Fußball-EM in der Ukraine: Zu Gast bei der Mafia

Von und André Eichhofer

Verbrechersyndikate lassen Hotels stürmen, Hoteliers verdreifachen die Zimmerpreise: In der Ukraine wächst die Gier auf den großen Reibach zur Fußball-Europameisterschaft. In die Verteilungskämpfe ist der Touristikkonzern TUI geraten - Leidtragende sind auch die Fans.

Ukraine: Die Fußball-EM und die Mafia Fotos
REUTERS

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Das Hotel Slawutitsch ist ein trister Plattenbau am Ufer des Dnjepr, der die ukrainische Hauptstadt Kiew teilt. Besucher der Millionen-Metropole meiden den Sowjetklotz für gewöhnlich, von 400 Zimmern ist derzeit nur jedes zehnte belegt.

Andernorts aber erfährt das Hotel umso größere Aufmerksamkeit: in Mafiakreisen. Maskierte mit Knüppeln und Schilden stürmten vor wenigen Wochen die Lobby des Hotels. Sie brachten die Herberge unter die Kontrolle der "Luschniki"-Bande, ein für Auftragsmorde berüchtigtes Verbrechersyndikat. Sogar jene Killer, die 2006 die russische Enthüllungsreporterin Anna Politkowskaja erschossen, standen zuvor in ihren Diensten. Im Hotel Slawutitsch verprügelten die Angreifer Angestellte, ein Gast erlitt eine Schussverletzung.

Auch mehr als 1500 Kilometer weiter westlich gibt es Leidtragende: den deutschen Reiseveranstalter TUI, der als Generalbeauftragter der Uefa in der Ukraine 14.000 Zimmer angemietet hat. Und Zehntausende Fußballfans, die zur Europameisterschaft in die Ukraine reisen wollen. Die neuen Besitzer des Hotels Slawutitsch ließen ihren Vertrag mit TUI platzen und verdoppelten die Preise für EM-Zimmer.

Die brachiale Übernahme des Slawutitsch wirft ein Schlaglicht auf einen Streit, der seit Wochen hinter den Kulissen tobt - und den TUI, Uefa und die Ukraine aus den Schlagzeilen herauszuhalten versuchen. Zwei Monate vor Turnierbeginn aber lösen Hotels im großen Umfang ihre Verträge mit TUI. "Dutzende Hotels wollen höhere Preise durchsetzen, oder sie steigen aus", berichten TUI-Mitarbeiter in Kiew.

Zwischen den Fronten eines Verteilungskampfes

Das Geschacher um Zimmer reiht sich ein in die lange Kette von Skandalen im Vorfeld der EM:

  • In der Ukraine treiben Korruption und Vetternwirtschaft die Kosten für die EM-Stadien in die Höhe.
  • Autobahnen, Schnellzugtrassen und Hotels werden nicht rechtzeitig fertig.
  • International steht das Land seit Monaten am Pranger, weil Präsident Wiktor Janukowitsch seine Rivalin, die ehemalige Premierministerin Julija Timoschenko, in Haft hält.
  • Unter westlichen Investoren steht das Land im Ruf, eine Räuberhöhle zu sein.

TUI ist in der Ukraine zwischen die Fronten eines Verteilungskampfes geraten. So stürmten Ende Januar Maskierte die Kiewer Bettenburg Tourist, erst die Polizei konnte die Angreifer vertreiben. Wachtrupps in Camouflage sichern die Eingänge des TUI-Partner-Hotels Mir, übersetzt "Frieden", aus Angst vor einer feindlichen Übernahme wie beim Slawutitsch.

Uefa und TUI versuchen zu beschwichtigen und sprechen von "einer kleinen Zahl" problematischer Hotels. Allein in der Stadt Charkow aber, wo am 13. Juni Deutschland gegen die Niederlande antritt, haben bereits elf Herbergen das Abkommen mit TUI gelöst. Betroffen sind 1139 der ursprünglich 3204 von dem Reisekonzern gebuchten Zimmer, also mehr als ein Drittel. Das Baden-Baden verlangt nun 160 Euro statt bisher 65. Das Drei-Sterne-Hotel Victoria stellt gar 300 Euro für Zimmer in Rechnung, die ansonsten 94 Euro kosten.

Appelle zur Mäßigung verpuffen

TUI aber schrecke vor Prozessen gegen die abtrünnigen Hotels zurück, meinen Kiewer Mitarbeiter des Konzerns. Angesichts der korrupten ukrainischen Justiz seien die Aussichten auf Erfolg zu gering. Mit bis zu einer Million EM-Besuchern aus dem Ausland hatte die Ukraine bislang kalkuliert, sie sollten Tourismus und die marode Wirtschaft ankurbeln. Nun aber fürchtet die Regierung, dass hohe Preise viele Fans abschrecken.

Die Gier der Hoteliers könne dazu führen, dass am Ende alle mit leeren Händen dastehen, warnt der stellvertretende Premierminister Boris Kolesnikow. Der Chef des EM-Organisationskomitees Markijan Lubkiwskij mahnt: "So abzukassieren, dass es für das ganze Leben reicht, wird nicht funktionieren." Doch die Appelle zur Mäßigung verpuffen.

Wenn es um Profite geht, agiert freilich auch die Staatsmacht kaum weniger rücksichtslos. "Gemeinsam Geschichte machen", lautet der offizielle Slogan der EM. Draußen bleiben müssen während des Turniers aber ausgerechnet Tausende weltoffener Studenten. Nina Kutusowskaja, 19 Jahre alte Biologie-Studentin an der Taras-Schewtschenko-Universität in Kiew, spricht fließend Englisch und hätte sich gern als freiwillige EM-Helferin gemeldet. Stattdessen muss sie bald Koffer packen.

Ende Mai wird sie die liebevoll gebastelten Schmetterlinge aus Stoff aus den Gardinen lösen und hoffen, "dass keine besoffenen Fans meine Tapeten ruinieren". Ihr Wohnheim wird dann von der Uni-Verwaltung zwangsgeräumt. Ihr Zehn-Quadratmeter-Zimmer, das sich Kutusowskaja sonst mit einer Freundin für umgerechnet 16 Euro im Monat teilt, wird dann an zahlungskräftigere Kunden vermietet: zum Preis von 80 Euro pro Nacht.

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insgesamt 77 Beiträge
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1.
limrz 12.04.2012
Zitat von sysopPolen und Ukraine sind die Gastgeber der Fußball-EM 2012. Wollen Sie zu den Spielen nach Warschau, Kiew, Breslau oder Lemberg fahren - oder waren Sie schon dort und können Hotels, Bars oder schöne Orte empfehlen?
Tagesflug zum Holland-Spiel, das gleiche zum Finale. Mehr muss angesichts der fehlenden Unterbringungsmöglichkeiten und schwierigen Transportverhältnisse nicht gesehen. Dagegen war Danzig beim LS im August optimal. Schade, dass wir im falschen Land spielen.
2. Hm
der_rookie 12.04.2012
Die Ukraine ist leider ein Beispiel dafür, dass manche Demokratiebewegungen vergessen haben den Rechtsstaat einzuführen. Und ohne diesen kann keine Demokratie funktionieren.
3. Da
Ernesto_de_la_Vita 12.04.2012
ist es wieder, das Gesetz von Angebot und Nachfrage! Oder gehts doch nur wieder um die schnöde Gier! Leider hilft der Aufruf zum Boykott der EM nicht, leider!
4. Na das schreit doch gerade danach...
frank.w 12.04.2012
...die Ukraine schnellstens in die EU aufzunehmen um ihr besser "helfen" zu können... Scheint doch wohl LEIDER so, als hätte der Stammtisch mal wieder recht behalten...
5. Warum überhaupt hinfahren?
roadcrew 12.04.2012
Zum Nepp gehören immer auch jene, die sich neppen lassen. Welcher Durchschnittsdeutsche will normal schon in die Ukraine? Wohl kaum einer. Warum sollten sie also hinfahren, nur weil ein paar junge Männer einem Plastikball hinterherhüpfen? Es ist auch im Verbrechen so, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt.
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