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30. Oktober 2012, 17:18 Uhr

Tyler Brûlé auf Heimatbesuch

Toronto darf nicht sterben

Hübsche Cafés und plumpe Hochhaustürme, blitzsaubere Straßen und triste Viertel: Für Tyler Brûlé hat Toronto viele Reize, orientiert sich aber zu stark an US-Vorbildern. Der Vielflieger ringt um einen Zukunftsplan für seine kanadische Heimatstadt.

Nach jahrelanger Abwesenheit wieder nach Hause zu kommen, ist eine spannende Angelegenheit. Das beginnt schon nach dem Studium auf einem überschaubaren Campus. Wenn wir vier Jahre später in unsere Heimatstadt zurückkehren, sind wir entweder überwältigt von deren Ausmaßen oder einfach erfreut über die neugewonnene Anonymität in einer Großstadt. Manchmal suchen wir etwas verlegen einen früheren Arbeitsplatz auf, um den vertrauten Rhythmus wieder zu spüren und fühlen uns dabei von neuen wie alten Kollegen gleichzeitig willkommen geheißen und abgelehnt.

Auch in Beziehungen verlassen wir gelegentlich das Gewohnte, toben uns aus und begreifen erst später, dass es nicht sehr clever war, sich so weit entfernt zu haben.

Als ich in der vergangenen Woche für die Büro- und Geschäftseröffnung des Magazins Monocle sowie die Eröffnung einer Dependance meiner Agentur für Markenentwicklung in Toronto landete, kam ich praktisch nach Hause. Zwar hatte ich Toronto etwa zweimal im Jahr einen Besuch abgestattet, seitdem ich mit Sack und Pack nach England gezogen war. Diesmal war es jedoch anders. Ich unterschrieb einen Mietvertrag, stellte Personal ein und gab eine Party - all das zeigte, dass ich tatsächlich irgendwie heimgekehrt war.

23 Jahre ist es her, dass ich in ein Flugzeug nach Manchester stieg. Damals versuchte Toronto noch, seinen Platz in Kanada zu finden. Viele aus Québec eingewanderte Unternehmen sowie ein großer Teil der englischsprachigen Bevölkerung waren mit der politischen Entwicklung dort unzufrieden gewesen - wovon Toronto profitiert hatte. Die etwas steife Stadt an den Ufern des Lake Ontario erhielt plötzlich Beinamen, die von der "Business-Hauptstadt Kanadas" bis zur "wichtigsten Stadt der Nation" reichten. Französisches Kapital und Talent erlaubten es außerdem, dass sich im Zentrum immer neue Bürotürme in den Himmel schoben.

Wie Chicago - nur weniger schön und weniger Verbrecher

Auch rund um die Endhaltestellen der U-Bahnen schossen Satellitenstädte mit Geschäfts- und Wohnblöcken in die Höhe. Parallel dazu entstanden entlang des Sees reihenweise hässliche Gebäude mit Eigentumswohnungen, ohne dass dabei allzu viele Gedanken an Erreichbarkeit oder Ästhetik verschwendet wurden. Und am Flughafen wurden neue Strecken aufgenommen, um denjenigen Einwohnern Hongkongs entgegenzukommen, die ihre Kinder in Torontos Schulen unterbringen und ihnen einen kanadischen Pass sichern wollten.

In den neunziger Jahren suchte Toronto dann seinen Platz in Nordamerika. War es ein Chicago mit einem nicht ganz so schönen Seeufer, niedrigeren Verbrechensraten und stämmigeren Hochhäusern? Oder sollte es wirklich behaupten, eine blitzsaubere Version New Yorks zu sein?

Aus zum Teil offensichtlichen und zum Teil weniger offensichtlichen Gründen war Toronto immer besessen von der Grenze, die nur eine 90-minütige Autofahrt entfernt liegt. Die großen Gemeinden der Einwanderer sorgen zwar für regelmäßige Flüge nach Seoul, Mexico City, Shanghai, São Paulo und Kiew. Wenn es jedoch um die Entwicklung von Wohn-, Büro- und Ladenräumen geht, folgt Toronto dem US-amerikanischen Modell, statt ein eigenes auszuarbeiten.

Die Vorstädte dehnen sich weit bis zum Lake Simcoe aus und ähneln denen rund um Dallas und Fort Worth in Texas. Sie durchschneiden Viertel, die früher mal grün waren, und verändern die ganze Silhouette der Stadt - hier waren Hochbauexperten am Werk, keine Architekten. In Designmagazine haben es die Bürotürme natürlich nicht geschafft.

Hässliche Türme einfach abreißen?

Heute kämpft Toronto um seine Position in der Welt. Auf wen soll es setzen? Auf den Süden, der weiterhin jede Menge Potential für die nähere Zukunft bietet? Oder sollte es sich auf Asien und Lateinamerika konzentrieren und gleichzeitig die Beziehung zur europäischen Verwandtschaft pflegen? Und wie soll es mit den Folgen der verfehlten Stadtplanung umgehen? Die hässlichen Türme einfach abreißen und zusammen mit der Schnellstraße, die die Stadt durchschneidet, begraben?

Im Moment möchte Toronto sich alle Optionen offenhalten. Die Zugehörigkeit zur Weltklasse ist ja schnell behauptet, der Beweis liegt jedoch - wie sooft - auf der Straße. Und auf den Pflastern der Stadt passiert tatsächlich eine Menge: Viele kleine Start-up-Unternehmen, gut gestaltete Cafés und geschmackvolle Restaurants finden sich dort.

Toronto hat das Glück, zu den wenigen Städten im Norden des amerikanischen Kontinents zu gehören, die neben einem lebendigen Zentrum auch lebendige Wohnviertel vorweisen können. Zwischen den geschäftigen Boulevards mit vielen kleinen Läden befinden sich Wohngebiete und etliche Alleen mit bunt durcheinandergewürfelten und individuell gestalteten Häusern und Vorgärten.

Grüne Vision einer Stadt

Die Viertel sind nicht nur fußgängerfreundlich, sondern auch mittels Bus- und Tramlinien bestens angebunden. Kleine Geschäfte prägen das Bild und auf den Straßen tobt das Leben. Es war genau diese grüne und gepflegte Vision Torontos, von der sich die Architektin Jane Jacobs sofort angezogen fühlte. Noch immer ist sie eine der überzeugendsten Visitenkarten der Stadt.

Leider fehlt Toronto seit zu langer Zeit ein entsprechend visionärer Vertreter auf Regierungsebene. Die Investoren scheinen mit Neubauten beschäftigt zu sein, die privaten wie kommerziellen Mietern wenig mehr als das Allernötigste bieten. Während weiterhin Investitionen und große Infrastrukturmaßnahmen angekündigt werden, besteht die Herausforderung der Stadt eigentlich darin, eine Exzellenzoffensive zu starten.

Laut Schätzungen wird in Toronto mehr gebaut als in jeder anderen westlichen Stadt und man muss sich nicht lange umschauen, um sich davon zu überzeugen. Ein Großteil der Neubauten ist jedoch von den zentraleren Vierteln der Stadt abgeschnitten. Toronto benötigt dringend einen schlüssigen Plan, um seinen Platz auf den Weltbühnen zu finden, es muss seine gewachsenen Strukturen bewahren und ein umfassendes Verbot für die Errichtung mittelmäßiger Bauten aussprechen. Irgendjemand muss sich dafür doch einsetzen. Bloß: Wer übernimmt den Job?

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