Waschsalon-Treff in Berlin Cappuccino zum Schleudergang

Wo kann man Partys feiern, "Tatort" gucken und Wiener Schnitzel essen? Im Waschsalon. Ihr Schmuddelimage haben die Maschinenparks längst abgelegt, manche Läden haben sogar Kultcharakter - hier treffen sich Hartz-IV-Empfänger und Touristen, Studenten und Politiker.

dapd

Berlin - So wie er angezogen ist, könnte Ulrich Guttmann in die Oper gehen oder zum Empfang beim Bundespräsidenten. Der Herr mittleren Alters trägt Anzug, Einstecktuch und Siegelring, in der Hand hält er einen Schraubenzieher. Er schreitet durch den Waschsalon, hantiert an einer Waschmaschine. Guttmann ist seit 14 Jahren Betreiber eines Waschsalons am Rosenthaler Platz in Berlin.

Die Tür öffnet sich, ein Mann im Cordjacket kommt herein, in der Hand eine Plastiktüte. Er stopft seine Schmutzwäsche in die Maschine, lässt sich auf eine Bank sinken. "Machst du mir einen Macchiato?", fragt er Guttmann. "Na klar!", antwortet der und verschwindet kurz zur Theke des Waschsalons. Dort gibt es Schokoladenkuchen und Ciabatta. Studenten sitzen in der Ecke und lesen Bücher, ein Informatiker tippt auf seinem Notebook herum.

Vor einem Jahr hat Guttmann seinen Salon renoviert, Original-Stühle aus den fünfziger Jahren hineingestellt und eine Retro-Tapete aufgeklebt. Bald verkaufe er im Salon fast so viele Getränke wie Waschgänge, sagt Guttmann. Sogar Partys habe er hier schon veranstaltet. "Die Kunden stellen immer höhere Ansprüche", sagt er. "Wenn man sich auf dem Markt behaupten will, muss man mit der Zeit gehen."

Zum "Tatort" in den Waschsalon

Waschsalons locken zunehmend mit Zusatzangeboten ihre Kundschaft an. In Hannover treffen sich die Kunden sonntags zum Waschen, "Tatort"-Schauen und Cocktailtrinken. In Jena stehen abends DJs neben den Waschtrommeln und legen auf. In Münster können Kunden Schnitzel Wiener Art oder Seelachsfilet essen, während die Wäsche geschleudert wird.

In den Salons treffen sich Menschen aus allen sozialen Schichten. Guttmann sagt, seine Kunden seien Hartz-IV-Empfänger, Studenten, Politiker. Auch der ehemalige Arbeitsminister Walter Riester komme manchmal vorbei. Guttmann duzt sie alle, er macht zwischen seinen Kunden keinen Unterschied. Manche von ihnen kennt er seit vielen Jahren: Bis in die Nacht sitzen sie manchmal zusammen, diskutieren über Politik, Philosophie, die Welt. "Der Waschsalon ist mein Wohnzimmer", sagt er.

Nobby Bangert nippt an seinem Kaffee. Auch er ist ein Stammgast. Er trägt einen Anzug, hat meist Unterlagen aus dem Büro vor sich ausgebreitet, arbeitet. "Oft werde ich aber auch durch einen Plausch abgelenkt", sagt er. "Hier ist es unterhaltsamer, als zu Hause zu waschen."

Der Frankfurter Soziologe Alfred Fuhr spricht den Waschsalons einen "Kult-Charakter" zu. Früher sei die Atmosphäre in den Salons verschämt gewesen. Hauptsächlich hätten sich dort sozial Schwache aufgehalten. Das ändere sich seit den neunziger Jahren immer mehr. "Der Waschsalon steht nicht mehr in der Schmudellecke", sagt er.

Zur Waschmaschine geboren

In Moabit, einem Stadtteil mit einem hohen Anteil von sozial schwachen Familien, schlendert Freddy Leck durch seinen Waschsalon. Walzermusik klingt durch den Raum, ein Kronleuchter strahlt von der Decke, an den Wänden kleben Brokattapeten. Leck, mit richtigem Namen Uwe Martens, trägt einen Hut und eine auffällige Brille. Seit drei Jahren ist er Inhaber des Salons.

Morgens kämen meist die Hausmütterchen, denen die Waschmaschine kaputt gegangen sei und die sich oft keine neue leisten könnten, abends die Studenten. Dazwischen viele, viele Touristen. "Man sieht hier, wie kontrastreich das Leben ist", sagt er. "Es gibt Kunden, die lieber mit ihren Hunden sprechen als mit Menschen, Liebespaare, die sich streiten, Leute, die anderthalb Stunden auf die Luke gucken." Leck vertreibt sein eigenes Waschmittel, exportiert es bis nach Japan.

"Ich bin nicht immer der glücklichste Mensch", sagt er und rückt seine Brille zurecht. "Aber eins ist sicher: Im nächsten Leben möchte ich als Waschmaschine wiedergeboren werden."

Merle Schmalenbach, dapd



insgesamt 5 Beiträge
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SirJazz 10.04.2011
1. Falsch
Ein Ort für alle Yuppies und Wahl-Berliner.
Kurt Köster 10.04.2011
2. Wisch-Wasch
Zitat von SirJazzEin Ort für alle Yuppies und Wahl-Berliner.
Vor ein paar Tagen hat sich in einer solchen Bude Merkel mit Joe Ackermann und Günther Trittin getroffen. Leider sind auf meinem Fern-Mic nur die Geräusche von der Waschmaschine drauf.
moonoi 11.04.2011
3. schon vor 30 Jahren
bin mit champagne + ghettoblaster in den waschsalon gezogen. bester waschsalon song: Marilyn Monroe - diamonds are the girls best friend. (wg:..."or help you at the automat") bester waschsalon anbaggerspruch: "teil'n wir uns nen waeschetrockner, baby?". leider bin ich mitlererweile so etabliert, dass ich eine eigene waschmaschine habe - oh my buddha, ich veruergerliche.
wilde Socke 11.04.2011
4. Escht!
Aldä, da guckstu, wie krass gut is dem Locätions in Berlin, korregt, escht! * * Posting bewusst in lokalem Slang gehalten.
Joachim Baum 12.04.2011
5. ...
Stätten der Reinigung, materiell wie spirituell, waren von je her (und sind eben noch), beliebte Treffpunkte :-)
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