol Marihuana für die Ohren

Trip-Hop, Britpop, Soul und Funk - was Liverpool für die Beat-Generation der Sechziger war, ist Bristol für die Musikszene der Gegenwart. 50 Live-Bands in kleinen Clubs bringen jeden Abend die alte Hafenstadt zum Schwingen.

Von Burkhard Maria Zimmermann


Die Leute lieben das. Ein zweistündiges Konzert hat die Band Sheelanagig im "Jesters Comedy Club" jetzt hinter sich, eine schweißtreibende Tour de Force durch osteuropäische Folklore und erdigen Rock, und ganz zum Schluss bringen sie endlich den Polish Drinking Song "Skotchne", das ersehnte Mitmachlied.

Aus wilder Ekstase trudelt das Stück hinab in ein angetrunkenes Leiern, die Bandmitglieder lassen sich wie volltrunken auf die Bühnenbretter sinken, auch das Publikum geht in die Hocke, nur Violinist Aaron Catlow steht noch, spielt weiter, wird leiser, ganz leise, einige Frauen kichern. Und dann, nach einem Moment der Stille, die Explosion - Band und Publikum springen auf die Beine, das große Finale, lärmender Übergang in tosenden Applaus.

"Die Musikszene in Bristol ist unglaublich, hier spielen jeden Abend etwa 50 exzellente Livebands", freut sich Tony Benjamin, 55, Musikjournalist des Stadtmagazins Venue und Organisator der "Jazz Lounge" auf dem jährlichen Musikfestival im nahen Glastonbury. "Außer London kann da keine Stadt auf der Insel mithalten."

Mit rund 415.000 Einwohnern hat Bristol eine komfortable Größe, man kommt zu Fuß schnell von Pub zu Pub, mit dem Auto ist man in einer Viertelstunde im satten Grün der Grafschaften Gloucestershire und Somerset. Die Flüsse Frome und Avon treffen in Bristol zusammen, und aus dem Hafen geht es über den Bristol Channel hinaus auf den Atlantik und in die Welt.

Ab dem späten 16. Jahrhundert wurde die Stadt reich durch den Handel mit afrikanischen Sklaven, in Bezeichnungen wie Blackboy Hill und Jamaica Street klingt das dunkle Kapitel noch heute nach. Der Kaufmann Edward Colston erwirtschaftete im 17. Jahrhundert ein Vermögen und spendete großzügig an Schulen, Kirchen und wohltätige Einrichtungen - Geld, das zu einem erheblichen Teil durch Menschenhandel erwirtschaftet wurde. Der Streit um seine Position in Bristols Geschichte schwelt weiter, und es ist nicht zuletzt die nach ihm benannte Konzerthalle Colston Hall, die mit ihrem Namen immer wieder Luft in die Glut bläst.

Von Rachmaninow bis Roxy Music

"Sie betreten jetzt die Autobiografie von Marianne Faithfull!", betont Graeme Howell augenzwinkernd, er ist der Direktor der Colston Hall und seine Stimme hat das stolze Timbre eines Menschen, der jeden Tag seiner Arbeitswoche in einem modernen Mythos verbringt.

In diesem Flur haben sie sich also 1966 nach einem Konzert der Stones getroffen, Mick Jagger und das Mädchen, ihre Romanze ist Geschichte. Die Colston Hall, 1867 eröffnet, hat auch eine Geschichte, und die klingt wie eine wirre Auflistung der musikalischen Elite des letzten Jahrhunderts: Sergej Rachmaninow hat hier ebenso am Flügel gesessen wie Oscar Peterson; Bob Dylan wurde hier bejubelt und Bob Marley; die Beatles haben hier gerockt und Roxy Music; Ella Fitzgerald hat hier gesungen und Elton John.

Aber die beste Zeit ist immer das Jetzt, aktuelle Stars polieren den Glanz der Colston Hall aufs Neue, heute sind es Künstler wie die Sängerin Martha Wainwright und die englische Band "Goldfrapp", die frischen Wind in den Bühnenvorhang bringen. Erneuert wird dieser Tage auch das Haus selbst, der Konzertsaal wird komplett überholt.

"Für klassische Musik ist der Raum großartig, aber Sie hören ja, der Hall ist viel zu stark", beklagt Howell und klatscht auf der Bühne laut in die Hände, sofort stolpert das Echo hinterher. "Die schwarzen Stoffbahnen an den Wänden haben wir angebracht, als 'Motörhead' das letzte Mal spielten, das dämmt zumindest etwas, und die kommen schließlich jedes Jahr. Bei solcher Musik stört der Hall doch sehr."

Es ist nicht der Klang im Saal, der eine berühmte britische Band davon abhält, hier zu spielen, sondern der Nachhall des Namens Colston, des Sklavenhändlers. "Massive Attack" heißt die Band, sie verweigert sich aus schierer historischer Empörung, und sie kommt aus - Bristol.

Anfang der neunziger Jahre entstand ein neuer Musikstil, ein Amalgam aus lasziv schleifenden Beats und düsterer elektronischer Musik, süßlich-schweres Marihuana für die Ohren, und die Anmutung aus Drogentrip und Hip-Hop gab dem Trend einen Namen: Als Trip-Hop eroberte der "Bristol Sound" die Welt, er atmete das Fernweh der alten Hafenstadt, aus der einst Segelschiffe in die Welt zogen, und er war verwurzelt im Soul und Reggae, deren Ursprünge zurückgehen auf den Schwarzen Kontinent.

Finster wie der Morast im Avon

Zu den großen Exponenten dieses neuen Stils gehören "Massive Attack", ihr Album "Blue Lines" ist für die elektronische Musik, was Miles Davis' "Kind Of Blue" für den Jazz war: ein Meilenstein, ein Klassiker vom ersten Tag an. Und tatsächlich war auch der Trip-Hop immer "kind of blue", irgendwie schwermütig, insbesondere die ersten Alben des Musikers Tricky, der eine Weile mit "Massive Attack" zusammenarbeitete: Tricky alias Adrian Thaws wuchs auf in Knowle West, einem sozial schwachen Stadtteil von Bristol, einer guten Gegend, um sich an einer schlecht beleuchteten Straßenecke mit einem Klappmesser die Milz perforieren und bei der Gelegenheit die Geldbörse rauben zu lassen.

Hier wurde Tricky 1968 geboren, Vater abwesend, seine Mutter Maxine Quaye brachte sich um, als er vier war. Ihr widmete er 1995 sein Debütalbum "Maxinquaye" - finster wie der Morast auf dem Grund des Avon, aber sexy wie Liz Hurley in Dessous und vibrierend mit genügend kompositorischer Kraft, um Bristols berühmte Hängebrücke erbeben zu lassen.

Sie ist ein beliebtes Postkartenmotiv, die Clifton Suspension Bridge, benannt nach dem malerischen Stadtteil Clifton, viktorianische Villen mit adretten Grünanlagen, keine ganz billige Gegend. Hier steht der sandsteinfarbene gotische Turm der Bristol Law School, vor ihm beginnt die sanft abfallende Park Street, wo sich die satte Gediegenheit Cliftons und die jugendliche Frische des Universitätsviertels vermählen.

In niedrigen Häuschen aus dem 17. und 18. Jahrhundert kuscheln sich Buchläden, Modegeschäfte und Cafés aneinander, doch nach Sonnenuntergang streift sich die Park Street ein glitzerndes Abendkleid über und zeigt ihr anderes Gesicht: Die Pubs füllen sich mit jungem, meist studentischem Publikum, Musik und Gelächter dringen auf die Straße, und allerorten genießt man die aparte Blüte des britischen Rauchverbots: das smirting, eine Zusammenziehung aus "smoking" und "flirting".



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