Wellington Labor der Kreativen

Wellington ist winzig. Und doch treffen hier die Einflüsse der ganzen Welt aufeinander. Aus einem abgeschiedenen Verwaltungsnest hat sich die windige Hauptstadt Neuseelands zum Trendpool hochgearbeitet. Und seit "Herr der Ringe" ist Regisseur Jackson das Über-Ich der neuen Kulturmetropole.

Von Christoph Hein


Eigentlich dürfte es diese Stadt gar nicht geben. Ist sie doch gebaut auf Irrtümern und Missverständnissen. Erst segelt Captain Cook, der große Entdecker, an dieser wunderbaren Bucht einfach vorbei, übersieht den Naturhafen, der in der Welt seinesgleichen sucht. Dann kommen die Siedler der New Zealand Company - und wählen ausgerechnet Sumpfland, um ihre Zelte aufzuschlagen.

Als sie weiterziehen nach Lambton Harbour, um dort das spätere Wellington zu gründen, erweisen sich die englischen Landkarten als grundfalsch - die Berge sind nicht eingezeichnet. Dass sie auf einer der größten Erdspalten bauen, dass hier fürchterliche Erdbeben drohen, merken sie auch erst, als die Stadt 1855 in Trümmern liegt.

Dafür erweist sich das Erdbeben als erster Anstoß zur Landgewinnung: Entlang der früheren Kaimauer verläuft heute die Haupteinkaufsstraße Lambton Quay. 26 Schiffe sinken im Laufe der Jahre im Hafenbecken, weitere Hunderte in schweren Wettern vor dessen Einfahrt. Die Landebahn des Flugplatzes ist zu kurz für einen Jumbo-Jet. Und als Hauptstadt Neuseelands ist Wellington, das frühere Port Nicholson, auch nur dritte Wahl - nach Kororareka (Old Russell) und Auckland.

"Das alles ist es doch, was unsere Stadt so aufregend macht", sagt Peter Biggs und setzt sein breitestes Lächeln auf. Der Chef der Werbeagentur Clemenger BBDO hat Latein und Englische Literatur studiert, führt 70 Angestellte, joggt gerne in der Mittagspause den Mount Victoria hinauf und macht seinen zweistelligen Millionenumsatz unter anderem damit, dass er für seine Heimatstadt wirbt. Was also ist das Besondere an diesem Städtchen mit seinen 164 000 Einwohnern, Mister Biggs? "Es sind die Brüche, die Widersprüche, es ist die ständige Herausforderung durch das Wetter, den Wind, den Regen."

Wellington wurde erdacht, erbaut, erzwungen

Das sehen andere ganz anders: Wellington, gelegen "am unteren Ende unseres Landes, nicht mehr als ein kleines Hafenstädtchen", verdiene es nicht länger, Hauptstadt zu sein, stichelt John Banks, Bürgermeister von Auckland. "London - das ist Leben", stöhnte Katherine Mansfield, die berühmteste Autorin Wellingtons, und flüchtete ins ferne Großbritannien.

Ihr Geburtshaus steht noch in der Tinakori Road und ist heute Museum. Längst aber wird es überstrahlt von den neuen Attraktionen dieser Stadt. Auch die sind ihr nicht zugefallen, Wellington ist keine Hauptstadt, die aus sich selbst herausstrahlt: Sie wurde erdacht, erbaut, erzwungen. Im Umbruch 1984, als eine junge Labourregierung über Nacht das Wirtschaftssystem der Inseln auf den Kopf stellte, als Tausende Regierungsangestellte einen neuen Job suchten, wurde die Stadt aus ihrem Schlaf gerüttelt. Da entpuppte sich die graue Raupe als farbenfroher Schmetterling.

Aus dem langweiligen Beamtennest schälte sich in jahrelanger Arbeit eine Kulturstadt. Heute dauert es nur Minuten, bis ein stolzer Wellingtonian dem Neuankömmling erklärt, seine Heimatstadt habe - gemessen an der Zahl der Einwohner - mehr Cafés als New York. So gerechnet dürfte sie auch mehr Antiquariate haben. Und nun, wo die Geburtshilfe der 80er und 90er Jahre geleistet ist, hat sie auch Attraktionen, die auf der Welt ihresgleichen suchen.

"Pst, ganz still jetzt", flüstert Nigel Young. Er zieht den Kopf ein wenig dichter auf die Schultern, seine Augen verengen sich hinter der Brille. "Das war der Ruf des Kiwi-Männchens. Gleich wird das Weibchen antworten." Es ist Dämmerung im Karori Wildlife Sanctuary, und die Vögel treibt es aus allen Richtungen zu ihren Futterplätzen. "Bei uns haben viele Neuseeländer zum ersten Mal in ihrem Leben das Wappentier unseres Landes gesehen", sagt Nigel, Führer im Wildpark.

Wer dabei an Zoo oder einen Botanischen Garten denkt, liegt grundfalsch - der Karori Wildpark ist ein auf der Welt einmaliges Experiment: Das 252 Hektar große Tal mitten in Wellington soll in den kommenden 500 Jahren wieder in den unberührten Zustand zurückgeführt werden, der in Neuseeland vor Ankunft der Menschen herrschte. Dazu mussten Bäume gerodet, größere Säugetiere verjagt, kleinere wie Mäuse und Ratten mit Ködern (die per Hubschrauber abgeworfen wurden) vergiftet werden. Anschließend zogen die Neuseeländer einen Zaun um das Gelände, für dessen Entwicklung die Victoria Universität drei Jahre brauchte. Und nun? Nun kommen 50 000 Besucher im Jahr, um Urwald zu riechen und Kaka und Kiwi zu lauschen.

Karori, das Kinderzimmer-Glück

Nicht nur Touristen kommen hierher. Denn die Wellingtonians lieben, wie alle Neuseeländer, ihre Natur über alles. Karori ist ihr Rückzugsort, ihr Kinderzimmer-Glück, der ruhige Ausgleich zu einer Stadt, die wie kaum ein anderer Ort der Welt offen für Veränderungen und Konfrontation ist. Nachdem der Filmregisseur Peter Jackson und sein "Herr der Ringe"-Epos Wellington auf die Weltkarte gerückt haben, ist Jackson ein Held für die Stadt. Sozusagen das Über-Ich der neuen "Kulturmetropole" Neuseelands. Doch auch unterhalb der Ebene von Oscar und Hollywood werden Wagnisse eingegangen und neue Ideen ausprobiert. "Unser Laufsteg liegt genau vor der Haustür", sagt Jeremy Moon und weist mit der Hand aus dem Fenster. "Wenn ich mich an den Courtenay Place setze und einen Kaffee trinke, weiß ich, ob die Leute unsere Klamotten mögen."

Moon ist einer von Hunderten Kreativen, die Wellington zu dem gemacht haben, was es ist. Der 34-Jährige erobert mit seiner Designermarke "Icebreaker" gerade die Welt. Sie ist beispielhaft für eine Mixtur, die in der kleinen Hauptstadt gebraut wurde: Das Design ist hypermodern, die Technik ebenso, aber die Grundlage des Ganzen ist Neuseelands wichtigster Rohstoff - Wolle. Klassische Merinowolle. Jeremy Moon hat sich nach dem Marketingstudium mit einem Farmer zusammengetan, hat neuartige Web- und Stricktechniken entwickelt, ein Label gegründet, dessen frischer Auftritt Trendmarken in London oder New York in nichts nachsteht, und nutzt das positive Image seines Heimatlandes für den Absatz.

Früher hatte sich Moon lange im Ausland herumgetrieben. Am Ende entschied er sich, in seine Heimat zurückzukehren, gründete eine Familie und baute ein Haus hoch über den Klippen der Cookstraße. "Es gibt für uns keinen besseren Platz als Wellington", sagt der Jungunternehmer. "Natürlich sitzen wir hier weit ab vom Schuss. Aber kein Platz der Erde bietet so viel. Wellington ist winzig. Sie können die Stadt in einer Stunde zu Fuß durchqueren. Und doch treffen hier die Einflüsse der ganzen Welt aufeinander. Nirgendwo herrscht ein solches Klima wie hier - und damit meine ich nicht die Temperatur. Ich habe in einigen Großstädten gelebt, aber ich will in Wellington bleiben."

Von den Vorteilen der Einwanderer

Moon hatte die Wahl, Dietrich Adam nicht. 1934 emigrierte seine Familie - der Vater ein bekannter Berliner Textilfabrikant - nach England. Adam überlebte den Krieg als Pilot der Royal Air Force, wanderte dann nach Neuseeland aus. Er ist nicht der einzige Jude, der hier am Ende der Welt eine neue Heimat fand - und sich hocharbeitete: Erst nähte Adam Regenmäntel, dann verkaufte er Versicherungspolicen. Er übernahm eine Tankstelle, gründete eine eigene Versicherungsgesellschaft, verkaufte sie später an die Allianz.

"Wollen Sie etwas über den guten Einfluss der Einwanderung erfahren, müssen Sie nur in eine Bäckerei oder ein Restaurant zu gehen", sagt Adam. "Bis in die achtziger Jahre gab es hier nur Toastbrot oder Spaghetti. Kein einziges Café. Heute finden Sie beim Bäcker alle Sorten Brot, die es auf der Welt gibt." Charmante Wahrzeichen der Vorstädte: zweistöckige Villen der Jahrhundertwende aus Kauriholz mit verglasten Veranden zur Seeseite hin.

Nicht nur das Brot kündet von der Vielfalt, die Wellington ausmacht. Auf einer einfachen Holztafel vor der Wesley-Methodist-Kirche in der Taranaki Street steht: "Gottesdienste um 10 Uhr in Englisch, um 11.30 Uhr in Tongan, 14 Uhr Samoan, 16 Uhr Fijian". In den Worten von Wellingtons Bürgermeisterin Kerry Prendergast klingt das so: "Wir brauchen mehr Immigranten, schon um unsere offenen Stellen zu füllen. Aber sie tragen auch entscheidend zur Entfaltung unseres kulturellen Lebens bei."

Sicher, manchen, die in Wellington geboren sind, wird es hier zu eng, sie wollen ihre Grenzen sprengen, den Rest der Welt sehen. So wie der Sage nach die beiden Seeungeheuer, gefangen in der heutigen Bucht, die damals noch ein See war. Ngaki gelang die Flucht, er brach durch die Berge ins offene Meer hinaus und schuf damit die Zufahrt in das Hafenbecken. Whaitatai aber strandete, sein Rücken bildet die Halbinsel Miramar.

Von hier aus starten die Wellingtonians heute auf ihre Reisen - hier liegt der Flugplatz. "Aber die meisten kommen doch eines Tages zurück; sie wissen, was sie an Wellington haben", sagt die Bürgermeisterin. Im Amtszimmer mit Meerblick sitzt eine selbstbewusste Frau. Die gelernte Hebamme will die kreative Seite Wellingtons ans Licht holen: "Wir wollen die pfiffigste Kleinstadt der Erde werden", sagt Prendergast. Und die Sticheleien von Banks, dem Bürgermeister des größeren Auckland? "Der ist doch nur neidisch", sagt sie leise.

Die starken Frauen von Wellington

Starke Frauen gibt es viele in Wellington: Neuseelands Ministerpräsidentin Helen Clark ist eine, dann Silvia Cartwright als Vertreterin der britischen Königin Staatschefin des Inselreiches und die Generalstaatsanwältin Margaret Wilson. Neuseeland hat 1893 als erster Staat der Welt das Wahlrecht für Frauen eingeführt. In Wellingtons Kathedrale des heiligen Paulus hängt eine riesige Tafel, auf der "Führende Frauen" verewigt sind.

Auf diese Tafel wird es Gareth Farr nicht schaffen, wenngleich er leidenschaftlich gern als Drag Queen seinen Auftritt sucht: Der große, junge Komponist des Landes, dessen Werke vor Ministern und Staatschefs gespielt werden, der die Eröffnung des Nationalmuseums Te Papa orchestrierte, genießt es, den Transvestiten zu geben. In seinem winzigen Haus weit draußen am Meer, wo Pazifik und Tasman-See sich unter Schaumkronen vermählen, komponiert er am Computer und hortet kniehohe Stiefel, Federboas und Andenken an Reisen nach Südostasien.

"Wir wohnen hier auf einer Erdbebenspalte - jederzeit kann alles vorbei sein. Alle sehen das Meer, seine Weite. Du bekommst immer Luft, hast die Sicherheit der Berge im Rücken. Und es gibt keine Stadtviertel, die einzelnen Minderheiten zugeordnet sind - hier mischt sich alles." Er nippt an seinem Milchkaffee. "Wir fühlen uns wie Menschen, die unter dem Vulkan leben. Der macht so viel Angst, dass wir aufgegeben haben, darüber nachzudenken."

Protzen hat diese Stadt nicht nötig, statt dunkler Beamtenanzüge trägt man hier das Schwarz der Avantgarde oder einfach T-Shirt und kurze Hosen. Die Menschen halten das Gesicht in den Wind, auch wenn der "southerly gale" weht, der Sturm vom Ende der Welt. Das Motto ihrer Stadt, geschrieben vom Dichter Lauris Edmond, steht in eine graue Betonplatte gemeißelt an Wellingtons Writers' Walk, einem von der Poesie geleiteten Spazierweg am Ende der City to Sea Bridge, der Brücke zwischen Stadt und Meer: "Hier kannst du wirklich nicht nur aus Zufall leben, du musst sein, etwas machen, nicht nur zuschauen, nicht bloß dabeistehen. Das ist die Stadt des Handelns, die Welthauptstadt des Verbs."



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