Venedig-Tagebuch: Hoch das Haar

Von Tanja Schulz-Hess

Ein Kopfputz wie Marie Antoinette: Für Preise ab 100 Euro pro Abend verleihen Starfriseure in Venedig opulente Perücken an Karnevalsgäste. Damit sind sie gerüstet für die schicksten VIP-Bälle der Stadt - die Tickets sind trotz Wirtschaftskrise begehrt.

Zu den teuren, klassischen Ballroben des Karnevals in Venedig gehört natürlich auch ein angemessener Kopfputz. Vor zwei Tagen machten wir die Bekanntschaft zweier Friseure, die einen sehr ausgefallenen, charmanten kleinen Laden in San Polo führen. Miky Doardo, 31, und Salvo Ricca, 60, machen neben dem normalen Friseurbetrieb phantastische Perücken aller Art. Am liebsten im Stil des 18. Jahrhunderts, wie man die Kopfputze von Marie Antoinette oder Madame Pompadour auf alten Zeichnungen. Das Ganze allerdings in allen Farben des Regenbogens.

Seit zehn Jahren statten sie Venezianer und reiche Touristen für die großen Bälle aus, auch für den Film haben sie schon gearbeitet. Die Miete für eine Mega-Perücke fängt bei 100 Euro pro Abend an und hört im Nirgendwo wieder auf. Das ganze Wochenende werden die beiden parrucchiere im berühmten Palazzo Pisani Moretta den VIPs die Haare schön machen. Welche Stars diesmal dabei sein werden, bleibt ihr Geheimnis, aber Kim Basinger oder Juliette Binoche, denen sie schon für Kinofilme die Frisuren richteten, sind diesmal wohl nicht dabei.

Sandro und Miky waren aber auch von unseren Kostümen sehr angetan und sehr darin interessiert, wie ich meine Perücken baue, denn als Nicht-Fachfrau gehe ich natürlich ganz anders an Haare heran als die beiden Meister. Im venezianischen Karneval sieht man viele verschiedene Kopfaufbauten. Besonders abends zur Happy Hour - der Stunde der Fotografen vor San Giorgio - kann man einiges an Baukunst bewundern.

Foto-Stelldichein am Ufer

Gegen 16.30 Uhr gibt es immer ein Jour fixe an der Kirche San Giorgio Maggiore. Die Kirche gehört zu einem Benediktinerkloster und wurde im Jahr 1610 nach Plänen Palladios auf der Insel gegenüber dem Dogenpalast fertig gestellt. Das Licht ist zum Sterben schön um diese Zeit, etwa eine Stunde lang. Vor Jahren begann ein Fotograf, sich dort mit Masken zum Foto-Stelldichein zu verabreden. Es kamen immer mehr Kostümierte, und auch andere Fotografen fanden heraus, dass es hier reichlich gutes Linsenfutter gibt.

Deshalb ist frühes Übersetzen mit dem Vaporetto sinnvoll, denn die Boote sind recht voll mit all den posierwilligen Masken. Wir sehen einen Fotobesessenen, der sogar die Zigarettenkippen vom Boden vor den Kostümen pult, damit die Aufnahme perfekt wird. Aber er ist sehr höflich und zuvorkommend zu den Kostümschaffenden. Was wir auch zu schätzen wissen. Denn grobe, unhöfliche Knipser gibt es genug. Sie sehen uns Masken als ihr privates Gut an, werden rotzig und geben Kommandos. Da kann es auch schnell sein, dass eine Maske ihre kalte Schulter zeigt.

Hier vor San Giorgio haben die Kostümträger übrigens auch die seltene Gelegenheit, manchmal ein bisschen miteinander plaudern zu können. Auf dem Markusplatz, wo sich die Touristen um Fotos schlagen, ist das fast unmöglich. Hier reden wir ein bisschen miteinander, machen Komplimente, sprechen über das vergangene Jahr und freuen uns gemeinsam auf morgen, wenn die Auswahlen zu den Shows beginnen. Und man verabredet sich in Cafés oder auch mal für eine Party.

Die teuren Bälle, so hören wir, sollen nämlich weiterhin gut besucht sein, während uns ansonsten die Stadt seltsam leer vorkommt in diesem Jahr. Trotz Finanzkrise gönnen sich Leute mit Geld weiterhin das Vergnügen, in prunkvollen Roben auf Bälle zu gehen. Ein Teil des normalen Besuchervolks dagegen - sprich Tagestouristen und "Billigreisende" - scheint diesmal auf den carnevale zu verzichten.

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