Venedig im Advent In tiefer Melancholie

Die Gondeln sind vertäut, der Touristenrummel ist verstummt: Im Winter verwandelt sich Venedig. Wer die Lagunenstadt liebt, muss sie zur Adventszeit bereisen - und sich der Stille der Nacht stellen.

Von Helge Sobik

Helge Sobik

Im Cannaregio-Viertel rieseln von einem Balkon Weihnachtslieder in die Gassen. Dann scheinen sie in den Kanälen zwischen den vertäuten und mit Planen bedeckten Booten zu versinken: erst die Melodie von "Stille Nacht, heilige Nacht", dann ein italienisches Lied zu einer anderen Notenfolge. Oben in der Wohnung im zweiten Stock schließt jemand die Balkontür, die Musik wird leiser.

In zwei Fenstern hängen elektrisch beleuchtete Weihnachtssterne, ein paar Schritte weiter sind Kerzen hinter einem großmaschig gewebtem Vorhang zu erahnen. Und irgendwo in der Ferne läuten die Glocken einer Kirche über der Lagunenstadt.

Ruhig ist es geworden - nicht nur in den engen Gassen des alten Handwerkerviertels von Venedig, auch auf der von Geschäften gesäumten Strada Nuova, die mit ein paar Verzweigungen auf den Markusplatz zuführt und unterwegs ein paar Mal den Namen wechselt. Nur einzelne Schritte hallen in den Seitengassen durch die Nacht, werden von den Fassaden der drei- und viergeschossigen Häuser hin und her geworfen. Irgendwoher kommt ein Lachen, in einem Hauseingang küsst sich ein Paar.

Spätabends ist es still in Venedig, fast einsam in den Straßen entlang der Kanäle, in den Schluchten zwischen den Patrizierhäusern. Manchmal wirkt es ein wenig geisterhaft.

In Venedig, dieser ansonsten fast immer vor Touristen überquellenden Stadt, ist in der Vorweihnachtszeit vergleichsweise wenig los - besonders an den Abenden. Denn ist es dunkel geworden, dann verschwinden die Tagesbesucher bereits früh mit den Linienbooten Richtung Hauptbahnhof und Großparkhaus außerhalb des historischen Zentrums.

Weihnachtsmänner auf dem Canal Grande

Sogar die Herren mit den hellen Hüten, die tagsüber an den Stegen auf Kundschaft warten, mit einer Handbewegung auf ihre schmalen schwarzen Holzboote weisen und ständig "Gondola? Gondola?" rufen, sind dann unauffindbar. Ihr Geschäft machen sie zu anderen Jahreszeiten.

Venedig in der Vorweihnachtszeit - das sind Adventsmärkte, der Duft von gerösteten Maronen und Lichterketten über der Strada Nuova. Auf dem Canal Grande rudern Weihnachtsmänner, weil irgendwer mal meinte, so etwas würde den Tourismus ankurbeln. In Süßigkeitenläden türmen sich Schoko-Berge, stapeln sich Panettone-Kuchen. An der Fassade des kleinen Kaufhauses nahe der Rialto-Brücke leuchten die elektrischen Weihnachtssterne, in den Schaufenstern hat es dieses Jahr weißes Konfetti geschneit.

Die schönste Deko aber sind die Reflexionen der Lichter im Wasser der stillen Kanäle. Bei einem Spaziergang durch die Dunkelheit sind es solche Eindrücke, die den Zauber ausmachen. Tagsüber hofft man, dass es bald wieder Nacht werden möge.

Pfützen mit hauchzarter Eiskruste

Was Einheimische wie Gondelbauer Lorenzo della Toffola vor Weihnachten machen? "Verreisen", sagt der wortkarge Mann. "Weil um diese Zeit weniger Gondeln fahren und deshalb noch weniger eilig zu reparieren sind."

Erst an den Weihnachtsfeiertagen füllen sich Hotels wie Straßen langsam wieder, und an Neujahr herrscht Rummel wie im Sommer. In den Wochen vor Weihnachten aber scheint das adventliche Venedig zur Ruhe zu kommen. Das liegt vor allem am Wetter, denn im Dezember ist Venedig nicht diese Katalogschönheit wie auf den Karnevals- und den Sommerbildern.

Schnee gibt es zwar fast nie, hauchzarte Eiskrusten auf den Pfützen am Morgen manchmal. Oft ist es nasskalt, nebelig und häufig kommt es gerade um diese Jahreszeit zu Hochwasser. Ob das für Fremde schlimm ist? Eher im Gegenteil. Es ist ein Erlebnis. Eines, das zu einer Stadt in so einer Lage passt. Das Szenario bietet obendrein umso mehr Raum für Melancholie - genau das, was die Reisenden erwarten.

Und dann ist da wieder die Melodie von "Stille Nacht". Der Abendwind holt sie diesmal aus einem Hof, lässt sie über Dächern nicht weit vom Campo Santa Maria Formosa wieder fallen - diesmal mit italienischem Gesang. "Astro del ciel", so heißt der Klassiker hier. Die wenigen Passanten halten an und lauschen.

Helge Sobik ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise erfolgte mit Unterstützung von Novasol.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
GungaDin 13.12.2015
1. Und vor der Reise
bitte unbedingt "Wenn die Gondeln Trauer tragen" ansehen.
you_name_it 13.12.2015
2.
Ja das hört man jetzt immer öfter. Soll jetzt der Weihnachtstourismus angekurbelt werden damit ganzjährig die Bude voll ist? Venedig am schönsten zwischen 5 und 7 Uhr morgens oder Venedig am schönsten wenn es regnet! Ende Januar Anfang Februar soll es besonders schön sein da ist aber der Weihnachtsmann schon abgereist.
Layer_8 13.12.2015
3. Ja
Wer Venedig ein bisschen kennt, weiß das. Ist übrigens überall in Italien so. Die Adventszeit und die abendlichen Märkte, wo sich jeder Vergleich mit den deutschen Glühwein-Weihnachtsmärkten verbietet. Nicht nur in den touristischen Orten.
windpillow 13.12.2015
4. Stille im Land
Nicht nur Venedig, sondern ganz Italien ist um die -vor, während und nach- Weihnachtszeit am schönsten. Ich war mal im Dezember in der Cinque Terre in einem kleinen Dorf am Meer. -Mein schönstes Weihnachten bis jetzt.
Hamberliner 13.12.2015
5. solidarisches Sozialverhalten
"Wer die Lagunenstadt liebt, sollte..." Das liest sich wie eine Einladung, Venedig immer wieder heimzusuchen. Ich habe mir gut gemerkt, dass die Touristenmassen und deren Folgen die Venezianer ankotzen, dass sie die Nase voll haben, dass es deshalb eine gutes und solidarisches Prinzip darstellt, diese Inselstadt grundsätzlich zu meiden. OK, dieses Jahr musste ich in der Nähe die Fähre nach Griechenland nehmen und konnte mir nicht verkneifen, kurz einen Blick 'reinzuwerfen, aber beim nächstenmal werde ich direkt zum Fährterminal Fusina gegenüber auf dem Festland fahren (und in Mestre übernachten, in Venedig kann man das spontan sowieso nicht) und nie wieder zu Überfüllung, Mietpreisexplosion, Überfremdung und Parkplatzmangel beitragen - oder was auch immer die Venezianer so stört.
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