Stadtführung durch Wien "Für eine Obdachlose war ich overdressed"

Barbara war Inhaberin einer Kunstgalerie in Wien. Dann wurde sie krank - und landete auf der Straße. Heute erzählt sie bei Stadtführungen über Obdachlosigkeit und verrät, wie man helfen kann.

AFP

Von , Wien


Obdachlosigkeit könne jeden treffen, das hat man schon häufiger gehört. Dass dieser Satz stimmt, wird klar, wenn ihn Barbara sagt. Und dass man nicht einmal selbst daran schuld sein muss. Barbara bietet Stadtführungen in Wien an, im ersten Bezirk, vom Heldenplatz, vorbei an vielen Sehenswürdigkeiten wie der Hofburg und der Staatsoper, bis zum Franziskanerplatz. Aber über Kaiser und Sisi erzählt sie nichts. Ihr Thema ist ein anderes.

Eine kleine Gruppe hat sich an diesem eisigen Märztag am Heldenplatz eingefunden: drei Geschwister, die in Wien studieren, sowie ein Vater und sein Sohn, die sich in der Stadt sozial engagieren. An manchen Tagen sind die 15 Plätze für die zweistündige Tour zu Fuß ausgebucht. Oft ist Barbara auch mit Schulklassen unterwegs. Gleich zu Beginn sagt sie, dass sie selbst einmal obdachlos war. Ganz unten.

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Wien von unten: "Obdachlos kann jeder werden"

Dass sie nun wieder auf dem Weg nach oben ist, dabei hat ihr auch das Konzept von Shades Tours geholfen. Ziel des 2015 von einer Tourismusmanagerin und Entwicklungshelferin gegründeten Unternehmens ist es, wohnungslosen Menschen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Barbara ist, wie fünf weitere Guides, bei der Firma geringfügig beschäftigt. Sie hatte im Radio davon gehört, angerufen und gleich einen Job angeboten bekommen.

"Obdachlose einfach ansprechen"

In Wien gibt es außerdem noch den Verein Supertramps, der ebenfalls solche Touren anbietet. Beiden Einrichtungen geht es darum zu zeigen, wie Obdachlose ihre Stadt sehen, über das Thema Obdachlosigkeit zu informieren, aber auch darum, Vorurteile abzubauen und zu informieren, wie man helfen kann.

"Die Teilnahme an unserer Stadtführung ist schon mal eine Hilfe, denn Sie geben uns Arbeit", sagt Barbara zu den Tourteilnehmern. Spenden sei eine weitere Möglichkeit, Sachspenden oder auch Zeit, in der man in Suppenküchen koche oder Menschen betreue. "Manchmal hilft schon, Obdachlose einfach anzusprechen. Wenn die merkwürdig reagieren, darf man nicht vergessen, dass sie oft psychische Probleme haben. Das ist nie persönlich gemeint."

Drei Arten von Obdachlosigkeit gebe es, informiert Barbara ihre Gruppe. Zum einen sei da die "harte Obdachlosigkeit", also Menschen, die tatsächlich ohne Dach über dem Kopf seien. Davon gebe es in Wien etwa 1800. "Das entspricht 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung, eine der niedrigsten Quoten weltweit."

Dann seien da die "wohnungslosen Menschen", also jene, die in Übergangshäusern oder sozialen Einrichtungen lebten. "Das betrifft in Wien 2500 Menschen", sagt Barbara. Und schließlich sei da noch die Gruppe der "verdeckt Obdachlosen", also jene, die bei Freunden oder Bekannten Unterschlupf fänden. "Schätzungen gehen von 5000 bis 10.000 Betroffenen in Wien aus."

Die Krankenversicherung schickte den Gerichtsvollzieher

Eineinhalb Jahre lang lebte Barbara selbst auf der Straße. Im ersten Bezirk Wiens hatte sie nach einem Studium der Kunstgeschichte eine gut gehende Galerie, als sie an Brustkrebs erkrankte. "Plötzlich konnte ich nicht mehr arbeiten." Die Einkünfte blieben aus, sie musste ihre Firma schließen. "Alle Rechnungen konnte ich noch begleichen, aber für die Krankenversicherung blieb kein Geld mehr."

Die schickte angesichts der teuren Krebsbehandlung den Gerichtsvollzieher. Barbara war all ihr Hab und Gut los. "Familie hatte ich keine mehr, und mit Freunden ist das so eine Sache, wenn man ohne Haare nach einer Chemotherapie vor der Tür steht." Also landete sie auf der Straße. "Damals besaß ich tolle Kleider", erinnert sie sich. "Als Obdachlose war ich am Anfang völlig overdressed", sagt sie und lacht.

Frauen, sagt Barbara, seien insgesamt seltener von Obdachlosigkeit betroffen. "Das liegt auch daran, dass sie sich häufiger zu helfen wissen oder bei sogenannten Freunden unterkommen, sprich: sich sexuell ausbeuten lassen und dafür bei einem Mann wohnen dürfen." Langzeitarbeitslosigkeit sei die Hauptursache für den Verlust der Wohnung, Krankheit, Sucht, Schulden und soziale Probleme seien weitere Gründe, erzählt sie beim Spaziergang durch den Burggarten, wo sich bis vor einigen Jahren besonders viele Obdachlose aufhielten.

Dass man sie derzeit relativ selten sehe, liege daran, dass die meisten in Notunterkünften übernachteten. Überhaupt hört man bei dieser Tour mehr als man sieht. "1600 Notbetten gibt es von Anfang November bis Ende April in Wien", sagt Barbara. "Das ist toll, deckt aber nicht die komplette kalte Zeit ab." Im Oktober und im Mai werde Obdachlosigkeit dafür besonders sichtbar. Als die Tour bei der Staatsoper ankommt, bleibt Barbara am Bühneneingang stehen. "Der wurde vor 2010, als es noch keine Notschlafstätten im Winter gab, geöffnet, und dann durften Obdachlose hier übernachten."

Wie war das für sie, von einem Tag auf den anderen ohne feste Bleibe zu sein? Barbara überlegt. "Großer Stress. Vor allem hat es mir Mühe gemacht, den Tag zu strukturieren." Sie engagierte sich in der Flüchtlingshilfe und fand nach eineinhalb Jahren Obdachlosigkeit wieder eine feste Bleibe - bei Flüchtlingen. "Sie nahmen mich in ihrer WG auf", sagt sie. Da lebe sie bis heute, helfe bei Behördengängen und Übersetzungen und dürfe dafür bei ihnen wohnen.

Für Barbara liegt ihre Zukunft im Tourismus

Bald habe sie seit zwei Jahren eine feste Meldeadresse und sei damit berechtigt, eine städtische Wohnung zugewiesen zu bekommen. Die Tour führt an einem solchen Gemeindebau vorbei. Die Stadt Wien verfügt über rund 240.000 Wohnungen und ist damit einer der größten Immobilienbesitzer der Welt. Eine 30-Quadratmeter-Wohnung bekomme man dort für etwa 280 Euro.

Das Konzept, dass Obdachlose Stadtführungen anbieten, gibt es schon seit einigen Jahren in anderen Städten, zum Beispiel in Barcelona, London oder Prag, aber auch in Deutschland - in Berlin, Hamburg oder Stuttgart. "Aber wir konnten das Konzept, wo einem Obdachlose Sehenswürdigkeiten zeigen, nicht einfach kopieren", sagt Barbara.

In Österreich müsse ein Fremdenführer nämlich, anders als zum Beispiel in Deutschland, wo das ein freier Beruf sei, eine zweijährige Ausbildung absolvieren und eine Prüfung ablegen. Für die Obdachlosentouren gelte aber eine Ausnahme. "Ich bin gerade dabei, diese Ausbildung zu absolvieren", sagt Barbara, sie sieht ihre Zukunft in der Tourismusbranche.

Sie findet, sie habe es noch relativ gut. "Wien ist eine sehr soziale Stadt, im Vergleich zu anderen", sagt sie. 844 Euro Mindestsicherung bekomme ein Bedürftiger, davon 210 Euro fürs Wohnen. Eine Studentin aus der Gruppe findet das viel Geld. "Ich habe selbst 700 Euro im Monat zur Verfügung", sagt sie. "Das Problem", antwortet Barbara, "ist, dass man als Obdachloser trotz des Geldes keinen Mietvertrag bekommt." Und die Hälfte aller Obdachlosen bekomme nichts, etwa weil sie EU-Ausländer und damit nicht anspruchsberechtigt seien. "Die haben dann buchstäblich nichts."

Aber ja, die Summe sei nicht wenig, manch einer lege etwas zurück. Sie selbst habe einen Teil des Geldes nutzen können, um ihre Schulden bei der Krankenversicherung zu begleichen. "Das habe ich fast geschafft", sagt sie. "Und außerdem habe ich meine Krankheit überwunden. Ich bin wieder gesund."

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
hoeffertobias 12.03.2018
1. Seltsam....
"Familie hatte ich keine mehr, und mit Freunden ist das so eine Sache, wenn man ohne Haare nach einer Chemotherapie vor der Tür steht." Was sind denn das bitte für Freunde? Es scheint so, als würde doch etwas mehr dahinter stecken, als die Krankheit alleine.....
Wellenreiterin 12.03.2018
2. Hut ab
und alles Gute!
io_gbg 12.03.2018
3.
Zitat von hoeffertobias"Familie hatte ich keine mehr, und mit Freunden ist das so eine Sache, wenn man ohne Haare nach einer Chemotherapie vor der Tür steht." Was sind denn das bitte für Freunde? Es scheint so, als würde doch etwas mehr dahinter stecken, als die Krankheit alleine.....
Da muss doch "etwas mehr dahinter stecken". Ja, Krebs ist für viele ein Tabu. Es ist gar nicht selten, dass Menschen solche Angst vor Krebs haben, dass sie den Kontakt zu Krebskranken ablehnen oder wenigstens nicht reagieren, wenn sie erfahren, dass jemand Krebs hat. Habe das selbst erlebt, wenn auch nicht so krass.
le.toubib 12.03.2018
4. "Ich bin wieder gesund."
Na, diesen Satz hätte ich mir verkniffen. Denn das dachten wir auch mal ...
touri 12.03.2018
5.
Gibt es denn in Österreich keine soziale Absicherung? Heute früh erst in einem Thread gelesen, wo sich alle über Harz IV beschwert haben. Scheint ja geradezu paradiesisch zu sein im Vergleich zu Österreich.
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