Venedig der Venezianer Das sieht man nur im Morgengrauen

Venedig gehört der ganzen Welt. Aber es gibt immer noch die stillen Ecken. Und Zeiten, zu denen man den Markusplatz fast für sich alleine hat.

SRT/ H.W.Rodrian

Leises Wasserglucksen ist zu hören, selbst im dritten Stock des Palazzo. Immer wenn auf dem Rio de la Pieda ein Wassertaxi vorbeifährt oder eine Gondel, schlagen die Bugwellen an die Kanalmauern. Dort oben wohnen Marco und Alice Scurati. Wer in ihrem Bed & Breakfast ein Zimmer gebucht hat, der ist schon nah dran am Alltag in Venedig, wie ihn sich Besucher vorstellen und meist doch nicht erleben.

Ein Lastkahn mit Obst schippert um die Ecke, ein anderer transportiert eine Waschmaschine, auf einem dritten Schiff, das eher aussieht wie ein schwimmender Ziegelstein, erreichen gerade Zement und Sand eine Baustelle - denn anders geht es im historischen Venedig nicht. Jede Packung Milch, jedes Stück Gemüse wird auf dem Wasserweg transportiert.

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Italien: Ein Morgenbummel durch Venedig

Die Urlauber lieben diese pittoreske Szenerie, das Schaukeln der Boote auf dem Wasser, die Zurufe der Handlanger, die sich vor dem kleinen Supermarkt wirklich noch Kisten mit Waschmitteln und Bratöl gegenseitig zuwerfen. Dabei können sich Einheimische ihr Leben in Venedig kaum noch leisten. Leer stehen die Palazzi trotzdem nicht: Sobald jemand auszieht, werden die frei werdenden Wohnungen postwendend an Touristen vermietet.

Alice und Marco Scurati haben es anders gemacht: Sie zogen schon vor 15 Jahren unters Dach in dem Palazzo am Kanal Rio de la Pieda und vermieten den Rest von Marcos elterlicher Wohnung seither als Bed & Breakfast: drei geräumige Zimmer und eine Ferienwohnung. Seine Gäste führt Marco Scurati in die Küche, in der er rabenschwarzen Espresso zubereitet. Den Blick in den Garten und Insider-Tipps gibt es gratis dazu.

Um 6.30 Uhr auf dem Markusplatz

Wer so ein Privatzimmer in der Stadt bucht, erlebt ein anderes Venedig als die Tagesgäste. Das liegt einerseits an Scuratis Tipps. Vor allem aber daran, dass man nur so das Venedig der Venezianer erleben kann - nämlich schon früh am Morgen. Denn diese Stadt ist definitiv nichts für Langschläfer.

Nur wem es gelingt, morgens schon um 6.30 Uhr aus dem Haus zu gehen, erlebt den Markusplatz, wie er gerade erst erwacht. Zu diesem Zeitpunkt gehört einem die berühmte Piazza fast noch allein. Nur ein chinesisches Flitterwochenpaar lässt sich dort in Anzug und Brautkleid für nachträgliche Hochzeitsfotos fotografieren. Die Gondolieri trinken ihren Morgenkaffee am Tresen der Bar Al Todaro; drei Stunden später wird dieselbe Bar die Preise verdreifacht haben, dafür haben die Kellner dann aber auch weiße Sakkos an. Und die Gondolieri sind bei der Arbeit.

Auf der "goldenen Meile" zwischen Dogenpalast und Rialtobrücke fegen Straßenkehrer das Pflaster blitzblank für den anbrechenden Tag. Und jenseits der berühmtesten Brücke der Welt beginnt der Rialtomarkt. Etwas versteckt hinter dem Souvenir- und Ramschmarkt sind die Stände des Stadtmarkts schon geöffnet. In der Ruga Oresi wetteifern die Gemüsehändler. Zucchini und Artischocken, Kräuter und Weinbergschnecken liegen in ihren Auslagen.

Gleich daneben in der Ruga dei Speziali, der Straße der Gewürzhändler, ist die Luft gesättigt vom Duft von Safran und Minze, aber auch von frisch gerösteten Kaffeebohnen. Rechter Hand, Richtung Canal Grande, werden im gedeckten Fischmarkt Seezungen und Krabben, Tintenfische und Garnelen drapiert. Auch dort heißt es früh dran sein: Seit Tausend Jahren beginnt der Fischmarkt (die "Pescheria") täglich (außer sonntags) um kurz nach sieben Uhr. Bis 9.30 Uhr kaufen die Venezianerinnen ein.

Auf ein Ombra nach San Polo

Gleich hinter der Fischhalle kehren die Venezianer nach ihrem Einkauf im Stadtteil San Polo zum Giro d'Ombre, Kneipenbummel, ein - nach alter Sitte durchaus auch schon frühmorgens. Ombra heißt Schatten und erinnert an die fliegenden Weinhändler, die mit ihren Fässern immer dem Schatten des Campanile um den Markusplatz folgten.

Wer in Venedig auf einen "Schatten" geht, der trinkt ein Glas Wein, am besten mit Cicchetti (gesprochen: Tschiketi), der venezianischen Variante der spanischen Tapas. Diese Appetithappen können mit Schinken belegt sein, mit Käse oder ganz original aus einem Stockfischmusbrötchen bestehen. Die älteste dieser "Bacari", Weinschenken, ist die Cantina Do Mori in der Calle di Do Mori. Auch nach einem Inhaberwechsel gibt es dort weiter die besten Cicchetti al baccala und einen Prosecco aus dem Venezianer Hinterland.

Nur ein paar Schritte weiter im Gewirr der Marktgassen gelangt man zur Osteria All' Arco (San Polo 436). Das klassische Lokal überzeugt durch seine Crostini mit Käse, Pilzen und Trüffel und auch dadurch, dass man auch draußen sitzen kann. Die beiden Inhaber Francesco und Matteo servieren ihr Hausgericht: gebackener Tintenfisch mit Scampi und Tomaten. Die meisten Einheimischen stellen sich nur schnell an die Theke und essen ein Häppchen zum Gläschen Wein.

Inzwischen sind die Busse mit Tagesgästen angekommen, am Markusplatz ist längst kein Durchkommen mehr. Wie gut, dass man selbst schon so viel Sightseeing hinter sich hat.

Hans-Werner Rodrian, srt/abl

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insgesamt 16 Beiträge
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runandrock 04.09.2018
1. Lieber nicht!
In einer großen Sonntagszeitung lautete die Überschrift: „Fahren Sie nicht nach Venedig“. Aus Sicht eines Einheimischen wird hier sehr authentisch dargestellt wie der Massentourismus diese Stadt kaputt macht. Ihr glorifizierender Artikel dagegen verharmlost diese Situation grotesk. Die letzten Stunden, in denen der Venizianer seine Stadt noch für sich hat, am frühen Morgen, werden hier gepriesen. Auf dass auch dann möglichst noch mehr kommen, untergebracht im für Einheimische nicht mehr bezahlbaren Wohnraum.
ManRai 04.09.2018
2. Leider Zustimmung
Venedig hatte (leider lange nicht mehr da gewesen) ruhige Ecken, sehr ruhige. Wir haben uns einfach treiben lassen, kleinste Gassen durchlaufen, Ombra in lokalen "Kneipen" genossen usw. Und einen Espresso in der kleinsten Bar getrunken, 4 oder 6 qm innen. Urbino hat ein ähnliches Problem, wenig Hotelplätze tagsüber Buse, abends und morgens ein Traum und traumhafte Restaurants. Aber der Tourismus schlägt überall zu, Sonnenaufgang in Angkor Wat, mehrere hundert Touristen beobachten den, aber versteckt wunderbare Tempel wo man völlig alleine ist. Und dann diese blöden Bücher "1000 Orte die man besucht haben muss"....
wiebitte 04.09.2018
3. So läuft das
Hey Leute die Morgenschicht ist noch frei da geht noch was. Im Bergmannkiez in Berlin (hab da mal gewohnt) bekommt man inzwischen auch schon ab 18h keinen Platz mehr in einem Restaurant, es wird in drei Schichten gegessen (den Gastronom wird's freuen). Und der ganz geheime Tipp für singlereisende Männer versteckt sich dann noch in der Bildunterschrift zum Marktstand. In Venedig geht nur die Venezianerin einkaufen. Wortformgerecht außschließlich. Heilige PC oder doch das Gegenteil?
kissthebottle 04.09.2018
4. Ganz wichtig ...
... dass man den Touristen auf die Nase bindet, wo und wann diese geschundene Stadt mal zu sich kommt, auf dass diese letzten Momente der Ruhe dann auch noch zertrampelt werden. Haben nicht auch die Einwohner von Venedig mal ein Recht auf Privatshäre? Und Hatte nicht der Spiegel erst vor wenigen Wochen einen Titel, in dem es um die Auswirkungen von Massentourismus ging? Ich fände es jedenfalls schön, wenn ‚Geheimtipps‘ auch geheim blieben.
neurobi 04.09.2018
5.
Wir waren dieses Jahr in Venedig. Wunderschön. Kaum wieder zuhause gab es eine Doku im TV. Jetzt haben ein schlechtes Gewissen. Manchmal öffnen einen sollche Dokus erst die Augen. Das mit den großen Kreuzfahrtschiffen wusste man ja schon. Aber dass man dort fast nur Restaurants, Cafes und Souvenirshops. Läden für den täglichen Gebrauch? Fehlanzeige. Auch die Vermietung von Wohnungen als Ferienwohnung ist ein dort weit problematischer als irgendwo in Deutschland.
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