Touristenboom und Einwohnerschwund "Venedig wird eine Geisterstadt"

Der Massentourismus beschert Venedig zwar jedes Jahr hohe Einnahmen, zugleich ist er aber die größte Bedrohung für die lokale Gemeinschaft. Im Zentrum der Lagunenstadt leben nur noch 55.000 Menschen.

DPA

Auf den ersten Blick macht Venedig nicht den Anschein, vom Aussterben bedroht zu sein. Touristenmassen schieben sich durch die Gassen, auf dem Markusplatz herrscht oft dichtes Gedränge. Was man nicht sieht: Die ureigenen Einwohner verlassen das Zentrum in Scharen. Innerhalb einer Generation ist die Bevölkerung fast um ein Drittel geschrumpft. Kann eine Stadt das überleben?

Die Frage schwebt über der Lagunenstadt wie ein Damoklesschwert, weil steigende Kosten immer mehr Menschen in die Flucht treiben.

In diesem Monat ist die Zahl der Einwohner auf unter 55.000 gesunken - 1951 waren es noch 175.000. Das Bedrohliche: Fast die Hälfte derer, die noch da sind, sind über 60 Jahre alt. Junge Menschen leben hier kaum noch, nur etwa 9000 Einwohner sind unter 18.

"Wenn wir so weiter machen, werden wir zu einer Geisterstadt wie Pompeji", sagt Matteo Secchi von Venessia.com, einer Gruppe, die sich für das Überleben der Stadt einsetzt. 2009 hatte die Vereinigung eine "Beerdigung" für Venedig abgehalten, als die Zahl unter 60.00 gesunken war.

"Der Tourismus tötet uns langfristig"

Der 46-Jährige und andere Einwohner veranstalteten am Samstag unter dem Motto "Venexodus" (Exodus aus Venedig) eine Prozession von der Rialto-Brücke zum Rathaus. Symbolisch für den Auszug, aber auch für den Massentourismus, hielten sie Koffer in die Luft.

Denn die größte Bedrohung für die lokale Gemeinschaft ist der Tourismus - gleichzeitig ist er aber auch die Haupteinnahmequelle. Die Zahl der Besucher hat sich in den letzten 25 Jahren fast vervierfacht. 80.000 Individual- und Kreuzfahrttouristen quetschen sich täglich durch Venedig, 2015 verzeichnete das italienische Statistikamt rund 17 Millionen Ankünfte. Doch die Stimmung zwischen Touristen und Einheimischen ist oft vergiftet.

Der Touristenboom hilft Hoteliers und Gondolieren genauso wie Hauseigentümern, die ihre Wohnungen an Ausländer vermieten oder verkaufen. Andere dagegen fühlen sich bedroht, da Wohnungen in Pensionen und Supermärkte in Touristenfallen umgewandelt werden. Wer in einem authentischen Restaurant im Stadtkern essen möchte, kann lange suchen.

"Der Tourismus hat uns kurzfristig reich gemacht, aber er tötet uns langfristig", sagt Secchi. "Zu viele wollen nicht mehr in dieser Stadt leben, sondern sie ausnutzen wie eine Prostituierte."

Unesco forderte Besucherbegrenzung

Es gibt aber auch Hoffnungsschimmer. Piero Dri zum Beispiel ist einer der jungen Venezianer, die geblieben sind. Der 33-Jährige stellt die traditionellen Rudergabeln für Gondeln her und verarbeitet sie auch zu Dekorationen. Er ist einer von Vieren, die diese Tradition in Venedig hochhalten.

Gleichzeitig fordern viele eine wirksame Begrenzung der Besucherzahlen. Dabei bekommen sie auch Unterstützung von der Unesco. Die UNO-Kulturorganisation hat damit gedroht, Venedig auf die Liste der bedrohten Kulturgüter zu setzen. "Der ständig steigende Tourismus dominiert und verdeckt die traditionelle städtische Gesellschaft der historischen Stadt", hieß es schon 2015 in einem Bericht.

Stein des Anstoßes sind vor allem die riesigen Kreuzfahrtschiffe, die in Venedig anlegen und nicht nur das Ökosystem der Lagune gefährden, sondern auch die vielen Tagestouristen bringen. Diesen Sommer formulierte die Unesco konkrete Forderungen an Venedig: Die Ausbaggerungen müssten gestoppt werden, und ein "Besucher-Management" müsse die Touristenmassen besser organisieren - oder sie gar limitieren.

Venedig im Morgengrauen

Bürgermeister Luigi Brugnaro hat der Unesco jedoch eine Absage erteilt. Konzepte für Besucher-Limits liegen lange auf dem Tisch, wurden aber nie in die Praxis umgesetzt. Er will dafür Tagestouristen stärker zur Kasse zu bitten als Besucher, die länger bleiben. "Wer noch am Anreisetag wieder abreist, soll dafür bezahlen", sagte Brugnaro laut dem "Corriere del Veneto". "Jede Übernachtung würde die Höhe der Gebühr sinken lassen." Über genaue Kosten für die Touristen machte er keine Angaben.

Paolo Lanapoppi von der Kulturschutzorganisation Italia Nostra ist skeptisch, was die Zukunft der Stadt angeht. "Meine persönliche Meinung ist, dass die Politiker hier mit der Tourismusindustrie unter einer Decke stecken, die überhaupt kein Interesse daran hat, die Zahl der Besucher zu senken."

Ob an dieser Theorie etwas dran ist, bestätigt Bürgermeister Brugnaro freilich nicht. Wohl aber, dass er an den Besuchern hängt. "Ohne Touristen stirbt Venedig", sagt er. "Die Stadt steht allen offen, ich werde niemals jemandem den Zutritt verbieten."

Alvise Armellini, dpa

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insgesamt 10 Beiträge
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noalk 13.11.2016
1. Ohne Touristen stirbt Venedig
Mit Touristen auch. Venedig wird also sterben. Dass die UNESCO Venedig auf die rote Liste setzen will, ist doch keine Drohung. Im Gegenteil: Besuchen Sie Venedig, solange es noch lebt. Ich fürchte nur, dass selbst die Aberkennung des Weltkulturerbe-Status' nichts helfen wird.
Drunken Masta 13.11.2016
2. Kleiner Hinweis:
Der Artikel betrifft die Anzahl der Einwohner im historischen Zentrum. Diesen Hinweis vielleicht bitte noch irgendwo unter bringen. Denn ich war kurz etwas verwirrt, da mir 55.000 für Venedig doch sehr wenig vorkam. Ein Blick in Wikipedia zeigt, gesamt Venedig hatte im Dezember letzten Jahres 263.352 Einwohner.
vox veritas 13.11.2016
3.
Das ist wie auf Sylt. Das dortige wohnen können sich die Einheimischen auch nicht mehr leisten. Ergo: Im Winter ist die Insel wie ausgestorben.
lemmy 13.11.2016
4. Das Sterben der Serenissima
Vor zwei oder drei Jahren gab es eine sehenswerte Dokumentation über das Sterben Venedigs mit all seine Facetten mit dem Titel "Das Sterben der Serenissima". Sie handelt vom Einwohnerschwund, dem Fluch des Kapitalismus, Immobilienwahn, falschen Tourismus und Umweltzerstörung. Traurig.
Newspeak 13.11.2016
5. ...
Einen Teil des Problems könnte man sehr leicht lösen. Immobilienspekulation verbieten. Wohnraum nur noch für jene, die dort auch wohnen, das ganze Jahr über.
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