Städtetipp Warschau: Was EM-Touristen nicht verpassen dürfen

Schrille Clubs, originelle Museen, spektakuläre Wolkenkratzer: Warschau bietet EM-Touristen mehr als nur Polens größtes Fanfest. Reiseführer-Autor Jan Szurmant empfiehlt Nachtschwärmern einen Besuch beim Kahlköpfigen Pinguin - und Fußballmuffeln ein Bad über den Dächern der Stadt.

Städtetipp Warschau: Pastellfassaden und Ufo-Architektur Fotos
Jerzy Kosnik

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Herr Szurmant, fünf EM-Spiele werden in Warschau ausgetragen. Wohin gehen Einheimische und Touristen, die keine Karten fürs Stadion haben?

Ab zum Public Viewing in die Fanzone! Rund um den Kulturpalast liegt mit einer Fläche von 120.000 Quadratmetern die größte der EM-Fanmeilen. Die Halbzeitpause kann man mit Sightseeing verbringen, ohne sich am Plac Defilad vom Fleck zu bewegen: In Warschaus Zentrum wachsen alte und neue Wolkenkratzer in den Himmel.

Kleine Hochhaus-Kunde: Welches ist das spektakulärste?
Der Zlota 44 von Daniel Libeskind. Dieser noch nicht ganz fertige 52-stöckige Wohnturm wird harmonisch von einer segelförmigen Hülle verschlungen und stützt schon jetzt die Meinung des Stararchitekten, der Warschau wiederholt als architektonisch interessanteste Stadt Europas bezeichnet hat.

Und von welchem Gebäude hat man den besten Blick?

Ein alter Warschauer Witz lautet: Vom Kulturpalast ist die Sicht am schönsten, dann muss man diesen monumentalen Wolkenkratzer aus den fünfziger Jahren nicht angucken. Der Aufzug bringt Besucher in den 30. Stock auf 114 Metern Höhe, dort befindet sich die Aussichtsterrasse mit Rundblick über die Stadt. Angeblich soll der russische Kosmonaut Jurij Gagarin an dieser Stelle Höhenangst bekommen haben - und das, obwohl er der erste Mensch im Weltall war.

Wo sind Höhenangstgeplagte denn besser aufgehoben?

Unterirdisch schön ist der Plac Wilsona, hier liegt die vielleicht abgefahrenste Metrostation der Welt: Die ellipsenförmige Deckenbeleuchtung schafft eine fröhliche Atmosphäre - je nach Tageszeit wechselt sie die Farbe zwischen Rot, Violett, Blau und Grün. Beim Fahren mit der Rolltreppe in den Untergrund schauen Fahrgäste immer wieder fasziniert nach oben in Richtung Ufo-Architektur.

Wo leuchtet Warschau nachts?

Am neuen multimedialen Brunnen gibt es am Wochenende jeweils um 21 Uhr eine kunterbunte Lasershow.

Und was ist die Alternative zu Warschaus moderner Hochglanzwelt?

Der Stadtteil Praga auf der rechten Weichselseite. Früher wurde hier Wodka nicht nur in riesigen Fabrikhallen hergestellt, sondern auch in rauen Mengen konsumiert. Auf den ersten Blick mag das einst angeblich von Gewalt und Alkoholismus geprägte Viertel trostlos wirken. Doch Praga ist authentisch, ehrlich, ungekünstelt. Deshalb zieht es mehr und mehr Musiker, Künstler, Schauspieler und Studenten hierher. Praga ist ein Lebensgefühl. Das Nachtleben ist schrill und bunt, die Zahl der alternativen Cafés, Kneipen und hippen Clubs groß - schauen Sie im Kahlköpfigen Pinguin oder bei den Schwaden des Absurden vorbei. Außerdem ist Praga die Heimat des neuen Stadions,…

…das nachts in patriotischem Weiß-Rot erstrahlt. Was denken die Menschen über das Bauwerk?

Die meisten finden es wunderschön. Mit etwas Wehmut denken die Warschauer allerdings an seinen Vorgänger. Das auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs gebaute Stadion Dziesieciolecia ("Stadion des Zehnjährigen Jubiläums") war einst der Stolz Nachkriegspolens, es verfiel seit den achtziger Jahren jedoch immer mehr: Wo früher bis zu 100.000 Zuschauer Sportveranstaltungen und Paraden beklatschten, entstand nach der Wende der sogenannte Jarmark Europa, ein Markt mit polnischen, russischen und asiatischen Händlern.

Was gab es dort zu kaufen?

Einfach alles von Raubkopien über Markenfälschungen bis hin zu schweren Waffen - Gerüchten zufolge sogar Uran! Angeblich wurden die russischen Matroschka-Schachtelpuppen als Versteck für allerhand Verbotenes benutzt. Der illegale Markt mit jährlichen Milliardenumsätzen beflügelte die Phantasie der Einheimischen, hier entstanden zahllose Dokumentationen und sogar ein Agententhriller. Der Markt wurde aber seit 2005 nach und nach geschlossen und zuletzt als entschärfte Version in die Peripherie abgeschoben.

Und wo kriegt man heute ein originelles - und auch etwas harmloseres - Mitbringsel?

An Slavek und Slavko, den beiden offiziellen EM-Maskottchen der UEFA, kann man getrost vorbeilaufen. Sie sind ungefähr so beliebt wie der hosenlose Goleo vor der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Garantiert kitschfreie Souvenirs in Form von T-Shirts gibt es aber bei Tiszert im Hinterhof der Ulica Chmielna 21.

Womit kann man sich an spielfreien Tagen die Zeit vertreiben?

Warschaus Museen sind Orte großen Einfallsreichtums, Interaktivität ist hier kein leeres Versprechen: Indem die Besucher einem Geräusch zuhören, ein Video steuern, durch Kanalrohre kriechen und ihre sechs Sinne benutzen, erarbeiten sie sich Informationen und entscheiden selbst, was sie in welcher Reihenfolge lernen möchten. Das Museum des Warschauer Aufstands gilt für Geschichtsinteressierte als ein Muss. Musikliebhaber sollten sich das Chopin-Museum nicht entgehen lassen. Technikbegeisterte kleine und große Kinder werden das Wissenschaftszentrum Kopernikus lieben. Für alle Museen gilt wegen des enormen Andrangs: so früh wie möglich Karten reservieren.

Welches Klischee stimmt nicht?

Dass Warschau die graue Maus unter den europäischen Metropolen ist. Wie wenig an diesem Vorurteil dran ist, merken Touristen bei einem Flussspaziergang am rechten Ufer der Weichsel. Die fließt wild und unbegradigt durch die Stadt, kleine Inseln, Seitenarme und Naturschutzgebiete mit Sandbänken bieten unzähligen Vogelarten eine Heimat. Mit etwas Glück bekommt man weiße Seeadler und Störche zu sehen, oder Biber beim Nagen und Otter auf der Jagd nach dem nächsten Fisch.

Eine Liebeserklärung an Warschau…

…machte der polnische Rocksänger Czeslaw Niemen mit seiner Stadionhymne "Sen o Warszawie" (Traum von Warschau): "Irgendwann werde ich die Zeit anhalten / Und mit Flügeln wie ein Vogel / Werde ich fliegen mit aller Kraft / Dorthin wo meine Träume sind / Und die bunten Warschauer Tage." Besonders laut wird das Lied bei Fußballspielen von den Fans des Hauptstadtklubs Legia Warschau gesungen.

Wo können EM-Touristen dem Fußball-Hype entfliehen?

Im 43. und 44. Stock des Hotels InterContinental. Hier kann man gemütlich seine Bahnen ziehen oder im Whirlpool planschen. Der Eintritt zum RiverView Wellness Centre ist nicht ganz billig, aber der Ausblick auf Warschaus Skyline ist phantastisch.

Finden Touristen mit kleinem Reisebudget noch eine bezahlbare Unterkunft?

Die Hostels sind längst ausgebucht und die Preise von Hotels, Pensionen und Apartments haben angezogen. Günstige Privatunterkünfte findet man immer noch in Kleinanzeigen, außerdem gibt es in Polen eine aktive Couchsurfer-Community. Kommerzielle Anbieter mit speziellen EM-Angeboten sind Poland Accomodation und das Carlsberg Fan-Camp.

Wer gewinnt die Europameisterschaft?

Spanien spielt vielleicht besseren Fußball als Polen. Aber in einem europäischen Wettkampf um die leckerste Kaltschale kann ein Chlodnik den spanischen Gazpacho mit Sicherheit bezwingen. Am besten schmeckt das kalte Süppchen als Chlodnik litewski: mit junger Roter Beete, Gurken, saurer Sahne, Schnittlauch, Dill und hartgekochten Eiern.

Die Fragen stellte Julia Stanek

Und jetzt wollen wir von Ihnen wissen: Wo ist Polen am schönsten? Tragen Sie Ihre Tipps in unsere Weltkarte ein!

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Zur Person
  • Jan Szurmant, geboren 1976, hat Polen 2007 zu seiner Wahlheimat gemacht. Zusammen mit Magdalena Niedzielska schrieb er dort Reiseführer über Krakau und Warschau, die im Michael Müller Verlag erschienen sind. Ihre Bücher wurden bei der ITB 2011 als die besten Reiseführer über polnische Städte ausgezeichnet.

Fotostrecke
Polen: Die Städte der Fußball-EM 2012
EM-Städte in Polen - Anreise, Übernachtung, Spielplan
Danzig
Anreise
Die Anreise nach Danzig, polnisch Gdansk, erfolgt von Deutschland aus am besten mit dem Flugzeug. Rechtzeitig zur EM wird die Anzahl der Verbindungen aufgestockt. Unter anderem gibt es Verbindungen nach Frankfurt am Main, München und Berlin. Ab Juni gibt es zudem eine direkte Zugverbindung von Berlin nach Danzig. Die Fahrt dauert rund sieben Stunden.
Übernachtung
Zwar gibt es in der Stadt sowie in der Umgebung eine Vielzahl an Hotels, doch zu den Spielen sind bereits fast alle Zimmer ausgebucht. Wer mit etwas niedrigerem Standard zufrieden ist, kann noch auf der Pferderennbahn einen Platz im Zelt ergattern. Dort wird ein Fancamp errichtet.
Geplante Spiele
Am 10. Juni tritt Spanien gegen Italien an, am 14. Juni spielt Spanien gegen Irland, am 18. Juni Kroatien gehen Spanien. Außerdem wird das Viertelfinale am 22. Juni in Danzig ausgetragen, in dem Deutschland spielt, sofern die Mannschaft von Joachim Löw Gruppensieger wird.
Warschau
Anreise
Warschau ist entweder per Bahn - der mehrmals täglich verkehrende Berlin-Warszawa-Express ist gut fünf Stunden unterwegs - oder per Flugzeug zu erreichen. Es gibt auch Busverbindungen zwischen zahlreichen deutschen Städten und der polnischen Hauptstadt.
Übernachtung
Es gibt in Warschau eine große Auswahl an Hotels, aber auch günstige Hostels. Die Preise entsprechen mittlerweile westlichem Niveau.
Geplante Spiele
Das Eröffnungsspiel am 8. Juni zwischen Polen und Griechenland, am 12. Juni Polen gegen Russland, am 16. Juni Griechenland gegen Russland, ein Viertelfinale am 21. Juni und ein Halbfinale am 28. Juni.
Breslau
Anreise
Direkflüge gibt es mit der Lufthansa und der polnischen LOT ab Düsseldorf, Frankfurt am Main und München sowie mit Wizzair ab Dortmund zum Copernicus-Airport bei Breslau, von dort geht es mit der Buslinie 406 zur Innenstadt. Mit der Bahn gibt es Direktverbindungen ab Dresden und eine Eurocity-Verbindung von Hamburg über Berlin. Von Berlin aus dauert die Bahnreise gut fünf Stunden.
Übernachtung
Breslau hat ein breites Angebot an Hotels vom Hostel bis zum Fünfsternehaus. Mit der Bahn sind außerdem Städte wie Legnica (Liegnitz) und Opole (Oppeln) zu erreichen, wo es weitere Übernachtungsmöglichkeiten gibt.
Geplante Spiele
Diese Spiele finden in Breslau statt: Am 9. Juni Russland gegen Tschechien, am 12. Juni Griechenland gegen Tschechien, am 16. Juni Tschechien gegen Polen.
Posen
Anreise
Nach Posen gibt es einige direkte Flugverbindungen, etwa von Frankfurt am Main aus. Sonst gehen die Flieger eher über Warschau. Mit dem Zug dauert es von Berlin aus etwa drei Stunden, von Köln mindestens acht.
Übernachtung
In Posen und Umgebung stehen rund 60.000 Betten zur Verfügung. Darunter sind Fünf- und Viersternehotels genauso wie einfachere Pensionen und drei Fancamps, wo Besucher zelten können.
Geplante Spiele
Am 10. Juni Irland gegen Kroatien, am 14. Juni Italien gegen Kroatien und am 18. Juni Italien gegen Irland.

Fotostrecke
Städtetipp Krakau: Drachen, Droschken, Dackelparade