WLAN-Pilotprojekt Heidelberg - ein einziger Hotspot

Eine ganze City als Internet-Hotspot: Als erste deutsche Stadt hat Heidelberg ein eigenes WLAN-Funknetz eingeführt. Touristen finden damit per Handy oder Minicomputer zu Sehenswürdigkeiten und Restaurants. Das braucht künftig jede Stadt, sagen die Erfinder.


Mühsam kämpfen sich die vollbeladenen Busse den Schlossberg hoch. Durch getönte Fensterscheiben starren dunkle Augenpaare gebannt auf die Gründerzeitvillen am Wegesrand. Unten, im Gewirr der Altstadt, verstopfen Japaner scharenweise die Gassen, und auf dem Weihnachtsmarkt erbeuten entzückte Amerikanerinnen säckeweise Nippes. Heidelberg ist das Epizentrum des deutschen Romantik-Tourismus. Im Ausland ist der Ruf der Stadt legendär, in Deutschland dagegen gilt sie als eine Art historisches Disneyland, als spießig und kitschig. Zu unrecht. Wer will, kann hier Einiges entdecken, und den Touristik-Fachleuten liegt alles daran, den Besuchern ihren Aufenthalt zu erleichtern. Ab sofort kommt dabei modernste Technik zum Einsatz.

Als erste deutsche Stadt verfügt Heidelberg seit gestern über ein eigenes WLAN-Funknetz für Touristen. Das System wurde von Experten des European Media Laboratory (EML) der Klaus-Tschira-Stiftung entwickelt. Zur Vermarktung und zum Ausbau des "Stadtportals" gründete man zusammen mit dem WLAN-Provider MEG die Firma Heidelberg mobil GmbH. Die Stadtverwaltung und ihre Kongress und Tourismus Gesellschaft unterstützen das Projekt. "Wir zeigen, dass ein romantisches Ambiente und eine ambitionierte Technologie durchaus miteinander im Einklang stehen können", sagt EML-Pressesprecher Peter Saueressig stolz.

Jeder, der mit einem empfangfähigen Handy, Mini-Computer oder einem ähnlichen Gerät in der Altstadt unterwegs ist, soll laufend touristische Informationen, Hotel- und Restaurant-Adressen sowie das aktuelle Kulturprogramm abrufen können. Heidelbergs Geschichte und seine Sehenswürdigkeiten werden in hörspielähnlicher Form präsentiert, wer mehr wissen will, kann auf ausführliche Texte zugreifen. Ein Navigations-Stadtplan hilft, den richtigen Weg zu finden. Alles in einer Hand.

Die Heilige Jungfrau blickt von oben herab

Für Nils Kroesen, Geschäftsführer der Heidelberger Kongress und Tourismus GmbH, ist die neue Technologie ein echtes Prestige-Projekt. "Wir denken, dass in Zukunft ein WLAN-Netz zum normalen Service-Angebot einer Stadt gehören wird", sagt er. "Heidelberg möchte Trendsetter sein und den Weg dorthin aufzeigen." An Visionen mangelt es den Verantwortlichen offensichtlich nicht. Sie denken bereits über einen möglichen Export des Systems in andere Städten nach. Die Touristen-Betreuung soll revolutioniert werden. "Wir wollen, dass der Gast möglichst alle seine Wünsche erfüllen kann", sagt Kroesen. Große Ziele - doch was leistet die Technik wirklich?

Vanessa Micelli tippt mit einem Stift auf den Bildschirm ihres Smartphones, bis ein Punkt auf dem Stadtplan unsere Position anzeigt. Wir befinden uns auf dem Kornmarkt, nahe am Rathaus. Bretterbuden und heimatlose Fichten markieren den Grenzbereich des Weihnachtsmarktes. Aus dem Kopfsteinpflaster ragt ein barocker Brunnen empor. Die Heilige Jungfrau und ihr Kind blicken von oben herab. Das Denkmal ist eines der wichtigsten hiesigen Zeugnisse der Gegenreformation, die in Heidelberg besonders stark wütete. Trotzdem schweigt das Smartphone. Ihm ist keinerlei Information über die Statue zu entlocken. "Offensichtlich ein evangelisches Gerät", schmunzelt Micelli.

Der "Karzer" in der Augustinergasse ist der Technik dagegen wohlbekannt. Ein Klick, eine kurze Ladezeit, und schon erzählen die nachgestellten Stimmen der Kurfürstin Liselotte von der Pfalz und des Hofzwergen Perkeo im Plauderton die Geschichte des ehemaligen Studentengefängnisses. Wer irgendwann Appetit verspürt, kann zwischen deutschen, italienischen und diversen anderen Küchen auswählen und das entsprechende Angebot an Restaurants abrufen. Die Entfernungen zu den Gaststätten werden metergenau angegeben. Das "Schnookeloch", ein Ur-Heidelberger Traditionslokal, fehlt allerdings auf der Liste.

Im kommenden Jahr soll das Funknetz lückenlos sein

"Wir befinden uns noch in der Testphase, da läuft natürlich nicht alles perfekt", betont Matthias Blatz, technischer Geschäftsführer von MEG. Viele Informationen müssen noch hinzugefügt werden, und auch das Funknetz sei bei weitem nicht vollständig. "Wir brauchen wahrscheinlich über 100 Hotspots, um die gesamte Altstadt flächendeckend zu versorgen." Zurzeit sind immerhin schon über 40 Stück aktiv. "Die vielen privaten Hotspots sind ein Problem, und auch schnurlose Telefone", fährt Blatz fort. "Sie können eine erhebliche Störwirkung entfalten."

Im kommenden Jahr wollen die Techniker das Funknetz lückenlos schließen. Während der Testphase wird der Service kostenlos sein. Altstadt-Einwohner, die über einen Laptop mit WLAN-Zugang verfügen, können davon ebenfalls profitieren und bald gratis im Internet surfen. Und später? Christoph Zwiener von der Heidelberg mobil GmbH mag nichts Genaueres über zukünftige Gebühren sagen: "Die Kostenmodelle stehen noch nicht auf Papier."

Die Präsentation ist zu Ende. Heidelberg hat sich mal wieder von der modernen Seite gezeigt und erneut sein Potential als innovativer Technologie-Standort bewiesen. Die Zukunft steht weit offen. Später jedoch, beim ziellosen Spaziergang in der Dämmerung, kommt man noch etwas anderem auf die Spur – dem Geist dieser Stadt.

Vor der imposanten Fassade der Universitätsbibliothek schwärmen Studenten. Aus der Peterskirche weht Chorgesang herüber. Fahrräder flitzen durch schmale Straßen. Die Stadt lebt, bewegt sich. An einer Bushaltestelle unterhalten sich zwei junge Frauen angeregt in einer osteuropäischen Sprache, während eine Gruppe Südamerikaner flachsend an ihnen vorbei zur Mensa eilt. Der Himmel droht mit Regen, die Menschen suchen Wärme. In der Steingasse lockt Sylvie’s Bar mit italienischer Atmosphäre und erstklassigem Kaffee. Dort, an einem Ecktisch, sitzt ein offensichtlich verliebtes Paar über einen Stadtplan gebeugt. Sie bestellen noch zwei Cappucini und schmieden weiter voller Vorfreude ihre Pläne.



insgesamt 14 Beiträge
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milkyway, 06.12.2006
1. Euphorie der Möglichkeiten
Bei all der Euphorie über die neuen Möglichkeiten darf nicht vergessen werden, dass all die WLAN oder hotspot-basierten Angebote auf einer nicht entgültig erforschten Technik basieren! Die gesundheitlichen Langzeitschäden, die durch flächendeckende Bestrahlung in Stadtgebieten -wie im Falle Heidelbergs- erfolgen, sind den meisten nahezu unbekannt; dabei ist der Zusammenhang zwischen Hochfrequenzstrahlung und Leukämie, Depression, Schlaflosigkeit u.ä. wissenschaftlich erwiesen. Ich möchte meinen Balkon jedenfalls nicht mit einem Hotspot-Sender teilen, auch wenn das die japanischen Touristen glücklich macht. In Japan ist übrigens die Benutzung von Mobilfunktechnik in öffentlichen Zonen (Nahverkehr usw.) aus gesundheitlichen Gründen verboten!
bonbox 06.12.2006
2. nichts
entdecken ist besser
steh-fan, 06.12.2006
3. WLAN vs. UMTS
Die Firmen, die für viel Geld die UMTS-Lizenzen erworben haben werden sich sicherlich freuen!
gagaga, 07.12.2006
4.
wer braucht denn diesen schrott? der erfinder der sache hat sich damit ein viertele verdient indem er es gut verkauft hat, aber wirklich brauchen tut es keiner. von den ungewissen folgen mal ganz abgesehen. ich nehme an dass es mehr bewohner geben wird die nicht besonders erfreut sind im dauerwlanbeschuss zu wohnen als bewohner die glücklich über die sache sind. man kann nur hoffen dass soviel blinder erfindergeist in einem flop endet.
clericot, 07.12.2006
5. Chancen sehen
Ich kann mich über die bisherigen Kommentare zu diesem Thema nur wundern. Wieso ist man hier immer so zukunftsfeindlich und technik-kritisch? Statt auch einmal die Chancen zu sehen, die ein solches System bietet, werden immer nur die Risiken angesprochen. Ist das typisch deutsch? Ist das representativ für dieses Land? Oder erheben hier nur die, die sowieso immer etwas zu "meckern" haben, ihre Stimme, während die große Mehrheit schweigt? Ich bin Südamerikaner (seit 8 Jahren in Deutschland) und kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie großartig ein solches System in Rio, Salvador, Sao Paulo, Buenos Aires oder Santiago wäre. Das beschriebene System zeigt, wohin die Reise zukünftig im Tourismus gehen wird. Technik sinnvoll nutzbar machen und mit anderen Systemen wie Mobiltelefon, Navigation oder Computer verknüfen - das ist ein Weg. Und während man in diesem Land wahrscheinlich noch in 5 Jahren über die nicht erforschten Restrisiken debattiert, geht in anderen Ländern mit digitalen Stadführern längst "die Post ab", wird Geld verdient und Service geboten. Tolle Sache.
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