Tyler Brûlés Farbenkunde: Wahre Leuchten am Arbeitsplatz

Überall Warnwesten in Giftgrün, Neongelb und Leuchtorange: Die Welt ist in den vergangenen Jahren erheblich bunter geworden - und dadurch ganz bestimmt nicht schöner, findet Kolumnist Tyler Brûlé. Doch bringt der grelle Wahnsinn wirklich mehr Sicherheit?

Leuchtendes Beispiel: Westen in Signalfarben sind Modetrend an Flughäfen Zur Großansicht
dapd

Leuchtendes Beispiel: Westen in Signalfarben sind Modetrend an Flughäfen

Die Zahlen-Buchstaben-Kombinationen 804c, 803c und 802c mögen Ihnen auf den ersten Blick vielleicht nichts sagen, sie nehmen jedoch in Ihrem Alltag einen immer größeren - und zunehmend auch nervigeren - Raum ein. Falls Sie zum Typus der selbst ernannten Börsenkenner gehören, wäre es ziemlich clever gewesen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in Unternehmen zu investieren, die ein Interesse an der Herstellung von 804c, 803c und 802c haben.

Denn wären Sie vor etwa fünf Jahren fett eingestiegen in diesen Markt, dann säßen Sie angesichts des weltweiten Booms im Gebrauch und zum Teil schon der Überstrapazierung dieser drei Materialien heute entweder auf der Dachterrasse einer riesigen Nobelbar oder in einem weitläufigen Chalet und würden auf die Hänge in Gstaad blicken. Und wenn Sie dazu so gewieft gewesen wären, auch noch in die diversen Vertriebskanäle für 804c, 803c und 802c zu investieren (vor allem in Australien und in Großbritannien) wären Sie auf dem besten Weg, an die Spitze der internationalen Liste der reichsten Menschen aufzusteigen.

Besser bekannt als Leuchtorange, Neongelb und Giftgrün sind 804c, 803c und 802c nicht nur die Pantone-Codes für die bekannten Sicherheitsfarben, die alles vom Verkehrshütchen bis zum Türrahmen in Notausgängen abdecken. Sie stehen gleichzeitig für eine unerschrockene neue Gesellschaft, die um jeden Preis auffallen möchte: Der "High-visibility"-Trend erobert unseren Planeten!

Giftgrüne Warnwesten, leuchtende Helme

Auch wenn es heikel ist, sich darauf festzulegen, wo das Manifest für die High-Viz genau entstanden ist, spricht doch einiges dafür, dass der Ursprung in einem düsteren Büro in Canberra oder vielleicht rund um einen trostlosen Konferenztisch in Londons Whitehall gelegen haben könnte.

Großbritannien und Australien sind die größten Nutzer dieser grellen Farben. Sie scheinen kurz davor zu stehen, per Gesetz die Benutzung von nicht fluoreszierenden Farben zu verbieten. Wahrscheinlich hat sich ein gelangweilter Bürokrat in einem schäbigen schwarzen Anzug mal in diese Vision einer Welt voller schreiender Gelb- und Orangetöne und von Baustellen voller schwitzender Arbeiter in giftgrünen Warnwesten hineingesteigert.

Kürzlich in Australien hatte ich den Eindruck, dass - abgesehen von den Besuchern -, wirklich jeder aus irgendeinem Grund eine leuchtende Warnweste, einen entsprechenden Helm, eine Schärpe, einen Gürtel, Arm- oder Knöchelbinden tragen musste.

Am Flughafen war praktisch kein Angestellter ohne eine dieser schreiend hässlichen, um Aufmerksamkeit buhlenden Netz-Westen zu sehen. Von der Gepäckabfertigung über die Wagensammelstationen und das Reinigungspersonal bis zum Check-in-Schalter: Jeder Mitarbeiter protzte mit einer glänzenden, knopflosen Weste, die keinen anderen Zweck zu erfüllen schien, als darauf hinzuweisen, dass hier im Servicebereich noch richtige Menschen arbeiten, denen ein Overkill an Leuchtfarbe ein Gefühl von Stolz und Autorität verleiht - statt eines höheren Gehaltsschecks.

Mehr Sicherheit durch grelle Farben?

Auch bei meiner Rückkehr nach London am vergangenen Freitag wurde ich von all diesen fluoreszierenden Farben förmlich geblendet (vor allem von einer Überdosis Lila). Sie hafteten an jedem Mitarbeiter, der

  • in Kontakt mit Dingen kommen könnte, die sich schneller bewegen als ein watschelndes Kleinkind,
  • möglicherweise in seinem Job mit etwas Schärferem als einem Dessertlöffel konfrontiert wird oder
  • eventuell Höhen erklimmen muss, die über einen Tritthocker hinausragen.

Als ich mich auf den Weg machte, um eine Tasse Kaffee zu trinken (ein schlichter Genuss, der sicherlich auch bald das Tragen einer Warnweste voraussetzt, da die Kunden beim Rausgehen ja Gefahr laufen, mit ihren kochend heißen Getränken aneinander zu stoßen), kam ich an Dutzenden siebenjährigen Schulkindern in knallorangefarbenen Kitteln vorbei, die offenbar einen Ausflug unternahmen.

Hätten wir uns in der Nähe eines Gulfstream-Kleinflugzeugs befunden, wäre ich davon ausgegangen, sie seien zu einem Flug ohne Wiederkehr gen Guantanamo zusammengetrieben worden. Doch offensichtlich müssen Kinder generell mit Warnfarben ausstaffiert werden - vor allem, wenn sie sich außerhalb des Klassenzimmers befinden.

Während die Kinder auf dem Bürgersteig neben den vorbeirasenden oder einparkenden Fahrzeugen herumtobten, konnte ich zwei Lehrer/Aufpasser/Eltern dabei beobachten, wie sie seelenruhig mit ihren Handys telefonierten.

Diese Kinder-Polonaise in Pantone 804c machte also mehr oder weniger, was sie wollte, da die Aufpasser lieber quatschten und ihre Facebook-Profile checkten - ganz entspannt, da die Kinder ja aus dem Grünzeug und dem roten Backstein am Manchester Square herausstachen. High-viz bedeutet längst, dass man die Verantwortung für die eigene Sicherheit lieber anderen zuschiebt, statt sich selbst darum zu kümmern.

Gegen gesunden Menschenverstand

Dieser Schnappschuss aus dem Alltag fasst den ganzen Irrsinn dieser High-viz-Gesellschaft zusammen, die nicht mehr ist als ein Schlag gegen den gesunden Menschenverstand. In einer Welt, in der das Prozessrecht völlig aus dem Ruder gelaufen ist und in der eine "Ey, Alter, das ist nicht mein Problem"-Kultur vorherrscht, sind leuchtende Kutten, Pullover, Hüte und Gurte nichts anderes als eine Abkehr von jedem Verantwortungsbewusstsein.

Die Anordnung, dass Menschen in dieser großen, unübersichtlichen Welt immer deutlich sichtbar herausstechen müssen, hat eine Menge zusätzlichen Papierkram und eine generelle visuelle Verschmutzung zur Folge - ein typisches Werk von Leuten, die nur deshalb extra-komplexe Techniken entwickeln, weil sie ihren eigenen Arsch absichern wollen. Statt die Leute zu sinnvolleren Weidegründen des gesunden Menschenverstands zu treiben, wurde der Anspruch "Achte gefälligst du auf mich" kultiviert. Wenn wir allerdings in Zukunft alle immer einen leuchtend gelben Helm tragen, werden auch diese lächerlichen Farben schnell wieder unsichtbar werden.

Ich weiß nicht, was Sie mit dem Rest Ihrer Woche anstellen, aber ich gehe jetzt zum Chirurgen, um mir ein paar LED-Lichter implantieren zu lassen. So weiß ich, dass mich jeder kommen sieht!

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