Wintersegeln auf der Elbe Tschüs, Trubel

Die Hamburger City ist ein einziger Rummel, die Tage vor dem Fest werden immer hektischer. Marc Bielefeld löst die Taue und segelt dem städtischen Trubel einfach davon, die Elbe hinab.

Marc Bielefeld

An diesem Tag im Dezember legt sich das erste Mal eine dünne Frostschicht übers Deck. Das Wasser hat nur noch drei Grad, die Luft schneidet vor Kälte. Aber die Elbe lässt sich durch die Minusgrade nicht beirren. Gleichgültig fließt sie von Ost nach West. Dieser hellbraune Strom, der sich um nichts schert.

Alle sechs Stunden bringt der Mond den Fluss ins Wanken. Die Tide kippt, das Wasser strömt über die dunklen Matschbänke. Ich scheine der Letzte zu sein, der jetzt noch auf einem Boot unterwegs ist. Die meisten Segelschiffe halten längst Winterruhe, abgestellt im Lager.

Doch kann ich noch nicht so recht lassen von diesem Dasein auf dem Wasser. In der Kajüte brennt die Petroleumlampe, die Dieselheizung rauscht. Durch die Bullaugen sehe ich die Frachter und Schuten, die in den Hamburger Hafen fahren. Stoisch schippern sie über das kabbelige Wasser.

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Wintersegeln auf der Elbe: Ein letzer Törn in diesem Jahr

Seit fünf Jahren verbringe ich die meiste Zeit auf meiner alten "Phurieng", einem Segelboot der Lion Class. Lebe dort, arbeite dort, wann immer es geht. Mein Boot ist meine Raumkapsel, die mich mühelos der Hektik enthebt. Die Wohnung in Hamburg habe ich weggegeben. Es fühlte sich irgendwann ein bisschen seltsam an, wieder in der Stadt zu sein. Nach all den Bootszeiten ging mir die Stadt an die Kehle. Die Häuser, die Autos, die Menschen. Die Hetze.

Segelhafen im Herzen der Stadt

Am frühen Nachmittag löse ich die Leinen, fahre von Finkenwerder in die Stadt hinein. An Steuerbord zieht die Station der Hafenlotsen vorbei, die Strandperle-Bar am Nordufer. Die Kräne der Containerterminals kommen in Sicht, die Docks von Blohm & Voss, die Landungsbrücken, die Spitze des Michels. Überall dicke Pötte, Schlepper, Fähren. In spitzen Zacken klatscht das Wasser an den Bug.

Vor dem Boot baut sich die Innenstadt auf, die alten Speicher, die Elbphilharmonie. Vom Wasser aus betrachtet, sieht sie aus wie ein falsch montiertes Zirkuszelt, aber sie blitzt hübsch in der Sonne. Im City-Sportboothafen mache ich fest, liege nun mitten in der Stadt. Ich sitze auf dem Boot und kann die U-Bahn sehen. Die Menschen, die hinein- und hinausströmen. Das Leben, das sich hier fast ausschließlich um Arbeit zu drehen scheint.

Vom Steg in die Stadt sind es nur Minuten zu Fuß, und ich versuche in diesen Tagen vor dem heiligen Fest, noch einen weihnachtsmarktfreien Quadratzentimeter zu erspähen. Ich gehe über den Weihnachtsmarkt am Rathaus, der nächste beginnt an der Sankt-Petri-Kirche, der nächste auf der Mönckebergstraße, der nächste in der Spitalerstraße, der nächste am Jungfernstieg, der nächste am Gänsemarkt, der nächste auf der Fleetinsel.

Zwischen den großen Zentralweihnachtsmärkten liegen viele kleine Ableger. Buden, Stände, der Geruch von Schmalz. Die gesamte Hamburger Innenstadt ist ein einziger Rummelplatz.

Als ich einen der Stände ansteuere, um einen Glühwein zu bestellen, werde ich fast zermalmt. Die Frau am Tresen sagt: "Die Leute haben Löcher im Magen." Auf St. Pauli breitet sich der nächste Weihnachtsmarkt aus. Es soll laut Hamburg-Werbung der "geilste der Stadt" sein, eine "Kombination aus klassischem Weihnachtsambiente und knisternder Erotik". Eine Kaminlounge haben sie dort aufgebaut, eine Cocktailbar und ein Stripzelt, in dem beim Pornokaraoke geflissentlich gestöhnt wird.

Es ist dunkel geworden. Ich sehe den Mond. Er gleicht in diesen Tagen einer feinen, fast orientalischen Sichel. Ganz flach hängt er am Himmel über der Stadt. Ich will nach Hause. Unten am Steg, in der Nähe der "Cap San Diego" und des Feuerschiffs, dümpelt meine "Phurieng" in den kleinen Wellen. Und es ist, wie es immer ist. Ich muss nur mein Boot betreten, schon fühle ich mich geborgen.

Und ich denke mir, dass es vielleicht nicht schaden kann, mich noch mal ein ganz klein wenig vom Acker zu machen, die Taue zu lösen.

Alles feucht, alles nebelig

Mit ablaufendem Wasser fahre ich am Morgen stromabwärts. Nebel zieht über die Elbe, ein kalter Nieselregen rupft am Wasser. Fast 400 Meter lange Containerschiffe steuern den Hafen an, hoch beladen mit Waren. Das weiße Blankenese trieft im Dunst, verblasst schnell. Ich steuere gen Westen, hinaus auf die immer einsamer werdende Elbe. Letzte Hanseatenvillen kleben an den Ufern, danach versinkt die Welt in der trüben Suppe. Vor dem Bug: nichts als graubraunes Geschwabbel, monochrome Düsternis.

Das Boot passiert den Lühesand, die Pagensander Niederelbe. Wir machen über sieben Knoten, die Ebbe schiebt gewaltig, am Rumpf klatscht das Wasser hoch. Die Tonnen lehnen in der Strömung, wie Totenwächter ragen die letzten Leuchtfeuer ins amorphe Grau. Alles feucht, alles kalt. Keine Wärme, keine Farben.

Tags darauf steuere ich durch den Ruthenstrom, weit draußen im Kehdinger Land. Eine kalte Sonne spiegelt sich in dem schmalen Seitenarm, ein verlassener Dampfer steckt im Schlick. Ansonsten nur Schilf und Wiesen, Pferde und Vögel, die dem Winter trotzen. Kein Mensch mehr weit und breit, kein Zeichen, keine Seele. Lediglich das nahe Ufer will sich machtvoll Gehör verschaffen. Die Bäume ächzen im Wind.

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Marc Bielefeld:
Den Wind im Gepäck: Über das einfache Leben auf einem alten Segelboot

Ludwig Buchverlag, 272 Seiten, 19,99 Euro

Um halb fünf senkt sich die Nacht über die Elbe, über das Boot, über mich. Mutterseelenallein liegen wir im schwindenden Fluss, vertäut an einem ölverschmierten, rostigen Ponton. Ein letzter Nebelschleier geistert über das Wasser, dann scheint die gesamte Welt in sich selbst zu ertrinken. Alles Licht verschwindet. Keinerlei Ablenkung mehr, keinerlei Reize. Einzig Ebbe und Flut sind jetzt noch zu vernehmen. Das Gurgeln des kommenden und gehenden Wassers am Rumpf. Ein Sog, ein feines Fließen in der Schwärze.

Nichts wärmt. Niemand fragt, wo ich bin und was ich tue. Denn hier draußen an der Elbe, nur 20 Seemeilen entfernt vom Weihnachtsmarkttrubel, hat nicht einmal mein Handy mehr Empfang.

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